Kindsmörder Martin N. Was wurde aus dem "Maskenmann"?

Als "Maskenmann" wurde er in Norddeutschland bekannt, seit fünf Jahren sitzt der Kindsmörder Martin N. in Haft. Der Fall ist noch nicht abgeschlossen: Die Ermittler können das Passwort seiner Festplatten nicht knacken.

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Wohl jeder, der im vergangenen Vierteljahrhundert in Norddeutschland lebte, las oder hörte irgendwann vom "Maskenmann". Kinder in Schullandheimen und Internaten berichteten immer wieder von jenem vermummten Unbekannten, der nachts plötzlich an ihren Betten stand, erst unter die Bettdecke und dann in ihre Schlafanzughose griff. Einige seiner Opfer tötete der Mann.

2011 kam die Sonderkommission "Dennis" dem Täter endlich auf die Schliche, seitdem sitzt Martin N. im Gefängnis - er ist zu lebenslanger Haft verurteilt . Doch der aufsehenerregende Fall beschäftigt die Ermittler nach wie vor, denn die niemals aufgelöste Soko "Dennis" will noch eine zentrale Frage beantworten: Welche Daten sind auf den Computern und Festplatten des Mörders versteckt, die er mit komplexen Verschlüsselungssystemen sicherte und unter seiner Dunstabzugshaube versteckte?

"Weder war der Beschuldigte bislang bereit, uns das Passwort zu nennen, noch konnten wir es in den vergangenen fünf Jahren mit technischen Hilfsmitteln knacken", sagt Oberstaatsanwalt Kai Thomas Breas. Die Bemühungen, das hochkomplexe Verschlüsselungssystem mit der Zufallsmethode zu knacken, seien daher nun eingestellt worden. "Das macht keinen Sinn mehr, wir kriegen es so einfach nicht hin", sagt Breas. "Die Verschlüsselungssoftware war schon damals so gut, dass wir das Passwort auch heute nicht knacken können."

Die vier Mitarbeiter der Soko arbeiten daher nur noch "anlassbezogen", wie der Chefermittler sagt. "Es besteht gleichwohl großes Interesse, dieses Passwort zu erhalten. Wir versuchen alles - mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln." Gelingen soll das nun mit der Hilfe desjenigen, der das geringste Interesse daran haben dürfte: der "Maskenmann" .

Ermittler hoffen auf Hinweise zu unaufgeklärten Taten

Die Ermittler pflegten regen Kontakt zu Martin N., sagt Helge Cassens von der Polizei in Verden. "Wir erhoffen uns noch Aussagen - und sind glücklich darüber, überhaupt noch in Kontakt zu ihm zu stehen." Breas zufolge besuchen Polizisten den verurteilten Mörder "immer mal wieder, aber nicht in einem festen Rhythmus." N. hatte einst angekündigt, das Passwort eines Tages vielleicht zu verraten - seitdem hat er in dieser Frage aber geschwiegen.

Warum stellen die Ermittler ihre wenig aussichtsreichen Bemühungen nicht ein, zumal N. wohl ohnehin noch Jahrzehnte eingesperrt sein wird?

Weil womöglich weitere grausame Taten aufgeklärt werden könnten. Drei Morde an Jungen aus Schullandheimen und Internaten aus den Jahren 1992, 1995 und 2001 sahen die Richter vor vier Jahren als erwiesen an, doch Profiler warnten : Der damals 41-Jährige sei wohl für weitere Morde verantwortlich - denn in Frankreich und Holland kam es 1998 und 2004 zu Taten mit frappierend ähnlichem Muster, die bis heute nicht aufgeklärt sind.

Solche Vermutungen will Breas nicht bestätigen, er sagt: "Wir können das nicht ausschließen." Ob sich tatsächlich Hinweise auf weitere Taten oder etwa Kinderpornos auf den Datenträgern befänden, sei völlig unklar. Aber: "Es ist ja schon merkwürdig, wenn jemand so viele Daten so gut verschlüsselt", so Breas. "Das ist für uns bei solch einer Persönlichkeit ein Hinweis, dass da möglicherweise Belege für Straftaten zu finden sind. Und das müssen wir aufklären." Das könne auch Jahrzehnte dauern, einen Zeitplan gebe es nicht.

"Er sitzt mit den schlimmsten Kinderschändern"

Die ungewöhnliche Geduld der Ermittler lässt sich mit den grausamen Taten und dem Persönlichkeitsprofil des "Maskenmanns" erklären. Tagsüber erfüllte er rund zwei Jahrzehnte lang die Rolle des freundlichen und fürsorglichen Pädagogen, arbeitete als Familienbetreuer und Honorarkraft in einem Kinderheim und bei der Lebenshilfe. Vier Jahre lang lebte sogar ein Pflegekind bei ihm. Diese ihm professionell anvertrauten Kinder tastete er nie an - und das ermöglichte offenbar sein jahrelanges Doppelleben .

Nachts stieg Martin N. unzählige Male in Schullandheime, Internate und Ferienlager ein, wo er schlafende Knaben betastete, um mit solchen Erlebnissen seine Masturbationsfantasien anzureichern - stets verborgen hinter Mundschutz, Sturmhaube oder schwarzer Maske. Bisweilen wagte er sich sogar in die Elternhäuser von Kindern , die ihm als besonders hübsch, "süß und niedlich" auffielen.

Wenn N. seine Entdeckung fürchtete, erwürgte er dem Urteil zufolge seine Opfer - aus Angst, seine pädophilen Neigungen könnten auffliegen. Nach seinen Taten schleppte er die toten Kinder in sein Auto, um sie an anderen Orten zu vergraben.

Über das heutige Leben von Martin N. im Gefängnis ist nur wenig bekannt. "Er sitzt zusammen mit Niedersachsens schlimmsten Kinderschändern", sagt Oberstaatsanwalt Breas. Gemeinsam mit berüchtigten Mördern und Vergewaltigern wie Ronny R. und Marc H. lebe er in einer Wohngruppe. Da Täter wie N. in der Hafthierarchie ganz unten stünden, müssten sie andernfalls fürchten, angegriffen und malträtiert zu werden, so Breas.

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