Kinderporno-Affäre Die Legenden des Herrn Edathy

Vor mehr als zwei Jahren stürzte SPD-Politiker Sebastian Edathy über eine Kinderporno-Affäre. Seither versucht er, sich als Opfer zu stilisieren. Damit darf er keinen Erfolg haben.

Sebastian Edathy
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Sebastian Edathy

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Als PR-Profi hat Sebastian Edathy im Verlauf seiner Kinderporno-Affäre erstaunliches Geschick bewiesen - auch wenn er heute in koketter Manier das Gegenteil behauptet. Die Geschichte, die der frühere SPD-Spitzenmann in Variationen über sich anbietet, ist die Geschichte eines Opfers, das für einen verzeihlichen Fehler geächtet wird.

Wie stets bei gelungener PR ist die Geschichte weder wahr noch unwahr. Sie zeichnet weich, sie vernebelt, sie verfälscht - und sie verfängt. Ende 2014 stellte Edathy fast die gesamte SPD-Spitze an den Pranger und gerierte sich als Aufklärer.

Damals behauptete er, ein Genosse habe ihn vor strafrechtlichen Ermittlungen gewarnt, habe Informationen weitergegeben, die Edathy niemals hätten erreichen dürfen. Es entwickelte sich eine politische Krise, die - ganz im Sinne Edathys - vom Kern der Affäre ablenkte: dem Besitz von Kinderpornografie. In vielen Berichten, auch bei SPIEGEL ONLINE, war aber lediglich von Nacktbildern die Rede.

Opulente Homestory

Nun erscheint eine opulente Story im Magazin der "Süddeutschen Zeitung", die auch als Akt der Reinwaschung verstanden werden kann.

Schon Bildsprache und Metaphorik zeigen, dass hier ein Verfemter sprechen soll. Edathy lebe "im Exil", als habe man ihn verbannt, an einen unbekannten Ort "im Orient". Erstmals durfte sich ein Fotograf in Edathys Haus umsehen, um Bilder für eine Veröffentlichung zu machen. Das Haus sei ein "freiwillig-unfreiwilliges Gefängnis", heißt es im Text.

Für die Kamera posiert Edathy wie ein Häftling auf einer kargen Matratze, das Motiv illustriert eine seitenlange Klage. Der Ex-Politiker habe zu wenig Geld, sei melancholisch, bekomme noch immer Hasspost im Netz. Und das alles wegen ein paar Nacktbildern von Kindern, die er im Internet bestellt habe. Das ist die Lesart.

Allein - es geht nicht nur um ein paar Nacktbilder.

Sie standen am Anfang der Affäre, gewiss, Edathy zog sich deshalb im Februar 2014 fast über Nacht aus der Politik zurück. Es geht aber um deutlich stärkere Verfehlungen. Edathy hat sich Kinderpornos verschafft, Bilder und Videos, über seinen Bundestagsrechner, an sechs Tagen im November 2013. Nur deshalb gab es einen Prozess vor dem Landgericht Verden.

Das Gericht teilte im März 2015 offiziell mit, man habe das Verfahren "nach geständiger Einlassung" des Angeklagten gegen Zahlung von 5000 Euro eingestellt. Und auch ein Untersuchungsausschuss im Bundestag, der sich mit der Affäre beschäftigte, hielt im Abschlussbericht fest, Edathy habe den Besitz von Kinderpornos eingeräumt.

Versuch der Einschüchterung

Edathy will das alles nicht mehr wissen. Er hat via Facebook Journalisten mit Klage gedroht, die ihm den Besitz von Kinderpornos vorhalten. Es ist ein Versuch der Einschüchterung, der wunderbar funktioniert. Edathy, das ist in der Öffentlichkeit heute der Mann mit den legalen Nacktbildern. Nicht der Mann mit den illegalen Kinderpornos.

Und so heißt es in der jüngsten Story falsch, die Vorwürfe gegen Edathy hätten "keine strafrechtliche Relevanz". Die Filme und Fotos hätten "mit sexuellem Missbrauch im strafrechtlichen Sinne nichts zu tun". Edathy sei schließlich wegen der Verfahrenseinstellung nicht vorbestraft. Was stimmt - aber nichts an der "geständigen Einlassung" ändert.

Edathys Lesart ist ein Signal der Verharmlosung, das nicht unwidersprochen bleiben darf. Wer Kinderpornos besitzt, unterstützt Verbrecher, die Kinder quälen und erniedrigen. Es geht um Straftaten, nicht um eine Grauzone. Edathy behauptet, er sei "eindeutig nicht pädophil". Die Nacktbilder habe er bestellt, weil er "strukturell ein Borderliner" sei. Eine Therapie habe er nicht nötig.

Fest steht: Tauschen möchte wohl niemand mit Edathy. Seine Lage ist tragisch. Wer ihn beleidigt oder gar mit dem Tode bedroht, muss dafür bestraft werden. Solange er aber zu einer ehrlichen Aufarbeitung der Affäre nicht bereit ist, fällt es schwer, Mitleid zu haben.



insgesamt 174 Beiträge
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Seite 1
hermes69 27.05.2016
1.
Man muss ihn aber halt auch nicht zu einem Monster verschreien. Der Mann ist krank. Ganz offensichtlich. Und da bedarf es eigentlich Fachleuten denen er sich anvertrauen kann und keine Zeitung/TV oder Boulevard Blättchen. Das ist von beiden Seiten einfach nur fahrlässig. Da kriegt der tobende Mob wieder Schaum vor dem Mund. Aber das ist scheinbar ja gewollt.
ernieb 27.05.2016
2. Edathy hat eben im NSU-Ausschuss zu gut aufgeklärt...
Moralisch ist das sicher nicht haltbar, was er machte. Aber keine Straftat nach der Gesetzeslage zu der Zeit. Aber es ist schon auffällig, dass im NSU Prozess ständig Zeugen sterben oder Akten "ausversehen" vernichtet werden. Oder eben gerade da belastendes Material bei Edathy gefunden wird, wo er maximal aufklärte. Karrierevernichtend sogar. Diese Fragen kommen auch nur auf, WEIL es eben Unregelmäßigkeiten gab.
matthias.fahrner 27.05.2016
3. Rechtsstaat
Der Rechtsstaat lebt von Verhältnismäßigkeit. Nicht von Moralisierung auf der einen oder anderen Seite, davon leben Medien, aber es zerstört ein funktionsfähiges gerechtes und freies Gemeinwesen. Wer dazu etwas lernen möchte, sei herzlich an das Buch (oder das Musical) Les Miserables erinnert. Sebastian Edathy hat kein Bagatelldelikt begangen, der Tatvorwurf hat sich wohl bestätigt, allerdings in einem Rahmen der im Verhältnis zu vielen andere Fällen weit unter dem furchtbaren Durchschnitt liegt. Er war als Politiker nicht mehr tragbar und es ist gut, dass der Austritt aus dem Bundestag schnell geschah. Es wäre natürlich mehr als wünschenswert, wenn so etwas bei Volkvertretern ebenso wenig wie andere Formen der Kriminalität vorkommen würde. Sebastian Edathy hat beispielloses für die NSU-Aufklärung geleistet. Er ist tief gestürzt und mehr geahndet als z.B. ein mittlerer Manager, den seine Firma trotz Verurteilung wegen weit härter Kinderpornografie und in Kenntnis ohne weiteres in seiner Funktion behalten hat. Er hat einen schweren Fehler gemacht, aber auch die Buße innerhalb und außerhalb des Strafrechtes muss verhältnismäßig sein. Wer ohne völlige Schuld wäre, der dürfte den Stein werfen. Jeder hat das Recht auf Resozialisierung und auf fairen Umgang in Abwägung aller Umstände.
Mundil 27.05.2016
4. Wer sich erkundigt hat
was man zu der zeit auf dem kanadischen Server herunterladen konnte gegen offizielle Bezahlung- wie bei Edharty- könnte vermuten dass er vielleicht sogar Recht hat. Es gibt sog. Wayback- Maschinen im Internet die da recht hilfreich sein können. So als Tip an die Journalisten...
Tharsonius 27.05.2016
5. Ich weiß die Sommerpause rückt näher,
aber ist dieses Thema nicht endlich mal voll und ganz durchgekaut? Gibt es keine wichtigeren Dinge über die man berichten kann, als dieser Person mehr Aufmerksamkeit zu schenken, als sie verdient? -.-
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