Kinderpornografie US-Richter begrenzen Entschädigung für Opfer

Wie viel Geld muss ein Besitzer von Kinderpornos den Missbrauchsopfern zahlen? Die Summe muss im Verhältnis zum tatsächlich zugefügten Schaden stehen, hat der Oberste Gerichtshof der USA entschieden. Für eine junge Frau ist das eine große Enttäuschung.

Oberster Gerichtshof in Washington: Entscheidung in Kinderporno-Prozess
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Oberster Gerichtshof in Washington: Entscheidung in Kinderporno-Prozess


Washington - Ein Missbrauchsopfer hat vor dem höchsten Gericht der USA eine Niederlage erlitten. In Gerichtsunterlagen wird die Frau anonymisiert als Amy bezeichnet. Sie war im Alter von acht und neun Jahren von ihrem Onkel vergewaltigt worden. Er fotografierte den Missbrauch und verbreitete die Bilder im Internet. Die Summe für Therapiekosten sowie die Entschädigung für den Missbrauch und das erlittene Trauma betrug knapp 3,4 Millionen Dollar.

In einer niedrigeren Instanz hatte ein Bundesgericht Amy diesen Betrag zugesprochen. Vom zu einer langen Haftstrafe verurteilten Onkel bekam Amy 6000 Dollar - insgesamt hat sie bislang rund 1,75 Millionen von mehr als 180 Personen erhalten, 1,2 Millionen davon kamen von einem Mann. Den noch fehlenden Anteil sollte der früheren Instanz zufolge der Texaner Doyle Randall Paroline zahlen. Auf seinem Computer wurden Hunderte kinderpornografische Bilder gefunden; zwei davon zeigten Amy.

Mit fünf zu vier Stimmen entschieden die Richter des Obersten Gerichtshofs nun, dass Besitzer von kinderpornografischem Material - also auch Paroline - zwar verpflichtet werden können, den missbrauchten Kindern Entschädigung zu zahlen. Allerdings müsse die Höhe der Summe abhängig davon sein, wie eng die Taten und die Verluste der Opfer miteinander verknüpft seien.

Deshalb sei das Bundesgericht in seiner Entscheidung zu weit gegangen. Paroline sei nicht für Amys gesamte Verluste verantwortlich zu machen, ohne dass bestimmt werde, wie viel Schaden er ihr tatsächlich zugefügt habe. Die Summe müsse dem Vergehen entsprechen. Dabei seien mehrere Faktoren zu berücksichtigen: wie viele Personen schon Entschädigung gezahlt hätten, die Zahl weiterer Übeltäter und die Frage, ob jemand die Bilder nur angesehen oder auch kopiert und weiterverbreitet habe.

Aktivisten hoffen auf Abschreckungseffekt

Das Urteil kann als Kompromiss angesehen werden - zwischen Amys Forderung, Paroline solle die gesamte Restsumme zahlen, und seiner Verteidigung, zwischen seinem Verhalten und dem Schaden für die Frau gebe es keinen Zusammenhang. Amy ließ über ihren Anwalt ausrichten, sie sei "überrascht und verwirrt" von der Entscheidung.

Letztlich ging es um die Frage, wie ein Gesetz zu deuten ist, das der US-Kongress 1994 verabschiedete. Es sollte dafür sorgen, dass Opfer von Kinderpornografie und anderer Sexualverbrechen ihre volle Entschädigung so schnell und effektiv wie möglich erhalten.

Mehrere Richter, darunter John Roberts, waren der Ansicht, laut der aktuellen Gesetzeslage stehe Amy gar kein Geld zu. Richterin Sonia Sotomayor sagte dagegen, sie hätte die volle Entschädigung bestätigt. Sie und Roberts appellierten an den Kongress, die Entschädigungsregeln klarer zu gestalten.

Aktivisten gegen Kinderpornografie argumentierten, wenn Besitzer des Materials die volle Summe zahlen müssten, entspreche dies dem Schaden, den das Opfer jedes Mal habe, wenn das Bild von jemandem angeschaut werde. Zudem könne die Möglichkeit einer hohen Entschädigungszahlung, kombiniert mit einer Gefängnisstrafe, einen abschreckenden Effekt haben.

Bittere Entscheidung für Opfer

Wenn Amy vor dem Obersten Gerichtshof erfolgreich gewesen wäre, hätten Gerichte künftig nicht mehr bestimmen müssen, wie viel Schaden einzelne Besitzer kinderpornografischen Materials den Missbrauchten zugefügt haben. Das hätte bedeutet, dass wohl nur ein paar wohlhabende Personen erheblich zur Kasse gebeten worden wären. Amy hätte so sehr viel schneller an ihre 3,4 Millionen Dollar kommen können - unter Umständen von einem einzigen reichen Beklagten.

Das wiederum sah die Mehrheit der Richter am Obersten Gerichtshof als problematisch an. Wenn ein großer Teil der Übeltäter nichts zahlen müsse, widerspreche das dem Gedanken, Täter auf ihre Vergehen aufmerksam zu machen und Entschädigungen entsprechend dem persönlichen Anteil am Schaden zu zahlen.

So aber ist die Entscheidung für Amy, eine Frau Mitte 20, äußerst bitter. Nun müsse sie wie viele andere Opfer den Rest ihres Lebens damit zubringen, Entschädigungszahlungen einzutreiben, sagte sie. Das versuche sie schon seit sechs Jahren. Der Oberste Gerichtshof habe Amy versprochen, dass sie eines Tages die volle Entschädigung erhalten werde, sagte ihr Anwalt Paul G. Cassell der "Washington Post". "Ich frage mich nur, wie weit in der Zukunft dieser Tag liegt."

ulz/AP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 1 Beitrag
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Seite 1
Lankoron 24.04.2014
1. Und..
in Deutschland bekäme sie nicht mal die Entschädigung, die der Onkel gezahlt hat. ganz zu schweigen von anderen Verbrechern, die sich die Bilder besorgt haben...
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