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Opfer von Kinderpornografie: "Die Bilder werde ich nicht los"

Aus Transsilvanien berichtet

Opfer von Kinderpornografie: "Die Bilder werde ich nicht los" Fotos
Claudiu Padurean/ ClujToday

Die Erinnerungen verfolgen ihn bis heute: Adrian P. wurde als Kind in Rumänien für Nacktvideos missbraucht. Die Bilder landeten bei einer kanadischen Firma, zu deren Kunden auch Sebastian Edathy gehörte.

Adrian P. war ein Kind, 14 Jahre alt, als Markus R. ihn 2008 für seine Nacktvideos missbrauchte. "Für mich und meine Freunde war das ein Spiel. Markus versprach, die Filme niemandem zu zeigen. Und wir sollten niemandem davon erzählen. Auch unseren Eltern nicht", sagt Adrian P.

Heute ist er 19 Jahre alt. Er sitzt im Wohnzimmer seiner Eltern in Racsa, einem Dorf im Norden Rumäniens. Die Mutter schneidet Zwiebeln in der Küche. Der Vater, Gheorghe, hat auf dem Sofa neben dem Sohn Platz genommen: "R. hat Schande über meine Familie und unser Dorf gebracht", ruft er. "Sollte ich ihn jemals wieder sehen, bringe ich ihn um."

Der Deutsche Markus R. war nach Berichten rumänischer Medien 2001 nach Transsilvanien gezogen, um dort für eine Holzfirma aus der Bundesrepublik zu arbeiten. In Deutschland hatte R. eine Haftstrafe wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verbüßt. In Rumänien präsentierte er sich als sozial engagierter Geschäftsmann. Er lud Jungen aus den Dörfern zu Ausflügen ein, gab Pizza und Limonade aus, bot Karate-Unterricht an.

Grundsätzliche Einigkeit

Die Menschen in der Region sind arm. Viele Kinder wachsen wie Halbwaisen auf, da ihre Väter im Ausland arbeiten, in Deutschland und Frankreich. "R. spielte den Ersatzvater", sagt eine Anwohnerin. Der Deutsche gewann das Vertrauen der Jungen, um sie schließlich zu filmen - nackt in einem Planschbecken, in seiner Wohnung.

Dutzende Videos verkaufte R. ab 2007 an die kanadische Firma Azov Films. Die Ermittlungen der rumänischen Polizei gegen R. lieferten entscheidende Hinweise für die globale Operation "Spade" der kanadischen Polizei gegen Kinderpornografie, die unter anderem den ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten Sebastian Edathy als Kunden von Azov Films enttarnte.

Der Fall Edathy hat eine bundesweite Debatte über Kinderpornografie ausgelöst. Im Grundsatz herrscht Einigkeit: Staat und Gesellschaft müssen jegliche Form des Missbrauchs von Jungen und Mädchen ächten und verfolgen. Kaum aber geht es in die Details, fallen eindeutige Antworten schwer. Nicht alles, was moralisch verwerflich ist, ist auch kriminell. Ermittler unterscheiden zwischen erlaubten Fotos und Videos, die Kinder zwar unbekleidet zeigen, nicht jedoch explizit ihre Geschlechtsteile, und verbotenen, da eindeutig sexualisierenden, Aufnahmen.

Edathy beteuert, lediglich legale Nacktbilder von Kindern bezogen zu haben. Das Bundeskriminalamt (BKA) bestätigt, bislang sei auf den Rechnern des ehemaligen Bundestagsabgeordneten kein explizit pornografisches Material gefunden worden. Die Staatsanwaltschaft Hannover verfolgt dennoch einen Anfangsverdacht auf Kinderpornografie. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) prüft ein Gesetzesvorhaben, um gewerbsmäßigen Handel mit Nacktbildern von Kindern oder Jugendlichen zu unterbinden.

Adrian P. kann als Betroffener die juristische Debatte kaum nachvollziehen: "Die Bilder von mir sind schrecklich. Ich werde sie nicht wieder los." Sein Vater klagt, Adrian sei bis heute traumatisiert. Er habe sich über Monate hinweg vor Scham nicht aus dem Haus gewagt. "Er war ein fröhliches Kind, jetzt ist er verschlossen."

"Wer solches Material dreht, ist krank"

Ein Verwandter der Familie beobachtete im Herbst 2008 durch einen Zufall das Treiben. Er sah durch einen Spalt in einer Plane, wie Kinder nackt beim Spielen in R.s Swimmingpool gefilmt wurden. Als man den Deutschen zur Rede stellen wollte, floh dieser. Später setzte er seine Praktiken im Nachbarort Zalau fort.

Das Geschäft mit Bildern von Kindern ist global, seine Profiteure sind jedoch selten organisierte Banden. Anders als etwa beim Rauschgifthandel wird Kinderpornografie meist von Einzelnen betrieben. Die Täter sind oft Verwandte der Opfer oder Vertraute wie Markus R.

Der Mann, der R. schließlich stoppte, sitzt heute in einem kargen Büro im Polizeipräsidium von Zalau: Der Kriminalpolizist Dan Puskas erhielt 2010 von Betroffenen Hinweise auf R.s Geschäfte. Er observierte den Deutschen daraufhin mehrere Wochen lang, vernahm etliche Zeugen. Eine Spezialeinheit nahm R. fest, als er versuchte mit einigen Kindern im Auto nach Deutschland zu fliehen. Die Beamten beschlagnahmten Spielzeug, Kamera-Ausrüstung und rund 200 Videos. Die Aufnahmen zeigen Jungen nackt bei Gladiatorenspielen. "Wer solches Material dreht, ist krank", sagt Puskas.

Sein Team stieß bei der Razzia auf eine Adresse in Kanada. Die Zentrale in Bukarest verständigte daraufhin Kollegen in Toronto. R. selbst gestand und wurde in Rumänien zu zwei Jahren Haft verurteilt. Im Sommer 2012 kam er frei. Inzwischen lebt er offenbar in München.

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