Kindesentzug Von der eigenen Mutter verschleppt

Seit fast zwei Jahren sucht Peter Tinnemann nach seiner Tochter Luna. Das Mädchen wurde von seiner Mutter entführt, lebt heute vermutlich in Italien. Doch die dortigen Behörden mauern, europäische Instanzen fühlen sich nicht zuständig.

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Hamburg - Peter Tinnemann ist nervös. Wie gebannt starrt er auf die Fenster eines verwitterten Hauses in der Via Dei Salci im mittelitalienischen Frosinone. Eine Katze streicht durch den ungepflegten Garten, über der Terrasse thront das Rohbauskelett der unvollendeten zweiten Etage. Im Hintergrund dröhnen die Helikopter vom nahe gelegenen Militärflughafen.

Spurlos verschwunden: Die sechsjährige Luna Tinnemann
Peter Tinnemann

Spurlos verschwunden: Die sechsjährige Luna Tinnemann

Noch vor drei Jahren wäre Tinnemann einfach ins Haus gegangen, hätte seine Frau umarmt und mit Töchterchen Luna getobt. Jetzt lauert er auf eine Bewegung hinter den zugezogenen Gardinen. Seine Hoffnungen werden - wie so oft - enttäuscht. Niemand öffnet die Tür, keiner von Lunas Verwandten wird ihm sagen, wo seine Tochter ist und ob es ihr gut geht. "Ich weiß ja noch nicht einmal, ob sie noch am Leben ist", sagt der 40-Jährige.

Seit 21 Monaten kämpft Tinnemann verbissen um sein Kind. Er hat jedes Rechtsmittel ausgeschöpft, alle Instanzen bemüht und auch die kleinste Spur verfolgt - vergeblich. Jetzt ist er mit einem Kamerateam nach Italien gekommen. Gespräche mit Polizei und Staatsanwaltschaft sind geplant, die Deutsche Botschaft hat Unterstützung zugesagt.

Wie die Familie zerbrach

Tinnemann und seine Ex-Frau Rosamaria B. waren von Beginn an ein internationales Paar: Bei einem Hilfseinsatz im afrikanischen Sierra Leone lernten sich der Kinderarzt und die Kinderpsychiaterin im Jahr 2000 kennen. Im September 2001 wurde geheiratet, kurz darauf kam Luna in Berlin zur Welt. Doch schnell zeigte das binationale Idyll erste Risse: Rosamaria sprach kaum Deutsch und fühlte sich zusehends unwohl in der Hauptstadt. Als sie in einem Londoner Kinderkrankenhaus einen Job angeboten bekam, griff sie zu.

Peter Tinnemann entschied sich, seine Frau nach Großbritannien zu begleiten. Alles ließ sich gut an: Die Familie fand eine Wohnung, der Vater Arbeit bei der britischen Hilfsorganisation Merlin, Luna bekam ab November 2003 einen Platz in der Kinderkrippe.

Doch nur wenige Monate später musste Tinnemann erkennen: Seine Familie existierte nicht mehr. Während er auf Dienstreise in Afrika weilte, hatte B. ihre persönlichen Sachen aus der Wohnung geholt und war mit Luna verschwunden. In Panik kontaktierte Tinnemann die britischen Behörden und beantragte eine Rückführung seiner Tochter im Rahmen des Haager Übereinkommens über den Schutz von Kindern.

Am 10. Mai 2004 meldete sich B. bei ihrem Noch-Ehemann und erklärte, sie sei mit Luna in Italien und werde nicht mehr zurückkehren. In Wahrheit jedoch befand sich die heute 42-Jährige zu diesem Zeitpunkt in London und hatte ihre Arbeit wieder aufgenommen. Tochter Luna war allein bei der Großmutter im mittelitalienischen Frosinone - und sollte es für die kommenden drei Monate auch bleiben.

Ein englischer Richter verfügte Ende Juni 2004 die Rückkehr Lunas nach London. Auch das römische Jugendgericht forderte kurz darauf die Überstellung des Kindes an den Vater. Weil die Mutter sich weigerte, ihr Kind herauszugeben, fuhr Tinnemann selbst in die Region Latium und holte Luna im August zu sich nach Hause.

Vom Kurzurlaub zum Kindesentzug

Im Februar 2005 scheint sich die Situation zu stabilisieren: Der Londoner High Court spricht dem Vater das Aufenthaltsbestimmungsrecht für die Tochter zu - eine ungewöhnliche Entscheidung, weil auch hier das Sorgerecht in der Regel der Mutter zugesprochen wird. In der Urteilsbegründung schreibt Richter Philip Sapsford: "Meiner Meinung nach hat der Vater Beständigkeit gezeigt und bewiesen, dass er Lunas Stabilität und Glück den Vorrang einräumt." Tinnemann habe alles in seiner Macht Stehende getan, um das Kind in der angespannten Situation zu schützen.

Die Mutter geht in Berufung und scheitert. Sie muss sich jetzt an die im Urteil festgelegten Besuchszeiten halten. Die Tinnemanns arrangieren sich - bis zum 10. April 2006: An diesem sonnigen Montagmorgen soll Rosamaria B. ihre Tochter in London zum gemeinsamen Osterurlaub abholen. Die Fünfjährige freut sich, ihre Mutter wiederzusehen. Sie ist stolz, weil sie bereits ihren Namen schreiben kann. Ab September soll sie eine Schule in London besuchen.

"Ich hatte ein merkwürdiges Vorgefühl, aber auch großes Vertrauen in die rechtlichen Instanzen", erinnert sich der Vater. Seine böse Ahnung sollte sich bestätigen. Nachdem ein Gericht in B.s Heimatstadt Frosinone erklärt, dass sämtliche Sorgerechtsentscheidungen auch weiterhin in England getroffen werden müssen, kommt es zur Eskalation: Die Mutter behält ihre Tochter bei sich und taucht unter.

Lunas Großmutter Assunta Cannone sagte der italienischen Polizei am 25. Mai 2006, Rosamaria sei kurz nach Ostern von Frosinone ins ungarische Budapest gereist. Sie habe von dort eine Postkarte erhalten: "Meine Tochter (…) teilte mir mit, dass es dem Kind gut gehe und sie die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich nahm daher an, dass sie in die Stadt (Budapest) gezogen war."

In der Tat war Rosamaria B. kurzzeitig dort gemeldet, von den ungarischen Behörden aber nie angetroffen worden. In Frosinone gilt sie als unbekannt verzogen. Im Polizeipräsidium der Stadt wollte sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE niemand zum Stand der Ermittlungen äußern. Derzeit ist nicht bekannt, ob auch die Schwester und der Bruder der Gesuchten von der Polizei vernommen wurden. Telefonisch war die Familie B. in den vergangenen Tagen nicht zu erreichen - die Leitung war ständig besetzt.

Ein neuer Reisepass für die per Haftbefehl gesuchte Mutter

Peter Tinnemann setzte nach der Entführung alle Hebel in Bewegung. Er stellt Strafantrag wegen Kindesentzugs in Italien und Deutschland. Die Staatsanwaltschaft Berlin stellte das Verfahren nach nur drei Monaten ein - weil "für die Beschuldigte kein Aufenthaltsort im Bundesgebiet bekannt ist".

Ein italienischer Haftbefehl ist zwar weiterhin in Kraft, zeigt aber wenig Wirkung: Am 24. Oktober 2006 gelang es der Mutter, im kalabrischen Crotone unbehelligt einen Reisepass zu beantragen und sogar Luna darauf eintragen zu lassen - ein "starkes Stück", wie es ein Mitarbeiter der Deutschen Botschaft in Rom formulierte. Zwar wurde die Gültigkeit des Passes im Nachhinein landesweit widerrufen. Es ist jedoch trotz Eintrags in das Schengen Informationssystem SIS nicht garantiert, dass Rosamaria B. bei einer Ausreise an der Grenze festgehalten würde.

Kavaliersdelikt Kindesentführung

Tinnemann fühlt sich von den Behörden im Stich gelassen. "Das Kind ist doch bei der Mutter, was regen Sie sich auf?", sei der Tenor in den Gesprächen mit Vertretern der Staatsanwaltschaften gewesen. In einem internen Schreiben vom 11. Januar 2007 erklärte die stellvertretende Staatsanwältin von Frosinone, Rosaria Monti, die Besorgnis von Tinnemann sei "menschlich verständlich". Die "verschleierten Vorwürfe der Untätigkeit und sogar der mangelnden Zusammenarbeit" an die Adresse der Staatsanwaltschaft allerdings entbehrten jeder Grundlage. Gegenüber SPIEGEL ONLINE wollte sich Monti trotz mehrfacher Anfragen nicht äußern.

Tinnemanns römische Rechtsanwältin Roberta Ceschini erhebt schwere Vorwürfe gegen die Ermittler: "Für mich steht fest, dass die Behörden sich nicht ausreichend bemüht haben, das Kind zu finden." Es könne als sicher gelten, dass die Mutter in Kontakt mit ihrer Familie in Frosinone stünde - und vermutlich sogar mit ihrer Tochter in der Nähe lebe. Mit entsprechenden Maßnahmen wie zum Beispiel einer Telefonüberwachung hätte die Polizei Luna leicht finden können, kritisiert die Anwältin. "Der Kindesentzug wird in Italien aber immer noch als minder schweres Verbrechen angesehen. Dementsprechend nachlässig wird auch ermittelt", so Ceschini.

EU-Kommissar Frattini verweist auf Haager Konvention

Der Vater gab nicht auf. Er kontaktierte Polizei und mobiles Einsatzkommando in Frosinone, das italienische Justizministerium in Rom, das deutsche Außenministerium und die deutsche Botschaft in Italien. Er schaltete Websites, schrieb Appelle und sprach mit Fernsehsendern. Zwei Abgeordnete des Europäischen Parlaments setzten sich bei EU-Kommissar Franco Frattini für Tinnemann ein - mit mäßigem Erfolg. "Die Vollstreckung von Sorgerechtsentscheidungen unterliegt ausschließlich dem nationalen Recht der Mitgliedsstaaten", erklärte Frattini und verwies auf das Haager Übereinkommen von 1980 über die zivilrechtlichen Aspekte internationaler Kindesentführung. "Es ist skandalös, dass der Vizepräsident der EU-Kommission auf einen Leitfaden verweist, der in seinem eigenen Land nicht eingehalten wird. Wenn er wollte, könnte er sicherlich etwas bewirken", empört sich Tinnemann.

Mehrfach fuhr der Vater nach Frosinone und versuchte die Familie zu kontaktieren. Er traf auf eisiges Schweigen. Eine befreundete Journalistin in Italien bemühte sich um Aufklärung - ohne Erfolg. In seiner Verzweiflung engagierte Tinnemann vor einigen Wochen Privatdetektive, die in Frosinone Nachforschungen anstellten. Nachdem ihnen ein Foto gezeigt wurde, erklärten einige Nachbarn der Großmutter, sie hätten Luna mehrfach gesehen. Ein klarer Hinweis, der von der Polizei vor Ort aber offenbar nicht weiter verfolgt wurde. Man empfahl dem Vater, die Klöster in der Gegend nach Luna abzusuchen. Tinnemann war erschöpft: "Ich habe alles versucht, aber es funktioniert nicht." Tinnemann will sich von jetzt an nur noch auf sich selbst verlassen: "Irgendwann verliert man einfach alle Hemmungen."

Über die Motive seiner Ex-Frau kann der Berliner nur spekulieren: "Ich vermute, dass sie ein psychisches Problem hat. Wie sonst ist es zu erklären, dass eine Mutter in ihrem Verhalten so gar keine Rücksicht auf das Kind nimmt?" Dass Luna sozusagen im Untergrund aufwachse, stelle eine ebenso starke Belastung dar wie die Tatsache, dass sie ihren Vater und die Großeltern in Deutschland nicht sehen können. Nicht zuletzt hätte die Tochter längst eingeschult werden sollen. Die berechtigte Frage des Berliners: "Wie lange will Rosamaria das durchhalten?"



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 87 Beiträge
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Seite 1
Rainer Helmbrecht 18.01.2008
1. Gerechtigkeit und Liebe passt nicht zusammen.
Zitat von sysopSeit fast zwei Jahren sucht Peter Tinnemann nach seiner Tochter Luna. Das Mädchen wurde von seiner Mutter entführt, lebt heute vermutlich in Italien. Doch die dortigen Behörden mauern, europäische Instanzen fühlen sich nicht zuständig. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,529282,00.html
Das ist doch nichts besonderes, das passierte vor Jahren mit einem dt. Vater und einer fr. Mutter. Da stellten sich die Deutschen genau so stur. Kein Land liefert seine eigenen Bürger aus. Ich denke, dass drin das Problem liegt. Sowas kann man nur mit einem wasserdichtem Ehevertrag verhindern. Nur "Gerechtigkeit" für Eheprobleme wird es nicht geben, weil man Liebe nicht verordnen kann. Hier wäre die Liebe zum Kind das Kriterium. MfG. Rainer
Sibylle Roessler 18.01.2008
2. Ehevertrag
Zitat von Rainer HelmbrechtDas ist doch nichts besonderes, das passierte vor Jahren mit einem dt. Vater und einer fr. Mutter. Da stellten sich die Deutschen genau so stur. Kein Land liefert seine eigenen Bürger aus. Ich denke, dass drin das Problem liegt. Sowas kann man nur mit einem wasserdichtem Ehevertrag verhindern. Nur "Gerechtigkeit" für Eheprobleme wird es nicht geben, weil man Liebe nicht verordnen kann. Hier wäre die Liebe zum Kind das Kriterium. MfG. Rainer
selbst ein Ehevertrag wuerde daran glaub ich nichts aendern, der wuerde wahrscheinlich sowieso nicht im Ausland anerkannt. Ausserdem, was will man denn in dem Ehevertrag festhalten "Kind kann nicht entfuehrt werden" ?? Da faengt die Ehe ja gleich gut an
chrima 18.01.2008
3. Kindesentführung ist Alltag in Deutschland!
Kindesentführung ist doch auch in Deutschland völlig normal! Keine Mutter wird hierzulande bestraft, wenn sie "ihr" Kind entführt und gegen geltendes Recht und entgegen eindeutigen Richtersprüchen den Kontakt zwischen Kind und Vater absichtlich verhindert. Auch die deutsche Justiz unternimmt nichts gegen Mütter, die Kinder auf diese Art mißbrauchen. Deutsche Jugendämter unterstützen Mütter häufig sogar noch! Nicht Italien, sondern Deutschland ist in solchen Fällen schon mehrfach vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte wegen Mißachtung der Menschrechte verurteilt worden. Was soll also dieser Artikel, der die italienischen Behörden anklagt, ohne auch nur mit einem Wort zu erwähnen, daß das geschilderte Unrecht im "Rechtsstaat" Deutschland Alltag ist unter dem in Deutschland inzwischen hunderttausende Kinder und Väter zu leiden haben? Möge der Spiegel und auch SPON sich doch endlich einmal mit den unmenschlichen Praktiken des Deutschen Familien"rechts" beschäftigen anstatt auf das Ausland zu verweisen! Zurzeit ist wegen der Zustände in Deutschland hier (http://www.direktzu.de/kanzlerin/messages/15626) eine Anfrage an die Bundeskanzlerin online gestellt. Mal sehen, ob die Frau Bundeskanzler diese Anfrage beantworten mag...
chrima 18.01.2008
4. Eheverträge sinnlos
Zitat von Sibylle Roesslerselbst ein Ehevertrag wuerde daran glaub ich nichts aendern, der wuerde wahrscheinlich sowieso nicht im Ausland anerkannt. Ausserdem, was will man denn in dem Ehevertrag festhalten "Kind kann nicht entfuehrt werden" ?? Da faengt die Ehe ja gleich gut an
Eheverträge sind in Deutschland Zeit- und Geldverschwendung. Passt der zukünftigen Exehefrau ein Pasus nicht, dann wird ihr jedes Deutsche Gericht bestätigen, daß der Vertrag "unsittlich" war und deshalb nicht gültig ist. Und wie Sie richtig bemerken, kann ein Ehevertrag nicht vor der Entführung des Kindes durch ein Elternteil (fast ausschließlich durch die Mutter) schützen, da sich dieses Elternteil ohnehin schon gesetzeswidrig verhält, ohne dafür jemals belangt zu werden.
steh-fan, 18.01.2008
5. Motive wirklich unbekannt?
Wirklich süss die Kleine, für die tut es mir am meisten Leid. Aber irgendetwas stimmt mit der Geschichte nicht. Warum haut die Mutter einfach mit der Kleinen ab? Sind es wirklich "nur" die psychischen Probleme der Mutter oder wird hier etwas (bewusst) verschwiegen. Vielleicht will die Mutter das Kind auch vor etwas schützen. Zum Beispile etwas von dem sie nicht will, dass es publik wird. Hier wäre es wirklich wichtig, mehr über die Hintergründe zu erfahren, und dass der Vater so überhaupt keine Idee hat, warum seine Frau abhaut, nehme ich ihm nicht ab (obwohl so manche Männer sind ja wirklich ahnungslos....).
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