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Kindesmissbrauch: Frankreich geht gegen pädophile Lehrer und Erzieher vor

Von , Paris

Erziehungsministerin Vallaud-Belkacem: Neues Gesetz soll Straftäter von Schulen fernhalten Zur Großansicht
AFP

Erziehungsministerin Vallaud-Belkacem: Neues Gesetz soll Straftäter von Schulen fernhalten

Nach einer Reihe von Missbrauchsskandalen zeigt die französische Regierung Härte: Schärfere Kontrollen sollen dafür sorgen, dass einschlägig vorbestrafte Pädagogen vom Dienst suspendiert werden.

Es ist ein gemeines Verbrechen und zugleich ein perfider Vertrauensbruch: Wenn sich Lehrer an Schülern vergehen, trifft das Trauma nicht nur die Minderjährigen - erschüttert ist auch das Verhältnis zwischen den Eltern und der staatlichen Institution, der sie ihre Kinder überantworten.

Schlimmer noch, wenn die Erzieher bereits zuvor mit Sexualdelikten aufgefallen sind und sie dennoch weiterarbeiten durften - wegen fehlerhafter Kooperation der Behörden. So geschehen in Frankreich: In den vergangenen Wochen kamen Fälle von pädophilen Pädagogen und skandalösen Behördenpannen ans Licht. Die Empörung war enorm, nun reagiert die Regierung.

In Grenoble stellten die Justiz- und die Erziehungsministerin ein Gesetz vor, das noch vor dem Sommer in Kraft treten soll. Es sieht vor:

  • Die Gesamtheit der französischen Lehrer - rund 850.000 Personen - sollen regelmäßig auf ihre strafrechtliche Vergangenheit überprüft werden, zumal auf Sexualdelikte.
  • Verurteilungen und Haftstrafen bei derartigen Übergriffen sollen automatisch und ausnahmslos von der Justiz an die Behörden gemeldet werden, die für die Pädagogen zuständig sind.
  • Betroffen davon sind nicht nur Lehrer, sondern alle Erzieher, die berufsmäßig mit Kindern in Kontakt sind - also etwa auch die Betreuer von Ferienlagern oder Jugendherbergen.

Zuvor hatten die Ministerinnen Christine Taubira und Najat Vallaut-Belkacem in Villefontaine, im Departement Isère, die Ergebnisse ihrer gemeinsamen Nachforschungen vor Eltern missbrauchter Kinder vorgestellt. Sie traten in der Schule "Louis Arragon" auf, wo der zuständige Direktor zwischen Dezember und März elf Kinder missbraucht hatte. Bei einer Hausdurchsuchung waren die Ermittler auf einen USB-Stick mit pädophilen Filmen gestoßen.

Die schlimmen Folgen fehlender Kommunikation

Was die Eltern besonders erboste: Der Täter, ein 45-jähriger Familienvater, der seine Taten gestand, war bereits wegen eines Sexualdeliktes vorbestraft: Er hatte 2008 eine sechsmonatige Bewährungsstrafe wegen der Weitergabe kinderpornografischer Bilder kassiert.

Allerdings waren die zuständigen Vorgesetzten des Lehrers darüber nicht informiert worden. Der Pädagoge ließ sich auf eigenen Wunsch versetzen und konnte in Villefontaine ungehindert unterrichten.

"Es gab in seinen Unterlagen keinen Hinweis auf die Verurteilung", erklärte die zuständige Schulinspektorin des Departements. "Eine schwere Funktionsstörung", räumte Erziehungsministerin Vallaud-Belkacem ein.

Eltern fürchten hohe Dunkelziffer

Dabei blieb es nicht bei dieser Störung: Im April war bereits in Rennes ein Sportlehrer wegen Übergriffen gegenüber Minderjährigen in Untersuchungshaft genommen worden. Auch er war bereits wegen ähnlicher Vergehen vor Gericht gestellt und verurteilt worden, ohne dass die Justiz dies der Erziehungsbehörde gemeldet hätte.

Insgesamt wurden laut Behördenangaben während der vergangenen drei Jahre in 57 Fällen Lehrer vom Dienst suspendiert und verurteilt, 14 im vergangenen Jahr.

Die Vorwürfe rangierten vom Besitz kinderpornografischer Bilder bis zu sexuellem Missbrauch und Vergewaltigung. Bei den statistisch erfassten Fällen hatte die Justiz die Schulbehörden informiert, so wie es ein internes Rundschreiben aus dem Jahr 2001 empfohlen hatte.

Elternverbände und Opferorganisationen gehen aber davon aus, dass die Dunkelziffer bei pädophilen Pädagogen höher liegt. "Es ist durchaus möglich, dass es auch an anderen Schulen Opfer gibt", räumte Vallaud-Belkacem unlängst ein. Und versprach jetzt in Grenoble: "Unser Gesetz, noch vor dem 1. Juni eingebracht, wird künftig alle bekannten sexuellen Straftäter aus den Schulen fernhalten."

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Fläche: 543.965 km²

Bevölkerung: 64,204 Mio.

Hauptstadt: Paris

Staatsoberhaupt:
François Hollande

Regierungschef: Manuel Valls

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