Prozess wegen Kindesmisshandlung Im Zweifel für die gewalttätigen Eltern

Ein Paar bringt seine neun Monate alte Tochter unterernährt und mit einer lebensbedrohlichen Kopfverletzung ins Krankenhaus. Alles spricht dafür, dass die Eltern sie misshandelt haben. Nun hat das Landgericht Frankenthal ein verstörend mildes Urteil gefällt.

Angeklagte Sabrina Z. (links) und Christian Z. (rechts) mit Anwälten: "Es tut uns leid."
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Angeklagte Sabrina Z. (links) und Christian Z. (rechts) mit Anwälten: "Es tut uns leid."

Von , Frankenthal


Es gibt Eltern, die überschütten ihr Kind mit Fürsorge und Liebe. Die kreisen nur um ihren Nachwuchs, er ist der Mittelpunkt ihres Lebens. Und es gibt Eltern wie Sabrina und Christian Z., deren Kind so schwer misshandelt wurde, dass es Zeit seines Lebens schwerstbehindert bleiben wird und einen Schutzhelm tragen muss.

Sabrina Z., 30, und Christian Z., 31, stehen im Verdacht, ihrer neun Monate alten Tochter Jasmin selbst die schweren Kopfverletzungen zugefügt zu haben. Nachweisen kann es ihnen niemand. Und so verurteilte das Landgericht Frankenthal die beiden am Dienstag wegen schwerer Misshandlung Schutzbefohlener und gefährlicher Körperverletzung durch Unterlassen jeweils zu einer Haftstrafe von zweieinhalb Jahren. Sechs Monate davon werden ihnen erlassen, weil das Verfahren aus unterschiedlichen Gründen schon drei Jahre dauert.

Ihre Verteidiger haben einen Antrag auf Strafaufschub angekündigt, damit die Ladung zum Haftantritt erst im Januar zugestellt wird und das Ehepaar Weihnachten noch in Freiheit verbringen kann. Mit Hilfe eines Halbstrafenantrags wollen die Anwälte zudem versuchen, die Haftstrafe noch einmal auf ein Jahr zu verkürzen. Im günstigsten Fall könnte das Ehepaar Z. im Dezember 2013 schon wieder auf freiem Fuß sein, vielleicht sogar die Haftzeit davor als Freigänger verbüßen.

Es ist ein Urteil, das auf einer Absprache beruht, wie sie der Paragraf 257c der Strafprozessordnung vorsieht: Die Verfahrensbeteiligten haben sich auf ein Strafmaß geeinigt - das Resultat eines Dilemmas.

"Einer von beiden muss es gewesen sein", konstatierte der Vorsitzende Richter Michael Wolpert am Dienstag in der Urteilsbegründung. Doch da die Familie "eine Mauer des Schweigens" aufgebaut habe und man den Nachweis nicht habe führen können, sei das Gericht an seine Grenzen gestoßen, es gelte daher: "Im Zweifel für die Angeklagten."

Unglaubwürdige Geschichten

Am 17. September 2009 brachten Sabrina und Christian Z. ihre Tochter gegen 15 Uhr in ein Speyerer Krankenhaus. Jasmin war damals neun Monate alt, geboren am 3. Januar 2009. Die Ärzte stellten bei ihr schwere, lebensbedrohliche Hirn- und Schädelverletzungen, einen Oberschenkelbruch, drei Rippenbrüche und einen Milzriss fest.

Zudem war sie unterernährt und dehydriert, hatte fast kein Fettgewebe mehr, war viel zu klein und zu dünn für ihr Alter. Jasmin befand sich in einem akut lebensbedrohlichen Zustand. Ohne ärztliche Hilfe wäre sie kurz darauf gestorben.

Dem Mädchen musste eine Knochenplatte am Kopf entfernt werden, inzwischen wurde diese durch eine künstliche ersetzt, die jedoch nicht mitwächst. Deshalb wird das schwerstbehinderte Kind für immer einen Schutzhelm tragen müssen und nie wieder "ein normales Leben" führen, wie eine Gutachterin diagnostizierte.

Der Verteidiger des Vaters, Rechtsanwalt Steffen Lindberg, hatte seinen Mandanten dazu gebracht, ein Geständnis abzulegen - nur so konnte der Deal mit Gericht und Staatsanwaltschaft zustande kommen. Christian und Sabrina Z. räumten deshalb ein, ihr Kind vernachlässigt, es nicht ausreichend versorgt und gefüttert zu haben. Mit den schweren Misshandlungen aber wollen sie nichts zu tun haben.

Sie blieben bei einer unglaubwürdigen Geschichte, die sie bereits in einer ersten Vernehmung der Polizei aufgetischt hatten: Am Tag, bevor sie ihre Tochter ins Krankenhaus brachten, sei ein Radfahrer gegen den Buggy geprallt, in dem das Mädchen angeschnallt gesessen habe. Zudem sei Tage zuvor der Rahmen des Kinderbettes zusammengebrochen, als Jasmin darin lag. Erst am 17. September 2009 sei ihnen der apathische Zustand ihres Kindes aufgefallen.

Sabrina Z. gab an, ihr sei an jenem Tag morgens aufgefallen, dass Jasmin schielte. Christian Z. sagte, er habe gemerkt, dass ein Ärmchen nur noch herunterbaumelte. Dennoch warteten die Eltern fünf, sechs Stunden, bis sie mit dem neun Monate alten Kind in die Klinik fuhren.

Laut Gutachterin ist die Geschichte mit der Radfahrer-Kollision erfunden. Die Verletzungen des kleinen Mädchens seien vielmehr dadurch entstanden, dass es auf etwas Hartes, wie den Boden oder gegen eine Wand geworfen worden sei, erklärte die Rechtsmedizinerin im Prozess. In jedem Fall seien die Hirnverletzungen für das Kind ebenso lebensbedrohlich gewesen wie die seit Wochen andauernde unzureichende Versorgung mit Nahrung und Flüssigkeit.

"Es war ihnen vollkommen schnurz, was mit Jasmin passiert"

Bei einer ärztlichen Untersuchung am 22. April bestand noch kein Grund zur Besorgnis. Damals galt Jasmin als völlig gesund, doch kurz darauf müssen die Eltern die Versorgung ihrer Tochter nahezu eingestellt haben. "Es muss etwas bei der Familie passiert sein", so Richter Wolpert. "Was, wissen wir nicht." Auch habe man nicht klären können, wer dem Kind die schweren Misshandlungen zugefügt hat. "Auszuschließen ist nur, dass es jemand Drittes war."

Die Familie stand weder unter der Aufsicht des Jugendamtes noch liegen bei den Eltern Minderbegabung oder Drogen- bzw. Alkoholabhängigkeit vor. Auch hätten beide keine psychischen oder psychiatrischen Erkrankungen, sonstige Beeinträchtigungen oder Auffälligkeiten, sagte vor Gericht eine psychiatrische Sachverständige. Über die Gründe für ihr Verhalten könne man nur Vermutungen anstellen, vielleicht sei es mangelnde Empathie. Ein weiteres gemeinsames Kind und eines aus Sabrina Z.s erster Ehe waren wohlauf.

Waren die Eltern überfordert? Wenn ja, warum suchten sie keine Hilfe? "Es war ihnen vollkommen schnurz, was mit Jasmin passiert", konstatierte am Dienstag Staatsanwältin Anna Maria Knappitsch in ihrem Plädoyer. Für sie, aber auch für das Gericht, ist das Urteil eine schwere Niederlage.

Es sei "unanständig", die Absprache nachträglich zu kritisieren, sagte Verteidiger Lindberg in seinem Plädoyer. Prozessual sei das Strafmaß das einzig Richtige: "Man darf nur das verurteilen, was man nachweisen kann." Aber es sei verständlich, räumte selbst er ein, wenn manche das Urteil als falsch bewerteten.

Sabrina Z., eine blasse, füllige Frau mit Pferdeschwanz, und Christian Z., ein stoisch dreinblickender, kleiner Mann, hielten die gesamte Verhandlung über ihren Blick tief gesenkt. Keinen Tag saßen sie bislang im Gefängnis dafür, dass sie ihr Kind vernachlässigten. Als der Richter ihnen das letzte Wort erteilt, sagt Christian Z. mit fester Stimme: "Es tut uns leid."

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