Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Kindeswohl und Vaterleid: Die Macht der Mütter

Von

Laut Gesetz haben Kinder ein Recht auf ihren Vater, auch nach der Trennung. Doch viele Gerichte haben Hemmungen, sich für eine faire Umgangsregelung einzusetzen. Es gilt: Mit der Mutter lege man sich lieber nicht an. Ein Fallbeispiel.

München - Oliver K. ist Rechtsanwalt und hätte sich nie vorstellen können, in einer juristischen Sache einmal derart hilflos zu sein. Vor zwei Monaten hat er seine beiden kleinen Töchter zum letzten Mal gesehen, seine Ex-Frau verweigert ihm seither jedes Umgangsrecht. Nicht zum ersten Mal. Seit fünf Jahren tauscht Oliver K. juristische Schriftsätze mit seiner Frau und kämpft dabei um das, was ihm von Rechts wegen zusteht: seine Kinder zu sehen.

Familie: Wenn das Glück zerbricht, leiden oft die Kinder
DPA

Familie: Wenn das Glück zerbricht, leiden oft die Kinder

Doch es sei, sagt er, als hätten sich alle beteiligten Instanzen gegen ihn verschworen. Sein Vertrauen in die deutsche Gerichtsbarkeit ist erschüttert. Oliver K., 38, heiratete im Jahr 2000, seine Ex-Frau ist Ausländerin. Die beiden Töchter sind heute vier und sechs Jahre alt. Die Ehe lief nicht gut, eine Beratung führte zu nichts, das Paar trennte sich nach 22 Monaten im Jahr 2002. Danach begann ein "zermürbender Nervenkrieg", wie Oliver K. sagt. Seine Frau setzte - mit unterschiedlichen Vorwürfen gegen ihren Mann - in den ersten Trennungsmonaten ein völliges Umgangsverbot durch.

Vier Sachverständige begutachteten daraufhin die Erziehungs- und Umgangseignung des Vaters. Die von der Mutter formulierten Diffamierungen erwiesen sich als unhaltbar, die Erziehungseignung des Vaters wurde bestätigt. Oliver K. erhielt daraufhin zwei Jahre lang betreutes Umgangsrecht - er durfte seine Kinder einmal wöchentlich für zwei Stunden unter Aufsicht sehen. Der Vater verstand sich gut mit seinen beiden Töchtern, die damals noch sehr klein waren.

2004 endlich erhielt er unbetreutes Umgangsrecht - bis seine Ex-Frau erklärte, der Kontakt mit dem Vater tue den Kindern nicht gut, sie würden mit Hautausschlägen reagieren. Ein Kinderarzt könne das bestätigen. Der genannte Kinderarzt bestätigte nichts dergleichen, doch für Oliver K. wurde es von nun an zunehmend schwieriger, seine Kinder zu sehen - mal war die Mutter mit den Kindern verreist, mal "vergaß" sie die vereinbarten Termine, schließlich behauptete sie, die Kinder wollten ihren Vater nicht mehr sehen. Warum sie das tut? Oliver K. weiß es nicht - er zahle reichlich für Ex-Frau und Kinder, sagt er, mehr Geld, als er müsste.

Richter mit Hemmungen

Auf keinen Fall will er sich damit abfinden, seine Kinder zu verlieren. Doch sowohl die Verfahrenspflegerin als auch eine Mitarbeiterin des Jugendamtes sowie der zuständige Richter am Oberlandesgericht hätten ihm immer wieder zu verstehen gegeben, die Mutter der Kinder werde für ihr Verhalten schon ihre Gründe haben. Und selbst wenn ihr Verhalten vollkommen ungerechtfertigt wäre - "gegen den Willen der Mutter kann man nichts machen", bekommt Oliver K. immer wieder zu hören. Er fühlt sich im Kampf um seine Kinder von der Justiz allein gelassen. So hatte einer der Sachverständigen, die ihn überprüft hatten, vorgeschlagen, auch die Mutter auf ihre Erziehungstauglichkeit hin zu begutachten, doch das Gericht kam dieser Empfehlung nicht nach. Oliver K. schaltete Institutionen wie "Väteraufbruch für Kinder" und den "Weißen Ring" ein. "Kleine Kinder sind leicht zu manipulieren, sie vergessen schnell, und wenn meine Töchter mich einige Zeit nicht sehen, verlieren sie womöglich auf immer den Kontakt zu mir."

Gerade ein solcher Kontaktabbruch soll vermieden werden: Das 1998 reformierte Kindschaftsrecht sichert dem Kind den Anspruch auf Umgang mit beiden Eltern zu, ob verheiratet oder nicht. Dieses Recht können Tochter und Sohn, wenn sie wollen, sogar einklagen. Theoretisch ist das so, erklärt Rüdiger Meyer-Spelbrink, Sprecher des Verbands "Väteraufbruch für Kinder", "doch die Praxis sieht leider ganz anders aus".

Meyer-Spelbrink ist ein besonnener Mann und seit vielen Jahren vertraut mit dem Thema Umgangsboykott und Kindesentzug. Auf dem Papier, sagt er, habe das Kind natürlich einen Anspruch auf beide Eltern. Doch viele Richter haben Hemmungen. Lange fanden sich Väter damit ab, nach dem Ende der Ehe auch aus dem Leben ihrer Kinder zu verschwinden, doch inzwischen hat sich wohl auch das männliche Selbstverständnis gewandelt: Viele Väter wollen nach einer Trennung nicht aus dem Leben ihrer Kinder verbannt werden.

Und natürlich sind nicht nur sie die Leidtragenden: Für rund 150.000 Heranwachsende unter 18 Jahren beginnt mit der Scheidung häufig ein Drama, das sie ein Leben lang begleitet. Vor allem, wenn ihnen mit der Trennung ein Elternteil völlig verloren geht, und das ist bei jedem zweiten Scheidungskind der Fall.

Wettrennen gegen die Zeit

Der Prozess der Elternentfremdung, das belegen inzwischen verschiedene Studien, hat für die Kinder fatale Folgen. Ergebnis sind unter anderem Sprachstörungen, Leistungsverweigerung, Angst - und Zwangssymptome, massive Einbußen des Selbstwertgefühls und eine oft lebenslange Beziehungsunfähigkeit. Meist ist es - wie bei den Töchtern von Oliver K. - der Vater, der für die Kinder zum Fremden wird.

Die juristische Praxis ist meist schlicht: Die Frau verfügt, der Mann bezahlt, die Bedürfnisse der Kinder interessieren niemanden. Dabei gebe es durchaus Möglichkeiten, sagt Meyer-Spelbrink. So werden bereits in vielen deutschen Städten Scheidungen nach einem integrierten Modell vollzogen: Die Juristen beider Parteien nehmen "streitschürende Dinge" (Meyer-Spelbrink) so weit wie möglich raus aus dem Verfahren, die Eheleute werden von Sozialarbeitern, Psychologen und Gutachtern begleitet und beraten.

Gleichzeitig werden sie aber auch, was die Kinder und das gemeinsame Sorge- und Umgangsrecht angeht, verantwortlich in die Pflicht genommen. Alle Instanzen sind vernetzt und tauschen sich aus, die Ergebnisse sind ausgesprochen positiv, erklärt Meyer-Spelbrink und wünscht sich, dass diese Modelle deutschlandweit Schule machen. Auch juristischer Druck könnte helfen. Richter könnten ein ungerechtfertigtes Umgangsboykott der Mutter (oder des Vaters) mit einem Zwangsgeld oder sogar mit der Androhung von Haftstrafen ahnden. Doch während dieses Vorgehen in den USA und vielen europäischen Nachbarländern bereits gängige Praxis ist, bleibt in Deutschland der Widerstand gegen Anordnungen der Familiengerichte - trotz rechtlicher Möglichkeiten - meist unbeanstandet.

Dabei ist es für die Betroffenen ein Wettrennen gegen die Zeit, denn wer sich die Liebe von Zwei- oder Dreijährigen erhalten will, kann nicht Jahre auf ein Gerichtsurteil warten. Oliver K. kämpft weiter.

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: