Kindsmord in Schkeuditz "All die Jahre neben der Bestie"

Rund 200 Polizisten durchkämmen ein Waldstück bei Lindenthal nahe Leipzig auf der Suche nach dem mutmaßlichen Mörder des kleinen Mitja. Die Schkeuditzer kommen in Scharen zum Tatort, legen Blumen nieder und fragen fassungslos: Wie konnte das passieren?

Von Jörg Oberwittler


Schkeuditz/Lindenthal - Tulpen, Blumengestecke, Stofftiere und rote Kerzen liegen am Tor der Kleingartenanlage, in der der neunjährige Mitja am Samstag tot aufgefunden worden ist. "Ein Kind – warum?", "Liebe Familie, wir kennen uns nicht aber wir trauern mit ihnen" und "Leb wohl, wir werden dich nicht vergessen" steht auf Schildern zusammen mit liebevoll gemalten roten Herzen.

Unterwegs mit Spürhunden: Polizisten fahnden nach dem Tatverdächtigen im Fall Mitja
DPA

Unterwegs mit Spürhunden: Polizisten fahnden nach dem Tatverdächtigen im Fall Mitja

Die Gartenlaube, der Tatort, ist erst gar nicht erreichbar. Rot-weißes Absperrband verhindert den Zugang, den zwei Polizeibeamten bewachen. Der mutmaßliche Täter Uwe K. wohnt keine 150 Meter entfernt. In der Laube hatte er sich an dem Neunjährigen nach ersten Erkenntnissen zunächst sexuell vergangen und ihn anschließend erstickt.

Die Polizei verfolgt nach entsprechenden Hinweisen aus der Bevölkerung eine heiße Spur bei Lindenthal. Dort soll sich der 43-Jährige versteckt haben. Knapp 200 Beamte durchkämmen derzeit das kleine Waldgebiet bei Leipzig. Doch bis zum Abend konnten die Polizeisprecher, selbst erschüttert vom Mord an dem kleinen Jungen, noch keine Festnahme vermelden.

In Schkeuditz herrscht vor allem Ratlosigkeit. "Es ist grauenvoll", sagt Nachbarin Madlen Rienbach, die ein Stofftier und einen Blumenstrauß ans Tor der Gartenanlage legt, während ihre beiden Töchter den Namen aller Familienmitglieder auf ein aufgehängtes Stofftuch kritzeln. "Ich habe natürlich Angst um meine Kinder und passe jetzt erst recht mehr auf, so lange der nicht gefasst ist."

Ein unscheinbarer, ruhiger Typ

Auch Mario Leube und Yvonne Reinhardt sind mit ihren drei jungen Töchtern zur Fundstelle der Leiche gekommen. Der vermutliche Mörder hat nicht weit von ihnen gewohnt. "All die Jahre neben der Bestie...", flüstert die 30-Jährige fassungslos. Nur drei Häuser weiter habe der Mann gelebt. Nicht mal seine Lebensgefährtin habe von seiner zweijährigen Haftstrafe wegen Kindesmissbrauchs gewusst. Dabei hält sie ihre älteste Tochter schützend im Arm.

Uwe K. beschreibt sie als unscheinbaren, ruhigen Typ. Er soll einen Hausmeisterjob haben und "gern viel mit seinen Kumpels abhängen". Anhand der Videoaufnahme in der Straßenbahn, in der der 43-Jährige mit dem kleinen Jungen davonfuhr, ist Uwe K. von der Polizei identifiziert worden.

Zwei Haltestellen lagen für den kleinen Mitja zwischen Schule und seinem Zuhause im Stadtteil Lützschena. Nachbarin Yvonne Reinhardt bezweifelt, dass der Täter ihn erst in der Straßenbahn in ein Gespräch verwickelt hat. "Dafür ist der Weg doch viel zu kurz. Ich nehme an, dass er ihn schon an der Haltestelle gegenüber dem Elternhaus angesprochen haben muss."

"Der hat doch selbst eine vierjährige Tochter"

Auf der rund einen Kilometer entfernten Kleingartenanlage hatte Uwe K. eine Laube gepachtet. Genau gegenüber wohnt Dietmar Jorbahn. Er verfolgt den Aufmarsch der Presse und der Trauernden von seinem Fenster im zweiten Stock aus. "Ich hätte nie gedacht, dass er zu so was fähig ist. Der hat doch selbst eine vierjährige Tochter", sagt der 59-jährige Musiker. Uwe K. war sein "Gartenfreund". Er habe ihn immer als sehr freundlich und hilfsbereit erlebt.

Auch vor dem Einfamilienhaus der Eltern liegen Blumengestecke und Stofftiere. Nur kurz lassen sich die Eltern blicken und verbitten sich jegliche Fragen von wartenden Journalisten. Immer wieder kommen junge Familien, nehmen Anteil und fragen laut: Wie konnte das in dieser Kleinstadt mit knapp 19.000 Einwohnern passieren? Heike Wieduwilts Sohn Max ist in die Parallelklasse von Mitja gegangen, hat mit ihm in den Pausen immer Fußball auf dem Schulhof gespielt. "Mitja war ein aufgeschlossener Junge", sagt sie, "überhaupt nicht ängstlich und immer so schnattrig." Vielleicht sei dem Jungen seine vertrauensvolle Art zum Verhängnis geworden.

Die Direktorin seiner Schule, wo zum Zeitpunkt der Tat gerade Ferien waren, möchte sich hingegen nicht äußern. Heute hatten die Schüler erst einmal keinen Unterricht. Stattdessen nutzten die Lehrer die Zeit, um mit den Kindern über den traurigen Vorfall zu sprechen – und noch einmal eindringlich davor zu warnen, mit Fremden mitzugehen. Denn mit Schrecken lesen die Schkeuditzer in der Zeitung, dass in ihrer Nähe noch mindestens acht weitere vorbestrafte Sexualstraftäter wohnen.



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