Angeklagter Mediziner: Heilbronner Klinik feuert niederländischen Skandalarzt

In den Niederlanden ist er wegen Körperverletzung in mindestens 21 Fällen angeklagt - und als Skandalarzt bekannt. Trotzdem konnte der Mediziner in Heilbronn weiter ungestört praktizieren. Nun hat die betroffene Klinik reagiert.

Heilbronn - Dieser Fall sorgt in den Niederlanden für Fassungslosigkeit: Ein Krankenhaus in Heilbronn hat einen in Holland wegen Körperverletzung angeklagten Skandalarzt beschäftigt. Die Zusammenarbeit mit dem Mann sei mit Bekanntwerden der Vorwürfe am Freitag nach knapp zwei Jahren beendet worden, teilte der Geschäftsführer der SLK-Kliniken Heilbronn, Thomas Jendges, mit. Er sei "überrascht und geschockt" gewesen, als er aus niederländischen Medien von den Vorwürfen gegen den 67-Jährigen erfahren habe.

Das Wichtigste sei aber zunächst einmal, dass der Mann im Südwesten nichts angerichtet habe: "Das Klinikum schließt derzeit mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit aus, dass Patienten in Heilbronn geschädigt wurden", sagte Jendges. Als Assistenzarzt habe er immer unter der Aufsicht des Oberarztes oder des Chefarztes gearbeitet. Auch als Stationsarzt habe er keine Eingriffe vorgenommen oder für Patienten kritische Therapien eingeleitet.

Dem 67 Jahre alten Mediziner wird in Holland schwere Körperverletzung in mindestens 21 Fällen vorgeworfen. Er soll von 1998 bis 2003 im Krankenhaus in Enschede bei Dutzenden Patienten Fehldiagnosen wie Alzheimer, Multiple Sklerose und Parkinson gestellt haben. Sie waren zum Teil jahrelang mit schweren Medikamenten behandelt worden. Ein Patient habe Suizid begangen, nachdem bei ihm fälschlicherweise Alzheimer diagnostiziert worden war.

Bei mindestens 13 Patienten sollen aufgrund der falschen Befunde unnötig Gehirnoperationen ausgeführt worden sein. "Bei einem Mann wurde 12,5 Zentimeter Hirngewebe entfernt", sagte Anwalt Yme Drost, der rund 200 mögliche Opfer vertritt. Das Verfahren ist derzeit ausgesetzt, da noch Zeugen aus Deutschland vernommen werden sollen.

"Größter medizinischer Strafprozess in der Geschichte der Niederlande"

Politiker und Verbände von Ärzten und Patienten in den Niederlanden reagierten entsetzt. Es sei unvorstellbar, dass der Skandalarzt in Deutschland ungehindert praktizieren konnte. Mehrere Parteien beantragten eine Dringlichkeitssitzung des Parlaments. Die sozialdemokratische Regierungspartei forderte eine europäische schwarze Liste, um solche Fälle zu verhindern. "Solche Ärzte sind eine große Gefahr", sagte eine Sprecherin der Partei im niederländischen Radio.

Zur Einordnung: Die Staatsanwaltschaft spricht vom "größten medizinischen Strafprozess in der Geschichte der Niederlande".

"Die gegen ihn laufende Strafverfolgung in den Niederlanden sowie der angebliche Entzug der dortigen Ärzteapprobation waren dem Klinikum nicht bekannt", so Jendges. Der 67-Jährige habe sich zu den Vorwürfen nicht geäußert und sei am Freitag still gegangen. Den Angaben des Klinikums nach war der Arzt seit 2011 in Heilbronn tätig. Eine Ärztevermittlungsagentur habe ihn angeboten. In der Zeit davor sei er an anderen deutschen Kliniken beschäftigt gewesen. "Alle erforderlichen Qualifikationsnachweise - auch eine deutsche Approbation - lagen dem Klinikum bei der Einstellung vor."

2003 hatte das Krankenhaus in Enschede den Arzt entlassen, nachdem seine Abhängigkeit von Medikamenten bekannt geworden war. Er soll auch Rezepte gefälscht und mehr als 80.000 Euro veruntreut haben. Ein offizielles Disziplinarverfahren gab es allerdings nie. Unter Druck des Krankenhauses hatte der Arzt sich freiwillig aus dem Ärzteregister streichen lassen und darf daher seit 2006 nicht mehr in den Niederlanden praktizieren.

wit/dpa

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insgesamt 65 Beiträge
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1. skandalarzt?
flieder2 05.01.2013
Das der in Deutschland einen Job bekommt, zeigt doch nur wie kaputt unser Gesundheitswesen ist. Da kann jeder mit einem "Dr. med. Titel" daher kommen und der wird eingestellt - mangelhafte Deutschkenntnisse oder kriminelle Vergangenheit wird nicht ueberprueft. Es sind eben Halbgoetter in Weis. Da muss dringend was geaendert werden!
2. Unglaublich !
nettermensch 05.01.2013
Eine Ärztevermittlungsagentur habe ihn angeboten. In der Zeit davor sei er an anderen deutschen Kliniken beschäftigt gewesen. "Alle erforderlichen Qualifikationsnachweise - auch eine deutsche Approbation - lagen dem Klinikum bei der Einstellung vor." Da hilft nur ein eigenes Schmalspur-Medizinstudium, um vor solchen Leuten - s.a. die letzte Diskussion zur sprachlichen Fertigkeit - geschützt zu sein.
3. Wieso
synanon 05.01.2013
wurden in den Niederlanden Operationen, ja sogar eine Gehirnoperation ohne medizinische Indikation durchgeführt? Normalerweise prüfen Chirurgen die gestellte Indikation bevor sie zum Skalpell greifen. Oder hat er selbst operiert?
4. Auch in deutschen Krankenhäusern gibt es schlimme Finger
felixhenn 05.01.2013
Leider wissen die meisten Patienten nicht, wie sich wehren können und sehen Pfusch in der momentanen Situation als gottgegeben an. Ich selbst wurde nach einem schweren Arbeitsunfall, 1992 ohne mein Wissen wegen Epilepsieverdacht in eine Studie mit schweren Psychopharmaka einbezogen. Hätte nicht zufällig meine Exfrau, eine Krankenschwester in der Psychiatrie, den Waschzettel gelesen und mich auf die enormen Nebenwirkungen hingewiesen, ich hätte die Pillen wohl weiter geschluckt obwohl ich schon ein merkwürdiges "klicken" im Kopf verspürte. Als ich die Pillen eigenverantwortlich absetzte, kam der Studienleiter und machte drei Tage Aufstand obwohl er mich ohne mein Wissen einbezogen hatte und obwohl ich klar gemacht habe, dass ich eher Epilepsie in Kauf nehme als die Nebenwirkungen von denen Impotenz die Geringste war. Das ist jetzt über 20 Jahre her und immer noch keine Epilepsie. Heute würde ich den verklagen, damals, nach meinem Unfall, den ich nur durch das Zusammentreffen mehrerer Wunder überlebte, fehlte mir einfach die Kraft. Das Krankenhaus ist übrigens eines der renommiertesten in Deutschland.
5. Mal zusammenfassen:
horstma 05.01.2013
SPON: "Politiker, und Verbände von Ärzten und Patienten in den Niederlanden reagierten entsetzt. Es sei unvorstellbar, dass der Skandalarzt in Deutschland ungehindert praktizieren konnte. ... 2003 hatte das Krankenhaus in Enschede den Arzt entlassen, nachdem seine Abhängigkeit von Medikamenten bekannt worden war. Er soll auch Rezepte gefälscht und mehr als 80.000 Euro veruntreut haben. Ein offizielles Disziplinarverfahren gab es allerdings nie. Unter Druck des Krankenhauses hatte der Arzt sich freiwillig aus dem Ärzteregister streichen lassen." Das sind also die Fakten: Der Arzt wurde in den Niederlanden entlassen, es gab kein Disziplinarverfahren, und als sich der Arzt freiwillig aus dem Ärzteregister hatte streichen lassen, war für die Niederländer der Fall offenbar erst einmal erledigt. Und jetzt ist man dort entsetzt, daß dieser "Arzt" in Deutschland praktizieren konnte? Gab es denn einen internationalen Haftbefehl? Warum wurde dieser Arzt nicht schon in den Niederlanden verhaftet? Meine lieben entsetzten Niederländer, in deutschen Krankenhäusern arbeiten keine Hellseher. Und wenn ihr einen derart krassen Fall so niedrig hängt und nicht einmal ein Disziplinarverfahren für nötig haltet, dann beschwert euch bitte nicht, wenn dieser Arzt in Deutschland eingestellt wird. Für mich klingt das mit dem nicht erfolgten Disziplinarverfahren und der "freiwilligen" Streichung aus dem Ärzteregister schon sehr nach einer Vertuschungsabsicht. Man wollte den Fall in den Niederlanden aus der Öffentlichkeit heraushalten und beschwert sich jetzt, daß nicht in allen deutschen Krankenhäusern ein Steckbrief dieses Verbrechers hing. Wenn man versucht, etwas unter den Teppich zu kehren, dann klappt das auch manchmal, zumindest für eine gewisse Zeit.
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