Knastausbrecher Heckhoff "Ich war ein absoluter Zombie"

So spektakulär wie ihr Ausbruch aus dem Aachener Gefängnis war, so kurzweilig war der zweite Tag im Prozess um die beiden Schwerverbrecher Michalski und Heckhoff: Zuerst packte ihr Fluchthelfer aus, dann plauderte Michael Heckhoff über sein Leben als "Berufsverbrecher".

dpa

Aachen - Michael Heckhoff, der sogar vor Gericht als Beruf "Berufsverbrecher" angab, hatte dem mitangeklagten JVA-Beamten den Vortritt gelassen, als es beim Prozessauftakt am vergangenen Donnerstag ums Auspacken ging. Schließlich habe dieser "am meisten zu verlieren", hatte Heckhoff erklärt. Der Vollzugsbeamte soll Heckhoff und seinem Kompagnon Peter Paul Michalski bereits zwei Wochen vor der Flucht eine Schreckschusspistole mit Munition übergeben haben. Außerdem soll der 40-Jährige die beiden bis zum Ausgang des Aachener Gefängnissses gebracht und dort mit Waffen versorgt haben.

Am Dienstag war es nun so weit: Der mitangeklagte Vollzugsbeamte Michael K. und mutmaßliche Fluchthelfer legte ein Geständnis ab. Die Anwälte des 40-Jährigen verlasen eine kurze Erklärung. Darin räumte der Beamte ein, den beiden Hauptangeklagten geholfen, ihnen Türen geöffnet und Waffen überlassen zu haben. Weitere Angaben dazu machte er nicht.

Ein Polizist hatte den mutmaßlichen Fluchthelfer zuvor schwer belastet. Der Leiter der zuständigen Ermittlungskommission hatte gesagt, auf den Videobändern der Justizvollzugsanstalt (JVA) Aachen sei deutlich ein "Zusammenwirken zwischen den Gefangenen und dem JVA-Bediensteten" zu sehen gewesen.

Und nachdem Michael K. geplaudert hatte, lehnte sich auch Michael Heckhoff zurück und packte aus: Selten hat ein Angeklagter vor Gericht seine Lebensgeschichte so amüsant geschildert wie dieser gefährliche Geiselgangster. Dabei gab es nüchtern betrachtet nichts zu lachen. Der 51-Jährige ist seit seiner Jugend kriminell. Als er nun seine Verbrecherkarriere schilderte, konnten sich selbst die Anwälte das Schmunzeln nicht verkneifen.

"Eine Karriere als Schwerverbrecher war für mich erstrebenswert"

Als Jugendlicher läuft er aus dem Ruder: "Ich war ein absoluter Zombie". Mit 16 zum ersten Mal Knast, "Lehrzeit" für seine "Karriere" als Berufsverbrecher. "Meinen ersten Banküberfall habe ich komplett nach einer Beschreibung eines alten Gefangenen gemacht." Erste Geiselnahmen, Selbstmordversuch, wieder Geiselnahmen - irgendwann dann JVA Werl, Hochsicherheitstrakt. Für ihn eine Auszeichnung. "Ich war der festen Überzeugung, dass eine Karriere als Schwerverbrecher erstrebenswert war."

Einmal schien es, als würde er doch noch die Kurve bekommen - nach dem Ende seiner Haftzeit in Werl. "Ich bin nach zehneinhalb Jahren entlassen worden und bin wie Hänschen-Klein in die Welt gewandert", erinnert er sich an seine naive Haltung. Resozialisierung - das Wort hatte er schon mal gehört. Als sie ihn aber beim Arbeitsamt nach seiner Steuerkarte fragen, ist er ratlos. Er weiß nicht, wie man ein Konto eröffnet. "Ich habe draußen erhebliche Probleme gehabt mit alltäglichen Dingen klarzukommen." Nur im Knast ist er lebenstauglich.

Er findet "seine Perle", seine Freundin, und über den Bruder auch eine Arbeit. Er musste PVC auf die Rolle wickeln. "Arbeiten draußen und Arbeiten im Knast, das sind zwei Welten", sagt er. Nach zwei Wochen wirft er hin. Zum "Warmwerden" überfällt "Blacky", wie sie ihn nennen, eine Tankstelle, später zwei Banken und eine Poststelle, erbeutet eine knappe Million D-Mark. Im Knast hatten sie in einem solchen Fall vom lustvollen Leben in Brasilien geträumt. Aber wie sollte er ein Flug-Ticket kaufen? "Es war eine Menge Kohle da. Ich hatte aber keinen Plan, was ich mit der Kohle machen sollte."

"Wenn ich nicht nach Aachen gekommen wäre, säße ich nicht hier"

1991 will die Polizei ihn festnehmen, wieder Geiselnahme und Flucht. Er stellt sich, weil seine "Verlobte" ihn bittet. Nach einem "katastrophalen" psychiatrischen Gutachten fällt er in ein Loch. "Da war mir zum ersten Mal klargeworden, welchen Trümmerhaufen von Leben ich habe." Trotzdem macht er weiter: 1992 bei einer Geiselnahme mit einem Knast-Kumpel wird eine Frau mit Benzin übergossen und angezündet. Mit einer versuchten Geiselnahme zwei Jahre später macht "Blacky" zum letzten Mal Schlagzeilen.

Die scheinbare Läuterung beginnt, als die Mutter und später seine Schwester sterben. Es gibt Ausführungen, man "arbeitet" mit ihm - bis zur Verlegung nach Aachen 2008 mit strengeren Haftbedingungen. "Wenn ich nicht nach Aachen gekommen wäre, säße ich nicht hier", sagt er.

Fünf Tage lang hatten Michalski und Heckhoff Deutschland im November 2009 in Atem gehalten: Ihnen war die Flucht aus dem Hochsicherheitsgefängnis in Aachen geglückt, insgesamt hatten sie sieben Menschen in ihre Gewalt gebracht. Nun stehen die Ausbrecher wegen Menschenraub, Erpressung und Geiselnahme vor Gericht. Zum Prozessauftakt legte Michalski ein Geständnis ab, Heckhoff kündigte an, nach dem JVA-Angestellten ebenfalls zu reden.

Weitere 17 Verhandlungstage sind für den Prozess anberaumt, das Urteil soll Mitte Juli verkündet werden. Die Aachener Staatsanwaltschaft hält die beiden Ausbrecher für hoffnungslos kriminell. Sie neigten zu "schwersten Straftaten", sagte Oberstaatsanwalt Alexander Geimer. Die Anordnung einer weiteren Sicherungsverwahrung sei deshalb angebracht.

jjc/ddp/dpa



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