Koblenzer Missbrauchsprozess: Staatsanwalt ermittelt gegen Jugendamt

Im Missbrauchsprozess um Detlef S., der jahrelang seine Töchter missbrauchte und mit einer von ihnen acht Kinder zeugte, ermittelt die Staatsanwaltschaft nun gegen Mitarbeiter des Jugendamts. Die Befragung dreier Beamter vor Gericht sprach für sich.

Sexueller Missbrauch: Prozess gegen Detlef S. Fotos
DPA

Koblenz - Im Fall um den jahrelangen Missbrauch im Westerwald ermittelt die Staatsanwaltschaft nun auch formal gegen Mitarbeiter des Jugendamts. Privatleute hatten sie angezeigt. Geprüft wird, ob in dem Amt Fehler gemacht wurden. "Es handelt sich um ein förmliches Verfahren", betonte der Staatsanwalt am Mittwoch in Koblenz. Es ändere nichts am Ergebnis einer ersten Untersuchung.

Diese hatte ergeben, dass weder der Mutter der Opfer noch dem Jugendamt strafrechtlich relevante Vorwürfe gemacht werden könnten. Wegen der Anzeigen sei die Staatsanwaltschaft aber verpflichtet zu ermitteln.

Das Jugendamt Altenkirchen hatte nach Aussagen von Mitarbeitern vor Gericht wenig direkten Einblick in das Leben der Familie von Detlef S. Ortstermine im Haus der Familie in Fluterschen hätten sich meist schwierig gestaltet, sagte die derzeit für die Familie zuständige Sachbearbeiterin am Mittwoch. "Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich in seinem Haus willkommen war."

Detlef S. wollte "einen guten Eindruck machen"

Am Mittwoch waren vier zum Teil ehemalige Mitarbeiter des Jugendamts Altenkirchen als Zeugen im Prozess um Hunderte Fälle sexuellen Missbrauchs im Westerwald geladen. Amtsleiter Hermann-Josef Greb wies vor Gericht erneut Vorwürfe zurück, er sei mit dem Angeklagten Detlef S. näher bekannt gewesen. Greb bestätigte jedoch, dass er als junger Sozialarbeiter den damals 16-jährigen Detlef S. und seine minderjährigen Geschwister nach dem Tod der Eltern betreut hatte.

"Er war sehr darauf bedacht, einen guten Eindruck zu machen", sagte Greb über den Angeklagten. Die Kinder hätten Misshandlungen in Gesprächen mit Mitarbeitern der Behörde immer wieder abgestritten. In der vergangenen Woche hatten die mutmaßlichen Opfer schwere Vorwürfe gegen das Jugendamt erhoben, das trotz etlicher Hinweise auf Missbrauch und Misshandlung nicht eingeschritten sei.

Die für die Familie zuständige Sachbearbeiterin sagte, wegen der Schwierigkeiten bei den Ortsterminen sei die Stieftochter des Angeklagten, Natascha S., immer wieder zu Terminen ins Jugendamt in Altenkirchen bestellt worden. Bei fast allen diesen Terminen sei Detlef S. dabei gewesen.

Ehefrau verweigerte die Aussage

Die 28-Jährige, die in dem Prozess als Nebenklägerin auftritt, hat acht Kinder von ihrem Stiefvater bekommen, wovon eines kurz nach der Geburt starb. Der Jugendamtsleiter sagte, dass die Vaterschaft nie ein Schwerpunkt der Arbeit des Jugendamtes gewesen sei. Dennoch habe er Detlef S. zu einem Vaterschaftstest geraten, als es erste Gerüchte gab.

lm Zusammenhang mit dem Fall wird inzwischen auch gegen Jugendamtsmitarbeiter wegen unterlassener Hilfeleistung ermittelt.

Die Ehefrau des Angeklagten Detlef S. machte vor Gericht von ihrem Recht zur Aussageverweigerung Gebrauch. Ihr Auftritt als Zeugin dauerte am Mittwoch nur rund zwei Minuten, dann verließ die Frau den Gerichtssaal wieder.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem 48-Jährigen aus Fluterschen (Kreis Altenkirchen) 350 Fälle von sexuellem Missbrauch vor. Unter anderem soll er die Stieftochter Natascha und seine leibliche Tochter Jasmine zur Prostitution gezwungen haben.

Bei der Fortsetzung des Prozesses am Freitag sollen unter anderem die mutmaßlichen Freier vernommen werden. Außerdem soll laut Gericht ein psychologisches Gutachten über den Angeklagten vorgestellt werden, das ein Sachverständiger in den vergangenen Tagen erstellt hat.

jjc/dapd

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insgesamt 2 Beiträge
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1. Ignoranz
mcmercy, 23.02.2011
"Ortstermine im Haus der Familie in Fluterschen hätten sich meist schwierig gestaltet, sagte die derzeit für die Familie zuständige Sachbearbeiterin am Mittwoch. "Ich hatte nicht den Eindruck, dass ich in seinem Haus willkommen war."" Na sowas aber auch, dumm auch dass der Täter die Sachbearbeiter nicht nett begrüßt: "Schön dass sie da sind, Tasse Kaffe gefällig? Ach übrigens ich missbrauche meine Kinder, aber das geht doch sicher in Ordnung oder?" Ist ja auch völlig abwegigig anzunehmen, dass der Täter die Opfer etwa einschüchtert und die deshalb keine Aussagen machen, da bittet man den vermutlichen Vergewaltiger doch einfach freiwillig einen Gentest zu machen, um zu beweisen, dass die 8 Klone nur zufällig wie er aussehen. Naja wärs der Kachelmann gewesen hätte man sicher genauer nachgeforscht. Klar dass die Staatsanwaltschaft sich hier nicht aus dem Fenster lehnt, die haben ja einen Täter, jeder mehr macht nur mehr Arbeit. Für mich gehört die Mutter gleichwohl hinter Gitter und die Jugendamtsdilettanten entlassen.
2. das ist BRD! Wegschauen!
elbröwer 23.02.2011
Das ganze Dorf gehört ebenfalls vor Gericht. Dieses Tier hat seine Schutzbefohlenen zur Prostitution gezwungen. In einem Dorf bleibt so etwas nicht geheim. Zumal es über viele Jahre anhielt das Märtyrium.
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