Silvesternacht 60 Anzeigen nach Übergriffen vor Kölner Hauptbahnhof

Die Oberbürgermeisterin nennt den Vorfall "ungeheuerlich": In der Silvesternacht attackierten in Köln offenbar Männergruppen Dutzende Frauen. Die Ermittlungen gestalten sich schwierig.

Kölner Dom: Attacken in der Silvesternacht
DPA

Kölner Dom: Attacken in der Silvesternacht


Nach der Silvesternacht haben Dutzende Frauen in Köln Anzeige wegen Diebstahls und sexueller Übergriffe auf dem Bahnhofsvorplatz erstattet. Der Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers teilte am Montag mit, es gebe 60 Anzeigen, davon etwa ein Viertel wegen Sexualdelikten. Insgesamt wisse man von mutmaßlich 80 Geschädigten. Die Dunkelziffer sei vermutlich noch höher. Am Wochenende war zunächst von 30 Anzeigen die Rede gewesen. Einen konkreten Tatverdacht gegen bestimmte Personen gebe es bisher nicht.

Die Täter sollen "überwiegend aus dem nordafrikanischen beziehungsweise arabischen Raum" stammen, sagte Albers. Im Getümmel haben sie demnach Frauen angefasst und bestohlen. "Es hat dort in sehr hoher Anzahl Sexualdelikte gegeben, auch in sehr massiver Form", sagte Albers.

Oberbürgermeisterin lädt zum Krisentreffen

Die Kölner Oberbürgermeisterin Henriette Reker (parteilos) beraumte ein Krisentreffen mit Vertretern von Polizei und Ordnungsamt an. Die Vorfälle seien ungeheuerlich, sagte Reker dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Es könne nicht sein, dass Köln-Besucher Angst haben müssten, überfallen zu werden. "Wir können nicht tolerieren, dass hier ein rechtsfreier Raum entsteht."

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) zeigte sich entsetzt. "Das ist eine völlig neue Dimension der Gewalt. So etwas kennen wir bisher nicht", sagte der NRW-Landesvorsitzende der GdP, Arnold Plickert. Die Kölner Polizei gründete die zehnköpfige "Soko Neujahr", um die Vorfälle aufzuklären. Zurzeit werten die Beamten Material aus Überwachungskameras aus.

Nach Angaben der Polizei fielen am Silvesterabend gegen 23 Uhr zunächst etwa 1000 Männer aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum auf. Aus der Gruppe heraus wurden auf dem Bahnhofsvorplatz Feiernde mit Feuerwerkskörpern attackiert. Die Randalierer im Alter von 15 bis 35 seien stark alkoholisiert gewesen.

Nach einem Polizeieinsatz zerstreute sich die Menge. Zwischen Mitternacht und vier Uhr geschahen dann die Übergriffe auf Frauen. Mehrere Opfer gaben zu Protokoll, Gruppen von 20 bis 40 Männern hätten sie umzingelt. Es seien Handys, Handtaschen und Geldbörsen gestohlen worden.

Laut dem Leitenden Polizeidirektor Michael Temme waren "alle Einsatzkräfte, die wir zur Verfügung hatten", vor Ort. Doch die Beamten bemerkten anscheinend nichts von den sexuellen Übergriffen und Diebstählen. "Wir haben erst durch die Anzeigen davon erfahren", sagt Wolfgang Wurm, Präsident der zuständigen Bundespolizeistation Sankt Augustin.

Wie schon nach den schweren Ausschreitungen von Hooligans im Oktober 2014 auf dem Bahnhofsvorplatz, die bundesweit Aufsehen erregt hatten, muss sich der Polizeipräsident rechtfertigen: "Es gibt in Köln keinen rechtsfreien Raum. Wir waren mit starken Kräften im Einsatz", sagte Albers.

Am Sonntagmorgen nahm die Polizei nach ähnlichen Vorfällen fünf Verdächtige im Alter von 19 bis 24 Jahren fest. Ob die Männer auch mit den Übergriffen in der Silvesternacht zu tun haben, ist bisher unklar.

sms/jdl/dpa/AFP



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