Haftstrafe nach Sockenraub Ein konsequentes Urteil

Ein junger Asylbewerber raubt ein Paar Socken und muss deshalb ein halbes Jahr in Haft. Dieses Urteil hat das Kölner Amtsgericht gefällt. Die Entscheidung klingt drakonisch, ist aber angemessen.

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Ein junger Mann, 19 Jahre alt, stiehlt am 24. November vorigen Jahres aus der Auslage eines Drogeriemarktes in Köln-Kalk ein Paar Socken. Dabei wird er vom Hausdetektiv beobachtet, der den Übeltäter hinter dem Kassenbereich zur Rede stellt und auffordert, ihm ins Büro zu folgen.

Doch der junge Mann versucht, sich mit seiner Beute davon zu machen. Der Detektiv hindert ihn an der Flucht, es kommt zu einer Rangelei. Die Folge: Der 19-Jährige wandert in Untersuchungshaft.

Ein Bagatellfall? Ja, wenn man ihn am Wert der Beute von 1,99 Euro misst.

Doch der junge Mann ist vor dem Kölner Amtsgericht wegen räuberischen Diebstahls in einem minderschweren Fall zu einer Freiheitsstrafe von einem halben Jahr ohne Bewährung verurteilt worden. Das klingt drakonisch, der 19-Jährige war nicht vorbestraft.

Die Kölner Amtsrichterin hatte den Fall sorgfältig geprüft, wie man es erwarten darf, und dann entsprechend entschieden. Demnach erscheint die Strafe nicht nur verhältnismäßig, sondern angemessen und konsequent, ja weise.

Die Kölner Justiz veröffentlichte die Entscheidung, was ungewöhnlich ist, in einer eigenen Pressemitteilung, damit jedermann die Gründe für die auf den ersten Blick ungewöhnlich harte Strafe nachvollziehen könne. Man war sich offensichtlich auch der Signalwirkung des vermeintlichen "Bagatellfalls" bewusst.

"Es steht nicht fest, ob Sie wirklich ein Flüchtling sind"

Denn bei dem jungen Mann handelte es sich um einen Asylbewerber, laut Gericht aus dem Irak stammend, der nach Auskunft des Ausländerzentralregisters im September 2012 erstmals nach Deutschland eingereist war. Immer wieder fiel er seitdem auf: Er wurde zwar einer Unterkunft im niedersächsischen Soltau zugewiesen, doch die Polizei griff ihn wiederholt in anderen Städten auf. Dabei gab er unterschiedliche Namen an. Zwei Asylanträge wurden bereits abschlägig beschieden, er sollte abgeschoben werden. Zur Zeit läuft ein dritter Asylantrag.

Die Richterin fackelte nicht lange: "Sie sind als Flüchtling gekommen", sagte sie, "aber es steht nicht fest, ob Sie wirklich einer sind. Drei Asyl-Anträge - das spricht nicht dafür. Sie nutzen unsere humanitäre Verantwortung aus, ziehen durch die Bundesrepublik und begehen Straftaten."

Eine Bewährungsstrafe wäre für den jungen Mann nicht die richtige Antwort auf sein bisheriges Verhalten gewesen. Dass bei ihm sogenannte schädliche Neigungen vorliegen, die nach dem Jugendstrafrecht festgestellt werden müssen, und dass seine Sozialprognose eine denkbar schlechte ist, liegt auf der Hand. Er hat in Deutschland keine familiären Bindungen, streunt durch die Gegend und geht keiner Arbeit nach. Was spricht dafür, dass er sich künftig an Recht und Gesetz halten wird?

Wäre er auf Bewährung entlassen worden, hätten er und andere sich ins Fäustchen gelacht. Frei nach dem Motto: In Deutschland passiert ja nichts, wenn man klaut!

Die harte Strafe hat nichts mit der Herkunft des jungen Mannes zu tun, und seine Straftat lässt sich nicht mit kulturellen Unterschieden begründen. Stehlen ist weder hierzulande noch in seiner Heimat erlaubt, egal ob man Flüchtling ist oder nicht. Das Urteil ist rechtskräftig.


Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, der 19-Jährige sei zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt worden. Tatsächlich handelt es sich um ein halbes Jahr. Wir haben den Fehler korrigiert.

Zur Autorin
  • imago
    Gisela Friedrichsen berichtet seit 1989 aus den Gerichtssälen im In- und Ausland.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 211 Beiträge
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Seite 1
Bärthold 29.01.2016
1. Gleichbehandlung!
Und genau diesen Weg wünsche ich mir auch bei unseren Eingeborenen. Die rechtsfreien Räume bei uns gibt es schon länger als die Flüchtlingsproblematik. Bei Deutschen mit und ohne Migrationshintergrund.
exil-paulianer 29.01.2016
2. Ja...
... es gibt gute gesellschaftliche Werte und Normen. Die versuchen wir ja auch unseren Kindern beizubringen und die eine heißt da: Wer klaut geht in den Bau - basta!
ü60 29.01.2016
3. Geradezu weise?
Im Kontext mit anderen Vorgängen eher irre. ..wieso ist der Kerl noch nicht längst abgeschoben worden? Jeder Hafttag kostet die Allgemeinheit wieviel?
Zaphod 29.01.2016
4. Umfassende Informationen
Das Urteil ist die heutige Schlagzeige der Bild-Zeitung, die die harte Richterin erwartungsgemäß lobt. Merkwürdigerweise bringt der Artikel von Frau Friedrichsen keinerlei Zusatzinformation, es scheint, als ob Frau Friedrichsen den Fall nur aus der Zeitung kennt. Dann ist es unklar, wie sie zu der Bewertung kommt, das Urteil sei angemessen. Es scheint doch eher so zu sein, als ob der Mensch als solches hier bestraft werden sollte - und nicht der kleine Bagatell-Diebstahl. Vielleicht besteht wenigstens die Hoffnung, dass der Verurteilte im Gefängnis psychologisch betreut wird, so dass der Aufenthalt für ihn noch einen Nutzen und Resozialisationseffekt hat.
gazeuse 29.01.2016
5. Ja, und dann..?
Mag sein, dass dieses Strafmaß gerechtfertigt ist. Ich male mir nur aus, was der junge Mann jetzt im Gefängnis lernen wird.
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