Messerattacke auf Kölner Politikerin Reker Gutachter hält Frank S. für voll schuldfähig

Am Tag nach dem Attentat auf die Kölner OB-Kandidatin Reker wird der Angreifer Frank S. dem Haftrichter vorgeführt. Nach Einschätzung eines Gutachters ist er voll schuldfähig. Bei der Wahl in der Domstadt zeigen sich die Bürger bestürzt.


Die Kölner Oberbürgermeisterwahl ist schleppend angelaufen. Wenige Stunden nach Öffnung der Wahllokale hatten nach Angaben der Stadt weniger als acht Prozent der wahlberechtigten Kölner ihre Stimme abgegeben.

Diejenigen, die kommen, zeigen sich erschüttert vom blutigen Angriff auf die OB-Kandidatin Henriette Reker. "Ich war schockiert, als ich das gehört habe", sagt eine Kölnerin. "Da wollen die Politiker zu den Menschen gehen, und dann passiert sowas."

Seit der Tat vom Samstag liegt die 58-jährige Reker schwer verletzt im Krankenhaus. Der 44-jährige Frank S. hatte sie bei einer Wahlkampfveranstaltungauf einem Wochenmarkt mit einem Messer überfallen. Die parteilose Politikerin war noch am selben Tag operiert worden. Nach Angaben der behandelnden Universitätsklinik ist ihr Zustand stabil, sie ist außer Lebensgefahr. Neben Reker wurden auch eine Kölner CDU-Politikerin, eine FDP-Ratsfrau und zwei Bürger verletzt.

Täter wird dem Haftrichter vorgeführt

Aber was trieb den Täter? Nach Ansicht eines Gutachters war Frank S. voll schuldfähig. Es gebe keine Anhaltspunkte, nach der psychologischen Begutachtung daran zu zweifeln, teilten Polizei und Staatsanwaltschaft am Sonntag mit.

S. werde nun dem Haftrichter vorgeführt. Ihm werden versuchter Mord und gefährliche Körperverletzung in vier Fällen vorgeworfen. Die Ermittlungen konzentrierten sich auf einen fremdenfeindlichen Hintergrund, sagte eine Sprecherin der Kölner Polizei. Weitere Einzelheiten nannte sie nicht.

Der Angreifer selbst nannte für seine Tat fremdenfeindliche Motive - Reker ist als Kölner Sozialdezernentin für die Unterbringung von Flüchtlingen in der Domstadt zuständig. Sie hatte sich im Wahlkampf wiederholt für die Integration von Asylbewerbern ausgesprochen. Der Täter hat sich nach Informationen von SPIEGEL ONLINE in den Neunzigerjahren der rechtsextremen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei (FAP) angeschlossen.

Altmaier ruft zum Widerstand gegen Gewalt auf

Kölns scheidender Oberbürgermeister Jürgen Roters (SPD) rief in diesem Zusammenhang zu Standhaftigkeit auf. "Es geht jetzt darum, dass wir uns nicht unterkriegen lassen", sagte Roters. Die Diskussion um Flüchtlinge in Deutschland werde heftiger, immer häufiger würden Asylbewerberheime angegriffen. "Wir müssen alle gemeinschaftlich darauf achten, dass das Klima des Zusammenlebens nicht beschädigt wird", appellierte Roters.

Auch der Flüchtlingskoordinator der Bundesregierung, Peter Altmaier (CDU), rief zum Widerstand gegen Fremdenfeindlichkeit auf. "Der Anschlag ist verachtenswert und abscheulich", sagte der Kanzleramtsminister den Zeitungen der Funke Mediengruppe. "Auch wenn wir die genauen Hintergründe noch nicht kennen: Wir müssen uns zu jedem Zeitpunkt deutlich abgrenzen von jeder Form von Ausländerfeindlichkeit und Gewalt."

Ein Wahlhelfer im rechtsrheinischen Stadtteil Deutz erwartet als Folge des Anschlags trotz des schleppenden Anfangs eine steigende Wahlbeteiligung. "Ich rechne mit einer gewissen Trotzreaktion, dass viele Leute sagen: Jetzt erst recht."

Jetzt erst recht - das muss nach Ansicht zahlreicher Wähler auch für Politiker und ihre öffentlichen Auftritte gelten. "Es ist wichtig, dass Politiker weiterhin auf die Straße gehen. Wann soll man sonst mal mit denen reden und ihnen die Meinung sagen?", meint ein Mann. "Politiker sollten sich durch so eine Tat nicht vom Straßenwahlkampf abbringen lassen", sagt ein anderer. "Es ist nun mal wichtig, dass sie den Kontakt zu den Bürgern suchen. Rückzug wäre die falsche Reaktion."

Im Video: Augenzeugen beschreiben Messerattacke

REUTERS

yes/Reuters/dpa



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