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Angriffe zu Silvester: Köln ist schockiert

Von , Köln

Kölner Dom am Hauptbahnhof: 60 Anzeigen nach Übergriffen in Köln Zur Großansicht
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Kölner Dom am Hauptbahnhof: 60 Anzeigen nach Übergriffen in Köln

Es sollte eine fröhliche Silvesternacht in Köln werden, doch dann wurden Dutzende Frauen am Hauptbahnhof massiv bedrängt und bestohlen. Die Polizei spricht von "Straftaten einer völlig neuen Dimension", die Oberbürgermeisterin lädt heute zum Krisentreffen.

Raketen in Menschenmassen, grapschende Männergruppen, verängstigte Frauen: Augenzeugen aus der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof schildern dramatische Ereignisse. So dramatisch und in so großer Zahl, dass der Polizeipräsident von einem "unerträglichen Zustand" spricht. So alarmierend, dass die Oberbürgermeisterin die Behörden der Stadt zu einem Krisentreffen zusammenruft.

Es könne nicht sein, sagte Henriette Reker dem "Kölner Stadt-Anzeiger", dass Besucher in Köln Angst haben müssten, überfallen zu werden.

Besucher wie Anne, 27, die mit ihrem Freund gegen 22 Uhr von Erftstadt nach Köln gefahren war, um in der Altstadt zu feiern. Schon beim ersten Schritt aus dem Kölner Hauptbahnhof sei sie von den Menschenmassen schockiert gewesen, sagte Anne SPIEGEL ONLINE.

"Der ganze Platz war voll und fast alles nur Männer. Nur noch vereinzelt dazwischen verängstigte Frauen, die angestarrt wurden." Sie sei sich vorgekommen wie auf dem Viehmarkt, und habe sich an ihren Freund geklammert. "Ich kann das kaum beschreiben, ich habe mich einfach nur unwohl gefühlt."

Im Video: Szenerie vor dem Kölner Hauptbahnhof

Youtube/Baris Olsun
Wenig später habe sie "die erste Hand am Hintern gehabt". Der unbekannte Mann sei wieder in der Masse verschwunden und eine Rakete in die Menge geflogen. "Man hat die Menschen nur noch hüpfen und laufen sehen, weil die Rakete zwischen den Beinen herflog. Irgendwann habe ich einfach die Augen zugemacht, bis mein Freund mich aus der Menge gebracht hatte."

Anne ist eine der vielen Augenzeugen, die an Silvester in Köln eine Situation erlebt haben, die es so in Deutschland wohl noch nicht gab. Ihr wurde nichts gestohlen, sie hat sich nach eigener Aussage auch noch nicht bei der Polizei gemeldet. Aber 60 Anzeigen lagen den Ermittlern am Montag bereits vor, etwa ein Viertel davon wegen Sexualdelikten. Und die Behörden gehen davon aus, dass sich noch weitere Opfer melden.

Feuerwerk in Köln: Nacht zum Jubeln - Nacht zum Weinen Zur Großansicht
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Feuerwerk in Köln: Nacht zum Jubeln - Nacht zum Weinen

In der Silvesternacht ging es rund um den Kölner Hauptbahnhof chaotisch zu, deshalb sind die einzelnen Fälle auch schwer zu ermitteln.

Etwa tausend Männer hatten sich laut Polizeipräsident Wolfgang Albers auf dem Bahnhofsvorplatz versammelt. Böller und Raketen flogen, teilweise mitten in Menschengruppen hinein, wie YouTube-Videos zeigen. Nach einem größeren Polizeieinsatz zerstreute sich die Menge.

Doch aus kleineren Gruppen heraus wurden über die Nacht immer wieder Frauen umzingelt, bedrängt und bestohlen. Die Täter stammten den Angaben zufolge aus dem "arabischen oder nordafrikanischen Raum". Albers sprach von Sexualdelikten in sehr massiver Form und einer Vergewaltigung. Es handle sich um "Straftaten einer völlig neuen Dimension".

"Heute Nacht hatte auch ich Angst"

Ein männlicher Augenzeuge schilderte dem WDR seine Erlebnisse. Am Hauptbahnhof sei er mit seiner Freundin auf Dutzende betrunkene und aggressive Männer gestoßen, die gedroht und gegrapscht hätten. Seine Freundin sei panisch gewesen, habe nur noch verschwinden wollen. Auch er weist darauf hin, dass die Täter "keine mitteleuropäischen Leute" gewesen seien.

Ob es sich allerdings um aktuelle Flüchtlinge handelte, ist nicht belegt - auch wenn viele diesen Zusammenhang jetzt herstellen. "Ich möchte weiterhin mit gutem Gewissen Menschen helfen, die in Not sind, die vor Krieg fliehen, die vieles an Schmerz ertragen mussten, aber ich möchte nicht, dass ich selbst Angst haben muss vor denjenigen, denen man eigentlich helfen will", schrieb der Augenzeuge auf Facebook. "Und ja, heute Nacht hatte auch ich Angst, Angst um meine Freundin, Angst davor, dass die Situation eskaliert und ich nichts tun kann."

Das Thema wird vor dem Hintergrund der Debatte um Flüchtlinge und Zuwanderung in den sozialen Medien heftig diskutiert. Auch die Politik reagiert: Am Vormittag treffen sich die zuständigen Behörden mit Oberbürgermeisterin Reker zur Krisensitzung, daran sollen die Kölner Polizei, die Bundespolizei und Stadtdirektor Guido Kahlen teilnehmen. Reker erwägt, die Videoüberwachung am Hauptbahnhof auszuweiten.

Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger (SPD) sagte dem Kölner "Express", es sei notwendig, dass die Polizei konsequent ermittle und zur Abschreckung Präsenz zeige. "Wir nehmen es nicht hin, dass sich nordafrikanische Männergruppen organisieren, um wehrlose Frauen mit dreisten sexuellen Attacken zu erniedrigen."

NRW-Innenminister Jäger:    "Wir nehmen es nicht hin"    Zur Großansicht
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NRW-Innenminister Jäger: "Wir nehmen es nicht hin"

Die Kölner Polizei steht in der Kritik, nicht schnell und angemessen reagiert zu haben, Präsident Albers rechtfertigte sich: "Es gibt in Köln keinen rechtsfreien Raum. Wir waren mit starken Kräften im Einsatz."

Die Sicherheitskräfte in Köln bereiten sich derweil schon auf die nächste Großveranstaltung in der Stadt vor: Anfang Februar wird Karneval gefeiert, Millionen Besucher werden erwartet. Man werde alles dafür tun, dass sich ein Vorfall wie an Silvester nicht wiederhole, hieß es von den Beamten. Innenminister Jäger sagte: "Das sind wir den Frauen schuldig und zugleich den nordafrikanischen Flüchtlingen, die friedlich bei uns leben wollen."

Mit Material von dpa

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