Prozess um Einsturz des Kölner Stadtarchivs "Raus hier, alle raus!"

2009 stürzt das Kölner Stadtarchiv ein - zwei Menschen sterben, unschätzbar wertvolle Dokumente liegen unter Trümmern. Jetzt stehen fünf Personen vor Gericht: Wie viel Schuld tragen sie an dem Unglück?

Von Christian Parth, Köln


Schüchtern sitzt Marvin auf seinem Stuhl gleich neben der Staatsanwaltschaft. Ein blonder Scheitel liegt leicht über seiner Stirn. Mit ausdauerndem Blick durchmisst der Junge den Saal und betrachtet die Leute ihm gegenüber, die er noch nie zuvor gesehen hat, die sein Schicksal aber in tragischer Weise beeinflusst haben könnten. Kamerateams scharen sich um ihn und seinen Vater, der ihn zur Unterstützung ins Kölner Landgericht begleitet hat.

Marvin ist gerade 14 Jahre alt und der einzige Nebenkläger in einem der wichtigsten Prozesse in der jüngeren Geschichte der Stadt Köln. Knapp neun Jahre nach dem Unglück soll die 10. Große Strafkammer klären, wer für den Einsturz des Stadtarchivs und zwei angrenzender Wohnhäuser verantwortlich ist. Den Beteiligten steht ein Mammutverfahren bevor. Es sind 126 Prozesstage angesetzt, 93 Zeugen und zehn Sachverständige sollen gehört werden. Der Druck auf das Gericht ist groß. Am 2. März 2019 würden die Straftaten verjähren.

Tonnen von Schutt

Damals, am 3. März 2009, Marvin war gerade fünf Jahre alt, verlor er seinen Halbbruder Kevin. Der 17-jährige Bäckerlehrling erholte sich in seiner Wohnung am Waidmarkt im Zentrum Kölns von der Frühschicht. Vermutlich schlief er gerade, als sich um 13:58 Uhr plötzlich der Boden unter ihm auftat und das gesamte Wohngebäude kollabierte, in dem sich auch Kahlil G. aufhielt. Der 24-jährige Designstudent war an diesem Tag krank zu Hause geblieben. Die beiden Körper wurden unter Tonnen von Schutt begraben. Ihre Leichen spürten die Suchmannschaften erst Tage später auf. "Es geht natürlich um Gerechtigkeit", sagt Marvin. "Aber auch darum, zu erfahren, was wirklich passiert ist."

Angeklagte und Anwälte im Prozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs
DPA

Angeklagte und Anwälte im Prozess um den Einsturz des Kölner Stadtarchivs

Die ganze Stadt stand damals unter Schock. Es herrschte Ausnahmezustand. Mit den Wohnhäusern war auch das sechsstöckige historische Archiv zusammengestürzt. Es war das größte seiner Art nördlich der Alpen. Mehr als 1,7 Millionen Urkunden, Handschriften, Protokolle und andere einmalige historische Dokumente versanken in einem gigantischen Loch aus Wasser, Schlamm und Trümmern.

Fünf Angeklagte müssen sich seit Mittwochvormittag vor dem Schöffengericht verantworten. Ein Beschuldigter ist inzwischen verstorben, ein weiterer wurde wegen eines schweren Herzleidens für verhandlungsunfähig erklärt. Alle waren damals am Bau einer U-Bahn-Strecke beteiligt. Die Tiefbauarbeiten im Zentrum der Stadt gelten als Ursache für das Unglück. Den Bauleitern, Ingenieuren und Arbeitern, vier Männern und einer Frau, wird fahrlässige Tötung und Baugefährdung vorgeworfen.

Schwerwiegende Fehler

Eine Stunde lang verliest Oberstaatsanwalt Torsten Elschenbroich eine Zusammenfassung der 196-seitigen Anklageschrift, die sich im Wesentlichen auf die Ergebnisse eines aufwendig erstellten Gutachtens stützt. Dabei erhebt er vor allem gegen den Polier Rolf K. schwere Vorwürfe. Gemeinsam mit dem nun erkrankten Baggerfahrer soll er bereits im September 2005 beim Errichten einer Stützwand für das U-Bahn-Bauwerk schwerwiegende Fehler begangen haben, die dann dreieinhalb Jahre später zur Katastrophe geführt haben sollen.

Demnach stieß Baggerfahrer B. beim Ausheben der Erde auf mehrere Hindernisse, darunter ein Fugenblech und ein Natursteinblock aus Trachyt. Laut Anklage soll Polier K. den Baggerfahrer angewiesen haben, die Hindernisse mit seinen Greiferschaufeln zu entfernen, in einem Fall auch auf brachiale Weise. Auf den Hinweis, dass er dabei das Werkzeug beschädigen würde, soll K. entgegnet haben: "Wir machen weiter, bis das Ding auseinanderfliegt!" Tatsächlich gingen mehrere Schaufeln zu Bruch, allerdings gelang es ihnen nicht, die Hindernisse zu beseitigen. Stattdessen hätten sie eine der Stützwände schwer beschädigt. Doch statt die Bauleitung zu informieren, habe der Polier die Probleme weitestgehend verheimlicht. Aber nicht nur das: Um die Fehler zu vertuschen, soll er sogar Messergebnisse manipuliert und Berichte an die Bauleitung gefälscht haben.

Vertuschung

Trotz der Vertuschung ist die Anklage davon überzeugt, dass den Bauleitern der Pfusch hätte auffallen müssen. Auf Fotos und Videos seien die Schäden zu sehen gewesen. Sie seien ihrer Aufsichtspflicht nicht ausreichend nachgekommen, argumentiert Elschenbroich. Im Gegenteil: Statt gerade in dieser schwierigen Phase häufiger zu kontrollieren, habe nicht einmal eine standardmäßige Bauüberwachung stattgefunden. All diese Verfehlungen hätten schließlich zum Unglück geführt.

Durch das Nichtentfernen der Hindernisse sei eine 60 Zentimeter breite "Erdplombe" entstanden, die sich schließlich am 3. März 2009 gelöst habe. Innerhalb von Sekunden seien 5000 Kubikmeter Erde, Kies und Schlamm durch die Öffnung in der Schlitzwand geströmt. Dem nur 15 Meter entfernten Stadtarchiv wurde das Fundament entzogen. Dass nicht noch mehr Menschen zu Schaden gekommen sind, ist dem raschen Handeln einiger Bauarbeiter zu verdanken. Als das Grundwasser in die U-Bahn-Baustelle eindringt, warnen sie die Angestellten und Besucher im Archiv. "Raus hier, alle raus." Dann brechen die Mauern in sich zusammen.

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Köln: Der Einsturz des Stadtarchivs

Während die beiden Mitarbeiter der damaligen Bauherrin Kölner Verkehrsbetriebe dem Gericht selbst die Angaben zur Person verweigern, wollen die zwei angeklagten Bauingenieure, die dem von Bilfinger Berger geführten Firmenzusammenschluss angehörten, an der Aufarbeitung der Unglücksursache mitwirken. Beide sprechen den Angehörigen der Toten ihr Beileid aus, beteuern zugleich aber ihre Unschuld. Der eine sei an den entscheidenden Tagen im September 2005 im Urlaub gewesen. Der andere weist die Vorwürfe als unbegründet zurück.

Drohende Verjährung

Angestrengt folgt Polier K. den Ausführungen der Staatsanwaltschaft. Auch er ist gesundheitlich schwer angeschlagen, laut Gutachten aber verhandlungsfähig. Er will sich zur Sache nicht äußern. Sein Anwalt allerdings wirft Elschenbroich vor, die Anklage wegen der im März 2019 drohenden Verjährung vorschnell verfasst zu haben. Man habe sich daher eilig auf eine Theorie festgelegt, andere mögliche Ursachen wie den "hydraulischen Grundbruch" dagegen außer Acht gelassen. Dabei handelt es sich um eine Art unvermeidliches Naturereignis, bei dem es durch einströmendes Grundwasser zu einer plötzlichen Bodenbewegung kommt. Es ist zugleich der von den Baufirmen bevorzugte Erklärungsversuch, die sich noch in einem getrennten Zivilverfahren verantworten müssen. Von ihnen will die Stadt Köln 1,2 Milliarden Euro Schadensersatz fordern.

Unabhängig vom Prozess wird der Archiveinsturz die Stadt Köln noch lange beschäftigen. 95 Prozent der versunkenen Dokumente konnten geborgen werden. 200 Mitarbeiter kümmern sich um die etwa 400 Millionen Euro teure Wiederherstellung und digitale Sicherung. Die vollständige Restaurierung der Unterlagen wird voraussichtlich bis zu 40 Jahre dauern.



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