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Kölner Silvesternacht: Polizei geht nicht von Absprachen unter Tätern aus

NRW-Innenminister Ralf Jäger: "Dieses Ministerium hat nichts zu verbergen" Zur Großansicht
DPA

NRW-Innenminister Ralf Jäger: "Dieses Ministerium hat nichts zu verbergen"

Der Polizei in Köln liegen inzwischen 821 Anzeigen wegen Übergriffen in der Silvesternacht vor. Das berichtete Innenminister Ralf Jäger im NRW-Landtag. Bislang seien 30 Verdächtige ermittelt worden.

Die Staatsanwaltschaft Köln will die Übergriffe in der Silvesternacht rasch vor Gericht aufarbeiten. Er erwarte zügig Anklagen gegen Verdächtige, denen Diebstahl vorgeworfen werde, sagte ein Behördensprecher. Demnach sitzen acht mutmaßliche Täter in Untersuchungshaft.

Der Kölner Polizei liegen nach Angaben von Landesinnenminister Ralf Jäger 821 Anzeigen im Zusammenhang mit Straftaten in der Silvesternacht vor. In 359 Fällen handele es sich um Sexualstraftaten, sagte Jäger vor dem Innenausschuss des Landtags in Düsseldorf. 30 Verdächtige seien bislang ermittelt worden, 25 davon stammten aus Marokko oder Algerien. Bei 15 der Verdächtigen handele es sich um Asylbewerber.

Jäger zufolge gibt es bislang keine Erkenntnisse, dass die Täter die Übergriffe bereits vor Silvester abgesprochen hätten. Hinweise auf "gruppenweise Verabredungen" lägen nicht vor. Die Verdächtigen stammten auch nicht aus der "Antänzer-Szene" - diese umfasst Trickdiebe, die ihre Opfer bedrängen.

"Völlig aus dem Ruder gelaufen"

Die Tätergruppen seien "nicht hierarchisch strukturiert", sondern "eher heterogen zusammengesetzt", sagte der SPD-Politiker. Vor den sexuellen Übergriffen und Raubdelikten hätten sich offenbar mehrere Gruppen von Männern über soziale Netzwerke zum Feiern verabredet, "und das ist völlig aus dem Ruder gelaufen", sagte Jäger.

Der Minister hatte nach dem Einsatz die Kölner Polizeiführung kritisiert und Polizeipräsident Wolfgang Albers in den Ruhestand versetzt. Die Opposition im Landtag wirft Jäger Versagen vor und fordert seinen Rücktritt. CDU-Innenpolitiker Theo Kruse sprach nun von "Staatsversagen". Die schlimmen Vorkommnisse seien keine lokale Kölner Erscheinung, sondern "ein landesweites Phänomen".

Tausend Strafanzeigen

Zuvor hatte Jäger berichtet, dass die Polizei in Köln, Düsseldorf, Dortmund und Bielefeld rund tausend Strafanzeigen bearbeite und mehr als 1200 Opfer erfasst habe. Die Straftaten hätten nach bisherigen Ermittlungen überwiegend Männer nordafrikanischer oder arabischer Herkunft begangen. Auch Vergewaltigungen wurden zur Anzeige gebracht.

Jäger wies Vorwürfe zurück, er habe die Öffentlichkeit verspätet über die Silvester-Gewalt von Köln informiert. Das Ausmaß der begangenen Straftaten und die Zahl der Opfer seien an den ersten Januartagen noch nicht erkennbar gewesen.

Vor dem Innenausschuss bekräftigte der Minister nun, dass den wenigen eingesetzten Beamten nichts vorzuwerfen sei. Die Polizisten hätten bei dem Silvester-Einsatz am Kölner Hauptbahnhof und am Dom "versucht zu retten, was nicht mehr zu retten war".

Jäger kündigte zudem Unterstützung für den von der Opposition beantragten Untersuchungsausschuss zu den Silvester-Vorfällen an. Sein Ministerium habe nichts zu verbergen, sagte er. "Alles muss auf den Tisch."

Der Leiter der Polizeiabteilung im Innenministerium, Wolfgang Düren, räumte ein, er habe schon in einer polizeilichen WE-Meldung (Wichtiges Ereignis) vom 1. Januar den Hinweis auf sexuelle Belästigung ausgehend von nordafrikanischen Tätergruppen durchaus "bemerkenswert" gefunden.

wit/dpa/AFP/Reuters

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