Gewalt in Rapper-Szene In herzlicher Feindschaft

Sein Gangster-Rap-Album steht auf Platz 1 der Charts, nun ist Rapper Xatar in einen blutigen Streit verwickelt und stellte sich der Polizei. Die Attacke führt in die deutsche Hip-Hop-Szene und zu seinem Erzfeind.

Rapper Xatar
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Rapper Xatar

Von , Köln


Als die ersten Anrufe von besorgten Anwohnern bei der Polizei eingehen, ist es 3.43 Uhr am Morgen. Auf einer Straße nahe der Kölner Ringe ist es zu einer lautstarken Auseinandersetzung gekommen, Schüsse sollen gefallen sein. Vor einer Shisha-Bar steht ein Mann mehreren Angreifern gegenüber. Sie prügeln auf ihn ein, er wehrt sich, bis er nach einem schweren Schlag mit einem Gegenstand gegen den Kopf zu Boden geht. Die Männer haben Messer gezückt, stechen auf ihn ein, immer wieder, in die Beine und ins Gesäß.

Dem Mann gelingt die Flucht. Er schleppt sich zu seinem weißen Mercedes-Geländewagen, die Reifen sind zerstochen, die Scheiben zertrümmert. Auf den Felgen fährt er davon. Wenige Straßen weiter wird er von einer Polizeistreife aufgegriffen. Die Beamten alarmieren den Rettungsdienst. Mit einem Schädelbruch und zahlreichen weiteren Verletzungen wird der Mann ins Krankenhaus eingeliefert. Als die Beamten am Tatort eintreffen, ist von den Tätern nichts mehr zu sehen. Stattdessen finden die Ermittler Glassplitter, Blutspuren und Patronenhülsen auf der Straße.

Video: Blutiger Streit in der Kölner Innenstadt

So drastisch Zeugen, Opfer und Staatsanwaltschaft die Geschehnisse aus der Nacht auf den 15. August schildern, die Tat würde wohl als weiteres Beispiel für Großstadtkriminalität und Klan-Streitereien schnell wieder aus dem kollektiven Gedächtnis verschwinden, wäre da nicht ein brisantes Detail: Die Spuren des Falls, dessen genauer Hintergrund noch unklar ist, führen in die deutsche Rap-Szene.

Xatar stellt sich der Polizei

Schon kurz nach den Ereignissen kursieren erste Namen. Von Rapper-Fehde und Szene-Krieg ist in lokalen Medien die Rede. Die vermeintlichen Beteiligten sollen aus dem Umfeld bekannter Hip-Hopper stammen.

Der Bonner Gangsterrapper Xatar stellte sich am Dienstagmorgen im Beisein seines Anwaltes bei der Polizei in Köln. Es gebe einen Haftbefehl des Amtsgerichts Köln wegen versuchten Totschlags und gefährlicher Körperverletzung, sagte Oberstaatsanwalt Ulrich Bremer. Allerdings werde Xatar nicht vorgeworfen, unmittelbar an der Tatausführung beteiligt gewesen zu sein.

Es sei nicht zutreffend, dass der Rapper wie von der "Bild"-Zeitung berichtet europaweit zur Fahndung ausgeschrieben gewesen sei, Bremer. In Untersuchungshaft muss Xatar nicht, er blieb gegen Kaution und Meldeauflagen frei.

Tatsächlich soll die Shisha-Bar, in deren Nähe es zur blutigen Auseinandersetzung kam, Xatar gehören, der mit bürgerlichem Namen Giwar Hajabi heißt. In seiner 2015 veröffentlichten Biografie "Alles oder nix" schreibt er, er habe die Bar Noon 2015 mit Rapper-Kollege "SSIO, meinem alten Freund Selam und seinem Bruder" eröffnet.

Mit Selam dürfte Selam A. gemeint sein, der im Zuge der aktuellen Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft per Öffentlichkeitsfahndung gesucht wurde, ebenso wie sein Bruder Rirzgar A., der wiederum als Inhaber des Noon im Handelsregister geführt wird. Gegen beide wurde Haftbefehl wegen versuchten Totschlags erlassen. Am Montag stellten sich die Brüder der Polizei. Ein weiterer Verdächtiger war bereits zuvor festgenommen worden.

Damit haben die Ermittler offenbar alle Personen von Interesse gefunden. Laut Oberstaatsanwalt Bremer wird nach niemand weiterem gefahndet.

"Nach dem ersten Knall rennen alle los"

Xatar ist nicht der einzige bekannte Name, der im Raum steht. Das Opfer der Auseinandersetzung ist Mitinhaber einer anderen Shisha-Bar in Köln, der Rebell-Lounge. Diese wiederum gehört zu einer Kette, die von Rapper Hüseyin Köksecen, bekannt als KC Rebell, gegründet wurde. Am Tag nach den Ereignissen postet Rebell ein Foto auf Instagram, das ihn vor der Kölner Bar zeigt. Dazu die Sätze: "Die Olympia findet grad in Köln statt. Nach dem ersten Knall rennen alle los."

Die Olympia findet grad in Köln statt. Nach dem ersten Knall rennen alle los �� #freitagkriegstdudeinepromo

Ein von Hüseyin Köksecen (@rebell45) gepostetes Foto am

KC Rebell zählt zu den Großen im Geschäft, obwohl er im Mainstream kaum bekannt ist. Sein jüngstes Album "Fata Morgana" hielt sich 2015 wochenlang auf Platz eins der Charts. Mit seinen Rebell-Lounge-Bars hat sich der Rapper ein zweites Standbein geschaffen. Im Dezember 2015 wurde auf eine seiner Bars in Hamburg ein Sprengstoffanschlag verübt, bei dem die Scheiben zu Bruch gingen.

Auch Xatar ist in der Hip-Hop-Szene eine Größe. Besonders seine kriminelle Vergangenheit trägt zum Ruhm bei. Weil er 2009 an einem Überfall auf einen Goldtransporter beteiligt war, wurde Xatar 2010 zu acht Jahren Haft verurteilt. Seit 2014 ist der Rapper wieder auf freiem Fuß. Bis heute ist nicht bekannt, was mit den erbeuteten Goldbarren im Wert von rund 1,7 Millionen Euro passiert ist.

Zwischen Xatar und KC Rebell brodelt es innerhalb der Szene seit Längerem. Zunächst lieferten sich Xatar und Farid Bang, bei dessen Label KC Rebell gezeichnet ist, kleinere Scharmützel. Bei der PR für Xatars neues Album, eine Kollaboration mit Rapper-Kollege Haftbefehl, griff der Bonner KC Rebell direkt an und behauptete, dieser habe bei Xatars Label unterkommen wollen. Am Freitag feuerte KC Rebell mit einem Diss-Track zurück.

"Illegale Geschäfte sind das eine, die Musik das andere"

Zwei große Namen, dazu ein Rap-Beef: Unter Fans und in den Medien überschlagen sich die Vermutungen. Der Musikjournalist Falk Schacht* warnt jedoch davor, Straßenaktivitäten und Musik in einen Topf zu werfen: "Illegale Geschäfte sind das eine, die Musik das andere. Das muss erst einmal nichts miteinander zu tun haben."

Man wisse nicht, was im Hintergrund ablaufe. Zwar sei zu erwarten, dass die Szene und beide Rapper an Verkaufszahlen gemessen zunächst einmal von der Aufmerksamkeit profitieren, solche Ereignisse sollten jedoch nicht als Werbung gewertet werden. Diese Art der öffentlichen Auseinandersetzung sei für die Szene auch nicht üblich.

Oberstaatsanwalt Bremer sagt, es sei unklar, ob "gegenseitige Beleidigungen in Liedtexten irgendeine Rolle spielen". Auch ihm sei bisher kein ähnlicher Fall mit Anbindung an die Rapper-Szene in Deutschland bekannt.


* Falk Schacht ist auch Autor bei bento.

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