Raserprozess in Köln Tödliches Spiel mit dem Gaspedal

Im April 2015 rasten zwei Autos durch Köln, ein Fahrer verlor die Kontrolle, eine Radfahrerin starb. Vor dem Landgericht Köln geben sich die Männer nun reuig. Ein geplantes Autorennen bestreiten sie jedoch.

Angeklagter Raser in Köln: "Geschwindigkeits-Ausraster"
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Angeklagter Raser in Köln: "Geschwindigkeits-Ausraster"

Von Claudia Hauser, Köln


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Erkan F. spürte kurz vor einer Kurve, dass er die Kontrolle über seinen BMW verlor. Als er das letzte Mal auf den Tacho blickte, zeigte dieser 85 Kilometer pro Stunde an. Er bekam kurz Panik. Doch sein Fuß drückte das Gaspedal weiter durch - sein Kumpel Firat M. hing ihm mit seinem Mercedes fast auf der Stoßstange, so beschreibt Erkan F. es.

Ungebremst sei er nach der Kurve mit "sicher mehr als 90" auf die Bordsteinkante geprallt, der BMW brach aus, drehte sich, schleuderte über die Straße. Dass der Wagen eine junge Radfahrerin mit voller Wucht erfasste, habe er erst nicht bemerkt. Gesehen hatte er die 19-Jährige aber vorher. "Als mein Auto stand, habe ich nur gehofft, dass ich sie nicht erwischt habe."

Er sei ausgestiegen, habe sie gesucht. Und dann entdeckte er Miriam S. Sie lag unter ihrem Rad in einem Gebüsch neben dem Radweg. "Ich wollte sie nach vorne ziehen, aber ein Jogger sagte, ich solle sie nicht bewegen, um ihren Zustand nicht zu verschlechtern."

Drei Tage nach dem Unfall starb Miriam S.

Gedenken im Auenweg: Hier starb Miriam S.
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Gedenken im Auenweg: Hier starb Miriam S.

Erkan F. und Firat M., 23 und 22 Jahre alt, müssen sich seit Mittwoch vor Gericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen fahrlässige Tötung vor, weil sie davon überzeugt ist, dass die Männer sich am 14. April 2015 auf dem Auenweg in Köln-Mülheim ein Autorennen geliefert haben.

Das Landgericht wollte den Fall an das Amtsgericht delegieren, das Oberlandesgericht Köln sah das jedoch anders: Das Verfahren wird nun vor dem Landgericht eröffnet, wegen "der besonderen Bedeutung des Falls". Illegale Autorennen und eine neue Raser-Szene haben Köln im vergangenen Jahr bundesweit in die Schlagzeilen gebracht. Drei unbeteiligte Menschen kamen ums Leben, weil junge Kerle in PS-starken Autos rücksichtslos durch die Stadt heizten.

Im Januar erst kamen zwei andere junge Männer (beide 20) in Köln mit Bewährungsstrafen davon. Auch sie waren durch Kölns Straßen gerast, als es zum Zusammenstoß mit einem Taxi kam. Ein Fahrgast starb. Eine Verabredung zu dem Rennen konnte ihnen nicht nachgewiesen werden. Nun muss sich auch im Fall Erkan F. und Firat M. zeigen, ob sie sich tatsächlich zu einem Rennen verabredet haben.

Der Prozess vor der 17. Großen Strafkammer beginnt mit zweistündiger Verzögerung, weil ein Schöffe fehlt. Das Warten wird quälend für die Eltern der Getöteten, die als Nebenkläger teilnehmen. Thomas und Marita S. sitzen äußerlich gefasst neben ihrem Anwalt, Bernd Neunzig. Sie möchten nicht als "Racheengel auftreten", sagt Marita S. "Aber wenn nicht wir den Prozess verfolgen, wer dann? Das sind wir unserer Tochter schuldig."

SPIEGEL TV Magazin (13.09.2015)
Erkan F. will sich zur Sache äußern, er lässt seinen Verteidiger Michael Biela-Bätje eine Erklärung vorlesen. "Es fällt ihm nicht leicht", sagt der Anwalt. "Ich denke jeden Tag an den Unfall", heißt es da. "Ich kann nur sagen, dass es mir unendlich leid tut, dass Miriam gestorben ist."

Er räumt ein, dass er geglaubt habe, sein Auto unter Kontrolle zu haben. "Bis heute tue ich mich schwer damit, mir einzugestehen, dass ich es war, der den Unfall verursacht hat - aber so war es." Der BMW sei sein erstes Auto gewesen, er habe lange darauf gespart. An jenem Apriltag habe er sich mit seinem Kumpel Firat verabredet und ein paar anderen, man habe zum Tanzbrunnen auf die andere Rheinseite fahren wollen. "Ich hatte nicht viel Zeit, weil ich abends noch arbeiten musste."

Der 23-Jährige jobbte damals im Zentrallager einer Supermarktkette. Er gibt zu, dass schon die Fahrt über die Mülheimer Brücke rasant war. Er im BMW, Firat M. und ein Kumpel im Mercedes, den M. sich von seinem Vater geliehen hatte. Drüben in Deutz habe man beim Warten an Ampeln "mit dem Gaspedal gespielt", er habe sich mit seinem BMW vor den Mercedes gesetzt, als er in den Auenweg abgebogen sei. "Ein Rennen haben wir nicht verabredet." Nachdem sein Verteidiger die Suche nach der schwerverletzten Radfahrerin verlesen hat, kämpft Erkan F. mit den Tränen. Dann weint er leise.

Als der Verteidiger darum bittet, an diesem ersten Prozesstag keine Fragen zur Sache zu stellen, weil es zu belastend für seinen Mandanten sei, lacht Marita S. kurz auf. Später wird ihr Anwalt sagen, dass die Eltern des Opfers sich sehr schwer tun mit der nüchtern-distanzierten Sprache des Gerichts. "Sie wollen nicht, dass von einem Unfall gesprochen wird, weil es für sie kein Unfall war, sondern absolut vermeidbar."

Angeklagte im Landgericht Köln: "Mit dem Gaspedal gespielt"
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Angeklagte im Landgericht Köln: "Mit dem Gaspedal gespielt"

Auch Firat M. lässt seinen Anwalt, Sebastian Schölzel, für sich reden. Sein Mandant wirkt deutlich abgeklärter als Erkan F. Er nennt die Fahrweise seines Kumpels an jenem Tag einen "Geschwindigkeits-Ausraster", Erkan habe "wie von Sinnen Vollgas gegeben". Kurz vor dem Unfall habe der BMW gewirkt, als fahre er auf Glatteis. Erkan habe ihm später gesagt: "Es tut mir leid, dass ich dich da mit reingezogen habe." Auch er will von einer Verabredung zum Autorennen nichts wissen.

Dass beide Angeklagten ein Faible für schnelle Autos haben und immer wieder viel zu schnell unterwegs waren, wird deutlich, als der Vorsitzende Richter die Verkehrsregister-Auskünfte zu Protokoll gibt. Firat M. hat mehrere Punkte in Flensburg, weil er eine rote Ampel ignorierte und ein andermal mit fast 160 km/h geblitzt wurde, 100 waren erlaubt. Sein Führerschein wurde damals für einen Monat eingezogen.

Auch Erkan F. hat schon einmal den Führerschein verloren, weil er mit 107 Kilometern pro Stunde durch einen Tunnel gerast ist. Erlaubt waren 70. Er war noch in der Probezeit. Das war er auch am 14. April, als er mit fast 100 Sachen in den Auenweg raste.

Den beiden Angeklagten drohen bis zu fünf Jahre Gefängnis. Miriams Eltern wissen, dass das Urteil, wie auch immer es ausfallen wird, ihnen keine Genugtuung verschaffen wird. "Unsere Tochter ist und bleibt tot", sagt Marita S.


Zusammengefasst: Vor dem Kölner Landgericht müssen sich seit Mittwoch zwei junge Männer verantworten: Sie waren im April 2015 mit ihren Autos durch Köln gerast, einer verlor die Kontrolle, sein Wagen kollidierte mit einer Radfahrerin. Sie starb. Noch ist offen, ob sich die Männer zum Rennen verabredet hatten, wie es die Staatsanwaltschaft sieht. Ihnen drohen bis zu fünf Jahre Gefängnis.



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