Prozess in Köln Die Raser und die Suche nach Gerechtigkeit

Zwei Raser verursachten den Tod einer Radfahrerin und erhielten Bewährungsstrafen. Ein Gericht soll das Urteil jetzt prüfen. Doch ein Schöffe geriet selbst schon einmal ins Visier der Polizei - wegen Rasens.

Die Angeklagten mit ihren Anwälten
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Die Angeklagten mit ihren Anwälten

Von Christian Parth, Köln


In der Mittagspause wird Richter Ralph Ernst kalt erwischt. Erst wenige Stunden zuvor hatte der Vorsitzende der 3. Großen Strafkammer des Kölner Landgerichts mit sichtbarer Entschlossenheit die Neuauflage des bundesweit beachteten Kölner Raserprozesses eröffnet, da nimmt der Tag eine überraschende Wendung.

In der Pause erklärt einer der Schöffen dem Gericht, dass er mit einem potentiellen Zeugen und Kumpel eines der beiden Angeklagten, die bei einem illegalen Autorennen vor zweieinhalb Jahren den Tod einer Fahrradfahrerin verursacht hatten, über Facebook befreundet sei. Doch nicht nur das: Auf Nachfrage räumt er ein, dass er selbst schon einmal wegen eines Raser-Vorfalls, der auf Video dokumentiert und ins Netz gestellt worden war, ins Visier der Polizei geraten sei. Die Beamten hätten ihn besucht und ihm eine Gefährderansprache gehalten.

Eilig verfasst der Schöffe eine Erklärung, die Richter Ernst nach der Mittagsunterbrechung verliest. Darin beteuert der Schöffe, dass er nun Familienvater sei, kaum noch Kontakte zur Kölner PS-Szene habe und ihn schnelle Autos nicht mehr interessierten.

Verblüffung und Ratlosigkeit

Ein Blick auf seine öffentlich zugängliche Facebook-Seite allerdings lassen seine Aussagen wenig glaubwürdig erscheinen. Auf zahlreichen Bildern posiert der Laienrichter mit erhobenem Daumen vor protzigen Schlitten. Schließlich stellt sich auch noch heraus, dass der 31-Jährige seit August dieses Jahres nicht mehr in Köln wohnt und somit als Schöffe gar nicht hätte geladen werden dürfen. Bei den Pozessbeteiligten herrscht Verblüffung und Ratlosigkeit gleichermaßen. Das Gericht wirkt brüskiert.

Es ist ein turbulenter Tag, der zunächst unaufgeregt beginnt. Auf der Anklagebank sitzen Firat M. und sein Kumpel Erkan F. Die beiden 24 Jahre alten Männer hatten sich damals, im April 2015, ein spontanes Autorennen in der Kölner Innenstadt geliefert. Bei Tempo 95, am Auenweg unten am Rhein, wo sich immer wieder Männer mit PS-starken Boliden zum Kräftemessen treffen, flog F. mit seinem Auto aus der Kurve. Mit voller Wucht rammte er die 19 Jahre alte Miriam S., die mit ihrem Rad unterwegs war. Die Jurastudentin starb im Krankenhaus.

Im April 2016 verurteilten die Kölner Richter F. zu zwei Jahren und M. zu einem Jahr und neun Monaten Haft. Die Strafen wurden zur Bewährung ausgesetzt. Doch genau das wollte die Staatsanwaltschaft nicht hinnehmen und legte Revision ein.

Gedenken an der Unfallstelle (Archiv)
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Gedenken an der Unfallstelle (Archiv)

Im Juli dieses Jahres kassierte der Bundesgerichtshof (BGH) in Karlsruhe das Urteil teilweise, hob die Bewährungsstrafen auf und verwies das Verfahren an das Landgericht Köln zurück. Die Höhe der Strafen steht dort nicht zur Debatte. Es geht allein um die Frage, ob die Angeklagten ihre Strafen doch noch im Gefängnis verbüßen müssen oder nicht.

Laut BGH verursachten die Angeklagten den Tod ihres Opfers zwar fahrlässig, fuhren das Rennen aber vorsätzlich. "Das Landgericht Köln hat sich nicht ausreichend damit auseinandergesetzt, wie sich die Bewährung auf das Rechtsempfinden der Bevölkerung auswirkt", hieß es in der Urteilsbegründung. Zu berücksichtigen sei auch die Zunahme illegaler Autorennen in Innenstädten und die Tatsache, dass die Männer die Gefährdung durch ihre aggressive Fahrweise bewusst herbeigeführt hätten.

Mit seiner Entscheidung hatte der BGH eine deutliche Botschaft nach Köln geschickt. So deutlich, dass die Verteidigung Sorge hat, ein fairer Prozess könne bei dem Druck, den der BGH aufgebaut habe, mindestens problematisch werden.

"Jeder kennt mich, jeder hasst mich"

Zu Beginn des Prozesstages zeigt sich Firat M. überraschend reuig. "Es tut mir unendlich leid, was ich angerichtet habe, aber ich kann Ihnen ihre Tochter nicht zurückbringen", sagt M. an die Eltern der Toten gerichtet. Der Angeklagte, schwarze Haare, an den Seiten abrasiert, liest seine Erklärung von einem Blatt Papier ab. Am liebsten würde er die Zeit zurückdrehen und alles ungeschehen machen. Er leide, müsse Tabletten nehmen, um in den Schlaf zu finden. Wegen der Berichterstattung würden die Leute immerzu über ihn reden. "Jeder kennt mich, jeder hasst mich", sagt er und blickt kurz auf. "Ich bin einer der Todraser, das macht mich kaputt."

Die Erklärung wird vom Anwalt der Nebenklage eher als taktisches Manöver gewertet. M. hatte sich im ersten Verfahren wortkarg und emotional unterkühlt gegeben und sich vielmehr den Ruf des unverbesserlichen bösen Buben erworben. Schon unmittelbar nach dem tödlichen Crash am Auenweg herrschte er die Polizei an, beim Anwenden der Sprühkreide auf seine Felgen zu achten. Doch nun sei er erwachsen geworden und ein anderer Mensch. Er könne jetzt zu dem stehen, was er gemacht habe, sagt er. Er sei als Beifahrer inzwischen unerträglich. Wenn einer zu schnell fahre, schieße ihm sofort das Unfallgeschehen in den Kopf. "Dann kriege ich Paranoia."

Ob eine Gefängnisstrafe in Frage kommt, hängt nun vor allem von der Sozialprognose und den beruflichen Perspektiven der beiden Angeklagten ab. M. erzählt, dass er als Zeitarbeiter bei Ford neun Stunden täglich Polstersitze für den Fiesta fertige. Er halte sich im Sportstudio fit und spiele Fußball im Verein. Außerdem habe er ehrenamtlich Kinder in einem Flüchtlingsheim betreut und wolle bald eine Ausbildung zum Facharbeiter für Lagerlogistik machen. Auch Bewerbungen habe er schon geschrieben. Allerdings fehle ihm oft die Kraft. In getunte Autos würde er nicht mehr einsteigen, höchstens A3, Fiesta und Peugeot.

Umstrittenes Facebook-Video

Daran hat zumindest Nebenklage-Anwalt Nikolaos Gazeas erhebliche Zweifel. Er bringt ein Facebook-Video ins Spiel, in dem zwei sündhaft teure Sportwagen durch Köln fahren. In dem Post ist M. markiert. Ins Netz gestellt wurde es zehn Monate nach der tödlichen Raserei von jenem Kumpel, mit dem auch der Schöffe bekannt ist. M. beteuert allerdings, in keinem der Autos gesessen zu haben.

Auch der Mitangeklagte Erkan F. klagt über die Folgen der Tat. Er war es, der mit seinem Auto der Radfahrerin die tödlichen Verletzungen zugefügt hatte. "Ich denke nur daran, täglich", sagt er. Er habe eine Therapie gemacht, 20 Sitzungen, wegen des Unfalls und der Konzentrationsstörungen. Im Sommersemester 2016 habe er sich an der Fachhochschule für Maschinenbau eingeschrieben. Er habe auch bereits Prüfungen bestanden, welche genau, wisse er nicht mehr.

Es ist gut möglich, dass die beiden Angeklagten all das noch einmal erzählen müssen, sollte der Schöffe abgelehnt werden. Die Anträge werden jetzt vorbereitet und noch in dieser Woche ans Gericht geschickt. Für Nebenklage-Vertreter Gazeas ist eine rechtssichere Verhandlung mit dem vorbelasteten Laienrichter eigentlich kaum noch möglich. "Auch dem Schöffen selbst tut man damit keinen Gefallen", sagt er. Sollte das Gericht neu besetzt werden müssen, fängt der Prozess, der gerade erst begonnen hat, noch einmal von vorn an.

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Klangstof 06.12.2017
1. Das Rechtsempfinden der Bevölkerung..
Genau, darum geht es. Ich wette, in keinem anderen Rechtsstaat hätte es eine Bewährungsstrafe gegeben, wie im 1. Urteil ausgesprochen. Es kann und darf nicht sein, dass diese PS Prolls durch die Straßen dampfen und dabei jegliche Unbeteiligte gefährden und sogar zu Tode bringen. Es ist ein Mensch gestorben, völlig unschuldig und hier Bewährungsstrafen auszusprechen ist purer Hohn, primär für die engsten Angehörigen. Ich hoffe, der Richter nimmt sich ein Beispiel am Berliner Urteil vom Sommer und spricht knallharte Haftstrafen aus. Da geht mir und vielen anderen sonst die Hutschnur hoch. Man fragt sich ja sonst, ob der Vorwurf der "Kuscheljustiz" nicht doch oft gerechtfertigt ist.
vliege 06.12.2017
2. Bewährung?
Wer mit derart überhöhter Geschwindigkeit durch die Innenstadt brettert, nimmt den Tod von Menschen billigend in Kauf. Das Kölner Urteil ist ein Schlag ins Gesicht für die Angehörigen. Was Richter heutzutage mitunter an Urteile aussprechen ist nicht mehr nachvollziehbar. Ob Gewalt / Sexual oder Todraserei, es wird meist das sanfteste Urteil ausgesprochen ohne Abschreckende Wirkung auf evtl. Nachahmer. Die Rechtsanwälte kennen berufsbedingt jeden Winkelzug um eine "positive" Sozialprognose beim Richter geltend zu machen. Das deutsche Strafrecht gehört dringend reformiert bzw verschärft. Die Richter sollten ebenso angehalten werden diese auch in vollem Umfang auszunutzen.
ernstmoritzarndt 06.12.2017
3. Zur bekundeten Reue der Täter:
Besser spät, als nie sagte der servierende Kellner, als die Gäste schon gegangen waren. Das ist doch ein rein prozeßtaktisches Verhalten. Die wollen die Beteiligten für dumm verkaufen. Andererseits sollte man zumindest darüber nachdenken, ob ein geläuterter Raser vielleicht doch als Schöffe geeignet sein könnte: Der Mann weiß wenigstens, wovon er spricht, er ist nicht der Blinde, der vom Licht redet!
anchises 06.12.2017
4. Jedem "normalem" Autofahrer wird,
wenn er einen Radfahrer oder Fußgänger aus einer Unachtsamkeit heraus verletzt eine Mitschuld angehängt, selbst wenn der Fußgänger oder Radfahrer dem gesunden Menschenverstand nach ursächlich und allein dafür verantwortlich war. Nur allein deswegen weil von einem Kfz eine grundsätzliche Gefährdung ausgeht. Berücksichtigt man nur dies allein, so ist das Urteil ein weiterer Treppenwitz der Juristerei.
humble_opinion 06.12.2017
5. Kein Fan von Law und Order
Ich bin wahrlich kein Fan von Law & Order. Aber als ich diesen Satz im Artikel lese: "Ob eine Gefängnisstrafe in Frage kommt, hängt nun vor allem von der Sozialprognose und den beruflichen Perspektiven der beiden Angeklagten ab." bin ich wirklich fassungslos. Auch der allerdümmste Mensch, insbesondere, wenn er einen Führerschein gemacht hat, weiß - und da gibt es nun wirklich kein Vertun - dass die 1-2 Tonnen Gewicht eines PKW für Fußgänger, Radfahrer usw. tödlich sein können. Die beiden Fahrer haben billigend in Kauf genommen, durch ihr verantwortungsloses Handeln Menschen töten zu können. Sie haben dadurch das Leben der jungen Frau, ihrer Eltern und vielleicht auch noch anderer zerstört. Es ist also von einer Sozialprognose abhängig, ob "eine Gefängnisstrafe in Frage kommt"? Die Frage kann ja eigentlich nur sein, für wie lange und mit welchem Ziel sie weggesperrt werden müssen und ob es möglicherweise Wege gibt, das unendliche Leid aller Betroffenen wenigstens etwas zu lindern. Aber wie leider so oft: das Opfer hat nur eine schwache Stimme während sich die Täter selbst zu Opfern stilisieren. Und wenn man etwas nur lange genug zerlabert finder sich genug Blödies, die auch dem abstrusesten "Argument" etwas abzugewinnen vermögen. Hallo? Jemand fährt eine Radfahrerin tot, weil er mitten in einer Stadt ein Autorennen veranstaltet. Ich wünsche den Eltern und allen Angehörigen, Freunden usw. die Kraft und innere Stärke, damit irgendwie fertig zu werden. Und der Justiz Orientierungsvermögen. Schwarzfahrer werden als Wiederholungstäter eingebuchtet. Aber wenn du mit deiner PS-Bombe mitten in der Stadt Menschen tot fährst, wird diskutiert, ob du ins Gefängnis musst. Bei positiver Sozialprognose evtl. nicht. Was stattdessen? 2 Punkte in Flensburg?
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