Silvesterübergriffe in Köln Mein Name ist... Ahmed

In Köln sind die ersten Täter der Silvesternacht zu Bewährungsstrafen verurteilt worden. Die Prozesse vor dem Amtsgericht zeigen, wie schwer sich die Behörden mit den kaum zu identifizierenden Kriminellen tun.

Von , Köln


Als die Richterin den Namen des Angeklagten aufruft, fällt ihr der Verteidiger sofort ins Wort. "Das müssten wir noch mal hinterfragen", sagt Rechtsanwalt Florian Storz.

Sein Mandant heiße gar nicht Khaled B., sondern wohl eher Ahmed M. Er sei auch an einem anderen Tag und in einem anderen Jahr geboren als bislang bekannt - und was die angegebene tunesische Staatsbürgerschaft anbelangt, nun ja, dazu wolle man jetzt lieber nichts weiter sagen. Papiere habe B. jedenfalls keine. "Aber es ist schon ihr Mandant, der da neben Ihnen sitzt?", fragt die Richterin.

Für einen Moment lacht der Saal 213 des Kölner Amtsgerichts, in dem an diesem Mittwoch die ersten Prozesse gegen Täter der Silvesternacht stattfinden. In zwei Verfahren werden hintereinander schließlich drei Nordafrikaner zu mehrmonatigen Bewährungsstrafen verurteilt. Sie haben eingeräumt, eine Kamera und ein Handy gestohlen zu haben. Gegen alle drei laufen oder liefen weitere Ermittlungen, es geht um Schwarzfahrten und Ladendiebstähle. Einer der Angeklagten gehörte nach Schilderung eines Opfers auch zu einer Gruppe von Männern, aus der heraus an Silvester Frauen begrapscht wurden.

Der Hauptverdächtige ist untergetaucht

Die aktuellen Urteile gegen Ahmed M., Sami S. und Younes A. sind vergleichsweise hart. Vor wenigen Wochen waren ebenfalls Verdächtige der Silvesternacht für einen Handydiebstahl mit einer Woche Arrest davongekommen. Den Diebstahl hatten sie am 3. Januar begangen.

Einer der damals Verurteilten, der Marokkaner Mehdi E.-B., gilt inzwischen als Hauptverdächtiger einer massiven sexuellen Nötigung in der Silvesternacht. Ein Opfer hat ihn bei der Polizei zweifelsfrei identifiziert. Doch E.-B. ist untergetaucht.

Angeklagte in Köln: "Ich will hierbleiben"
DPA

Angeklagte in Köln: "Ich will hierbleiben"

Die Verfahren vor dem Kölner Amtsgericht erlauben einen Einblick in das Milieu nordafrikanischer Straftäter, die als Flüchtlinge nach Europa kommen und deren Identität häufig kaum zu klären ist. Keiner der drei hageren, blassen Jünglinge hatte noch gültige Papiere bei sich, als sie sich von Spanien beziehungsweise Italien auf den Weg nach Deutschland machten.

"Sie haben die Ausweise weggeworfen, um eine Abschiebung zu verhindern", wird der Richter Amand Scholl später sagen. Das sei eher üblich. "Es ist nicht selten, dass meine Angeklagten fünf bis sieben Identitäten haben", so Scholl. "Mein persönlicher Rekord waren 19 verschiedene Identitäten." Der aus Tunesien stammende und Anfang Januar in Paris getötete Islamist Tarek Belgacem nutzte sogar 20 unterschiedliche Namen auf seinem jahrelangen Weg durch Europa.

"Wir sollen nicht erfahren, um wen es sich handelt"

Besonders absurd wird es, als Richterin Julia Roß die Herkunft des Mannes zu ergründen versucht, der sich inzwischen Ahmed M. nennt. Sein Verteidiger berichtet zwar freimütig, der Mandant habe nur bis zum zehnten Lebensjahr die Schule besucht und sei Analphabet, doch aus welchem Land M. stammt, mag Rechtsanwalt Storz nicht sagen.

Ein Dolmetscher hatte arge Zweifel angemeldet, dass der Angeklagte tatsächlich - wie behauptet - Tunesier ist. Wahrscheinlich handele es sich bei ihm um einen Algerier, heißt es in einem Aktenvermerk, aus dem die Richterin zitiert. Doch eine Antwort bekommt sie von M. am Mittwoch nicht. "Wir dürfen nicht erfahren, wo er geboren und aufgewachsen ist. Und wir sollen nicht erfahren, um wen es sich handelt", ärgert sich Roß. Der Angeklagte sieht zu Boden.

Keiner der Männer hat zudem bislang irgendwelche Bemühungen erkennen lassen, sich in Deutschland zu integrieren. Younes A. hat nach einem Jahr in der Bundesrepublik eine Frist, endlich Asyl zu beantragen, verstreichen lassen. Sami S. ist ebenfalls schon vor mehr als einem Jahr nach Deutschland gekommen, ohne sich bis heute als Asylbewerber zu melden. Er lebte bei irgendwelchen Bekannten in einem Ein-Zimmer-Apartment in Dortmund und schlug sich wohl mit Diebstählen durch. Und Khaled B. alias Ahmed M. weiß angeblich nicht einmal, ob er schon Asyl beantragt hat oder nicht. "Ich sehe jedenfalls überhaupt keine Bereitschaft, an einem solchen Antrag mitzuarbeiten", sagt die Richterin.

Schließlich fragt Roß den Angeklagten Ahmed M., was er tun werde, wenn er wieder auf freien Fuß komme? Was er tun wolle, wenn er nicht in Deutschland bleiben dürfe? Ob er das Land wieder verlassen werde? Der Verteidiger versucht eine Antwort zu verhindern. Das sei alles noch so lange hin. Doch Ahmed M. antwortet: "Nein, ich will hierbleiben."

Sein Pflichtverteidiger lässt den Prozess unterbrechen. Nach der Pause richtet Rechtsanwalt Stotz der Richterin dann aus: Sein Mandant werde wieder gehen, wenn der Asylantrag abschlägig beschieden werde. Ahmed M. nickt beflissen.

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Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

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SPIEGEL TV Magazin (13.05.2001)

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