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Silvester-Übergriffe und die Folgen: Eine Nacht in Köln

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DPA

Junge Männer umzingeln Frauen, begrapschen und beklauen sie: Augenzeugen berichten von einer dramatischen Silvesternacht in Köln. Mittlerweile gibt es 90 Anzeigen, aber immer noch keine Verdächtigen. Eine Rekonstruktion der Ereignisse.

Der erste Bericht klingt so harmlos: "Feiern weitgehend friedlich", meldet die Kölner Polizei am Morgen des 1. Januar. Die Einsatzlage sei "entspannt" gewesen.

Da wissen die Beamten in der Pressestelle noch nicht, dass sie einen Tag später über die Gründung einer neuen Ermittlungsgruppe informieren werden, weil 30 Frauen Anzeige erstattet haben. Und sie ahnen nicht, dass Polizeipräsident Wolfgang Albers wiederum zwei Tage später von "Straftaten einer völlig neuen Dimension" sprechen wird.

Dutzende Frauen sind in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof massiv bedrängt und bestohlen worden. Die Täter stammen übereinstimmenden Aussagen zufolge aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum. Gruppen von bis zu 40 Männern sollen die Betroffenen umzingelt, begrapscht und bestohlen haben.

Das Vorgehen und der Hintergrund der Täter führen zu hitzigen Diskussionen in den sozialen Netzwerken. Das wahre Ausmaß wird erst nach mehreren Tagen klar und ist noch immer schwer zu überblicken. Was ist am Jahreswechsel in Köln geschehen? Und wie hat sich die Debatte entwickelt? Die Rekonstruktion.

31. Dezember, Köln.
Auf dem Bahnhofsvorplatz versammeln sich bis 21 Uhr etwa 400 bis 500 Personen, laut Polizei fast ausschließlich junge Männer, die viel Alkohol trinken.

Patrick kommt mit drei Freunden und einer Freundin am Bahnhof an, er will in der Altstadt auf Kneipentour gehen. Die Atmosphäre auf dem Vorplatz und den Domtreppen überrascht ihn: "Hunderte haben sich gegenseitig mit Böllern beworfen oder auch Raketen in Menschengruppen geschossen", erzählt er. "Ein Krankenwagen wurde hin- und hergeschaukelt und ebenfalls mit Böllern beworfen."

Bis 23 Uhr wächst die Menschenmenge auf rund tausend Personen an, laut Polizei überwiegend aus dem nordafrikanischen und arabischen Raum. Die Stimmung wird deutlich aggressiver, die jungen Männer zeigen sich "völlig enthemmt und unbeeindruckt von polizeilichen Maßnahmen".

Amateurvideo: Böller und Raketen vor dem Bahnhof

Youtube/Baris Olsun
"Was geht hier ab?"

Auch im Bahnhof geht es Zeugen zufolge chaotisch zu. Ein junger Mann, der in der Umgebung arbeitet, gerät mit einer Gruppe aneinander, die seinen Koffer wegtritt. Er beobachtet auch eine Schlägerei auf einem Gleis.

"Voll ist es hier immer, aber diesmal war die Atmosphäre ganz anders", erinnert sich eine Bahnmitarbeiterin. Sie habe "weit mehr Ausländer als sonst" gesehen. Die Stimmung sei aggressiv gewesen, viele Männer hätten sich in der Bahnhofsvorhalle übergeben. "Der Reinigungsdienst kam gar nicht mehr hinterher." Seit zwölf Jahren arbeite sie am Kölner Hauptbahnhof, aber so etwas habe sie noch nicht erlebt. Mehrere Reisende hätten sich bei ihr beschwert: "Was geht hier ab?"

Betroffenen zufolge kommt es schon früh zu Belästigungen, aber die Polizei erfährt davon offenbar noch nichts. Im Gedränge sind derartige Delikte von außen nur schwer zu sehen und verhindern. Auch der Bahnmitarbeiterin ist nichts aufgefallen. Was vor dem Bahnhof passiert, sieht sie nicht.

Draußen fürchten die Sicherheitskräfte eine Eskalation der Böllerei und beginnen gegen 23.30 Uhr, den Vorplatz und die Domtreppe zu räumen.

Die Räumung funktioniert - nicht ohne Schwierigkeiten, aber sie funktioniert. Bis 0.45 Uhr beruhigt sich die Lage deutlich. Die Polizei gibt den Zugang zum Bahnhof wieder frei.

Gegen 1 Uhr erhalten die Beamten erste Meldungen zu Diebstählen und teilweise auch sexuellen Übergriffen. Alle Silvester-Einsatzkräfte werden am Hauptbahnhof konzentriert. Die Polizisten weisen Frauen auf die Gefahren hin und begleiten sie bis zum Bahnhofseingang.

Bei besonders aggressiven Personen sprechen die Beamten Platzverweise aus, nehmen Personalien auf und halten sogenannte Gefährderansprachen. Festnahmen wegen sexueller Belästigungen gibt es jedoch nicht. Was im Laufe der Nacht alles geschah, wird erst in den folgenden Tagen klar.

Freitag, 1. Januar: In der Facebook-Gruppe "Nett-Werk Köln" berichten Nutzer von Übergriffen. Die Administratoren der Gruppe löschen allerdings einzelne Beiträge, weil sie mit rechter Hetze gegen die Regeln der Gruppe verstoßen. Am Abend erscheinen in Kölner Lokalmedien die ersten Berichte. Der "Kölner Express" veröffentlicht eine Meldung über eine Gruppe bedrängter Frauen.

Samstag, 2. Januar: Die Polizei berichtet am Nachmittag von knapp 30 Betroffenen und Tätergruppen von bis zu 20 Personen, die nach Zeugenaussagen "nordafrikanisch" aussahen. Sie hätten versucht, durch gezieltes Anfassen der Frauen von der eigentlichen Tat abzulenken - dem Diebstahl von Geldbörsen und Mobiltelefonen. Doch teilweise seien die Täter auch weiter gegangen und hätten Frauen unsittlich berührt.

Sonntag, 3. Januar: Ein namentlich nicht genannter Polizist schildert dem "Kölner Express" dramatische Ereignisse, berichtet von einer schreienden und weinenden Frau, die er aus der Masse gezogen habe. Eine Betroffene schildert dem Blatt eine Art Spießrutenlauf durch eine Männergruppe, sie sei überall begrapscht worden. "Es war der Horror."

Die Stimmung in den sozialen Netzwerken schaukelt sich immer mehr hoch, Diskussionen über die Herkunft der Täter entbrennen. Die Bundespolizei nimmt am Hauptbahnhof fünf Verdächtige fest, die Frauen bedrängt und ein Handy gestohlen haben sollen. Ob die Männer auch mit den Übergriffen in der Silvesternacht zu tun haben, ist unklar.

Montag, 4. Januar: Polizeipräsident Wolfgang Albers nennt die Zahl von 60 Anzeigen. Oberbürgermeisterin Reker kündigt ein Krisentreffen mit den Behörden der Stadt an, überregionale Medien berichten prominent über den Fall.

Dienstag, 5. Januar: Justizminister Maas spricht von "feigen und abscheulichen" Übergriffen. Kanzlerin Merkel verlangt eine harte Antwort des Rechtsstaats. Und die Stadt Köln kündigt nach einem Krisentreffen an, die Sicherheitsvorkehrungen bei künftigen Großereignissen deutlich zu verschärfen (mehr zu den Plänen lesen Sie hier).

Die Bilanz der Polizei: 90 Personen haben Anzeige erstattet, teilweise wegen sexueller Belästigung, teilweise wegen Diebstahls, teilweise wegen beidem. In einem Fall soll es sich um eine Vergewaltigung handeln. Es gebe keinen Hinweis, dass Flüchtlinge unter den Tätern seien, sagt Oberbürgermeisterin Reker.

Die Polizei hat keinen Verdächtigen

Die Polizei hat mit einem solchen Vorgehen der Tätergruppen offenkundig nicht gerechnet, bisher konnte noch kein Verdächtiger ermittelt werden. Selbst die Zahl der Täter ist unbekannt. Derzeit werten die Ermittler das Material der Überwachungskameras aus. Die Aufklärung wird schwierig, die Diskussionen über den Hintergrund der Täter werden anhalten.

Wohl auch wegen der Hetze im Netz stellt Polizeipräsident Albers klar: "Es gibt keine tausend Täter." Es habe eine Ansammlung von Menschen gegeben, aus der heraus Straftaten begangen worden seien.

Unbestritten bleibt: Wenige Wochen vor dem Karnevalshöhepunkt sind viele Kölner gezeichnet von den Geschehnissen in der Silvesternacht, selbst wenn sie nicht unmittelbar betroffen waren.

Der aus dem Iran stammende Amir zum Beispiel, 37, seit 17 Jahren in Deutschland, war mit seiner Freundin und seinen Eltern am Kölner Dom unterwegs. Gegen 1 Uhr seien sie zum Bahnhof gegangen, um nach Hause zu fahren. Ein Polizist habe ihn und seine Familie zunächst nicht in den Bahnhof lassen wollen: "Ich habe gesagt, wir sind eine Familie, wir wollen nach Hause." Dann hätten sie passieren dürfen.

Im Bahnhof habe überall Erbrochenes gelegen. Seine Freundin sei angemacht worden, er habe sie die ganze Zeit festgehalten. "Ich habe Angst gehabt." Die Eindrücke haben auch bei ihm Spuren hinterlassen: "Sowas habe ich in Deutschland noch nicht erlebt."

Video: "Viele Frauen haben jetzt Angst"

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