Verdächtige, Ermittlungen, Folgen Was bis jetzt zu den Übergriffen in Köln bekannt ist

Wer sind die Verdächtigen nach den Übergriffen in der Kölner Silvesternacht? Haben Sie die Attacken organisiert geplant? Wie ist der aktuelle Ermittlungsstand - und wie die politische Reaktion? Die Antworten auf die zentralen Fragen.

Von , , , Barbara Schmid-Schalenbach und

Polizisten vor Kölner Hauptbahnhof: Präsenz nach Übergriffen in Silvesternacht
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Polizisten vor Kölner Hauptbahnhof: Präsenz nach Übergriffen in Silvesternacht


Worum geht es?

In der Silvesternacht gab es am Kölner Hauptbahnhof reihenweise sexuelle Übergriffe auf Frauen und eine Vielzahl von Diebstählen. Oft passierte beides zusammen. Fast alle Opfer beschrieben die Täter als "nordafrikanischer oder arabischer Herkunft". Ein interner Polizeibericht beschreibt die Situation als "chaotisch und beschämend".

Nach Informationen des SPIEGEL gab es am Kölner Hauptbahnhof 71 Personenkontrollen der Bereitschaftspolizei. Der überwiegende Anteil der Kontrollierten wies sich als Asylbewerber aus, darunter auch zahlreiche Syrer. Allerdings belegt die Kontrolle durch die Polizei keine Beteiligung an den Taten.

Wie viele Anzeigen sind eingegangen?

Bei der Polizei in Köln wurden 170 Anzeigen gestellt, fast drei Viertel davon beziehen sich auf sexuelle Übergriffe. Zudem hat die Bundespolizei in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof 32 Straftaten festgestellt - mit 31 namentlich bekannten Tatverdächtigen. Diese Fälle beziehen sich auf das Bahnhofsgelände und eine 30-Meter-Zone auf dem Bahnhofsvorplatz.

Zu vergleichbaren Übergriffen an Silvester in Hamburg sind inzwischen 108 Strafanzeigen von Frauen eingegangen. Ein Tatverdächtiger wurde bislang nicht identifiziert.

Was ist über die Verdächtigen bekannt?

In Bezug auf die Diebstähle haben Ermittler nach Informationen des SPIEGEL greifbare Hinweise auf die Beteiligung von Flüchtlingen. Mehrere in der Silvesternacht gestohlene Handys wurden geortet. In einigen Fällen führte deren Spur in Flüchtlingsheime oder deren unmittelbares Umfeld. Theoretisch könnten Bewohner die Geräte zwar unmittelbar nach den Taten erworben haben, wahrscheinlicher aber ist, dass sie an den Diebstählen beteiligt waren.

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Chaos in Köln: Die Silvesternacht am Hauptbahnhof
Die Suche nach Verdächtigen in den Fällen sexueller Übergriffe gestaltet sich schwieriger. Einige der Opfer berichten, sie seien "systematisch belästigt" worden. Die Täter hätten keinerlei Interesse an Wertsachen gehabt, ihnen sei es nur um das sexuelle Element gegangen. Die meisten Opfer würden die Täter nicht wiedererkennen - außer dass sie sie für nordafrikanisch oder arabisch hielten. Die Auswertung von Überwachungskameras aus der Gegend läuft, könnte sich aber unter anderem wegen der Menschenmengen an Silvester und der Dunkelheit schwierig gestalten.

Wie ist der Stand der Ermittlungen?

Wegen der sexuellen Übergriffe sind bislang keine Täter in Gewahrsam. Die Kölner Polizei ermittelt gegen 19 Tatverdächtige. Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE wurde die zuständige Sonderkommission mittlerweile auf hundert Beamte aufgestockt. Insgesamt müssen 350 Stunden Videomaterial ausgewertet werden.

Zwei Personen - ein 16 und ein 23 Jahre alter Mann aus Nordafrika - wurden festgenommen, weil bei ihnen Handys sichergestellt worden waren. Weil sich der Tatverdacht nicht erhärtete, wurden die beiden wieder freigelassen. Ob sie erst kürzlich als Flüchtlinge nach Deutschland kamen oder schon längere Zeit im Land sind ist unbekannt.

In den Fällen der 31 Tatverdächtigen, die die Bundespolizei festgestellt hat, geht es überwiegend um Körperverletzungen und Diebstähle. Die Personen kommen aus acht Ländern:

  • Algerien (9)
  • Marokko (8)
  • Iran (5)
  • Syrien (4)
  • Deutschland (2)
  • Irak (1)
  • Serbien (1)
  • USA (1)

Waren die Übergriffe organisiert und geplant?

Sicher lässt sich das noch nicht sagen. Nach SPIEGEL-Informationen liegen den Sicherheitsbehörden inzwischen Hinweise vor, dass sich eine dreistellige Anzahl Männer aus dem mutmaßlichen Tätermilieu für die Übergriffe in der Silvesternacht am Kölner Hauptbahnhof verabredet hat. Die Hinweise werden allerdings noch sehr vorsichtig behandelt. Derartige Taten bei Massenveranstaltungen gibt es seit Jahren in Nordafrika, zuerst wurden sie in Ägypten beobachtet. Bei den Krawallen am Tahrir-Platz in Kairo sorgten sie weltweit für Entsetzen.

Gibt es personelle Konsequenzen?

Ja: Nordrhein-Westfalens Innenminister Ralf Jäger hat den Kölner Polizeipräsident Wolfgang Albers in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Albers stand schon vor den Vorfällen an Silvester in der Kritik. Diese wuchs aber in den vergangenen Tagen - insbesondere, nachdem bekannt wurde, dass die Kölner Polizei noch am Neujahrstag erklärt hatte, die Nacht sei friedlich verlaufen. Erst später gab sie zu, das sei eine Fehleinschätzung gewesen. Albers hatte noch am Mittwoch sich und den Einsatz der Kölner Polizei verteidigt und einen Rücktritt abgelehnt. Nach seiner Abberufung behält Albers seine Bezüge bis zum Eintritt der Pension.

Was sind die politischen Folgen?

Die Übergriffe haben die Debatte um Flüchtlinge angeheizt. Kanzlerin Angela Merkel verschärft den Ton gegen strafffällige Asylbewerber, der CDU-Vorstand fordert härtere Gesetze gegen respektloses Verhalten. Vize-Kanzler Sigmar Gabriel fordert schnellere Abschiebungen, die AfD instrumentalisiert die Übergriffe für ihre Zwecke. Was in der politischen Debatte übersehen wird, sind die juristischen Hürden, jemanden abzuschieben. Diese sind sehr hoch. In welchen Fällen es möglich ist - und wann nicht - lesen Sie hier.

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