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Sexuelle Belästigung: Die neuen Fakten zur Silvesternacht in Köln

Mehrere Verdächtige sind bekannt, die Ermittlungsgruppe der Polizei wird vergrößert, die Staatsanwaltschaft ermittelt in Richtung organisierte Kriminalität. Die Entwicklungen zur Kölner Silvesternacht im Überblick.

In der Neujahrsnacht sollen auf dem Gelände des Kölner Hauptbahnhofs Dutzende Frauen von Männergruppen sexuell belästigt und beklaut worden sein.

Inzwischen sind in Köln 121 Anzeigen eingegangen. Laut Polizei geht es in drei Viertel der Fälle um sexuelle Belästigung. Zwei Frauen geben an, vergewaltigt worden zu sein.

Auf dem Bahnhofsvorplatz herrschte in der Silvesternacht aggressive Stimmung, laut Polizei hatten sich etwa tausend Männer versammelt, Böller flogen in Menschengruppen. Augenzeugen berichteten SPIEGEL ONLINE von dramatischen Szenen. "Es war eine explosive Stimmung", sagte unter anderem ein Mitarbeiter einer Diskothek, die nahe dem Eingang des Hauptbahnhof liegt.

Im Video: Vor dem Kölner Hauptbahnhof an Silvester

Youtube/Baris Olsun
Die Polizei räumte den Vorplatz gegen 23.30 Uhr und beruhigte die Lage im Hinblick auf die Knallerei. Die zahlreichen Diebstähle und Übergriffe auf Frauen konnten die Beamten jedoch nicht verhindern.

Es sei insgesamt viel zu wenig Polizei da gewesen, meinte der Diskotheken-Mitarbeiter. "Man hätte mindestens doppelt so viele Beamte gebraucht, um die Lage in den Griff zu bekommen."

Wie ist der Stand der Ermittlungen?

Die Informationen sind nicht eindeutig. NRW-Innenminister Ralf Jäger (SPD) teilte am Nachmittag mit, die Polizei habe drei Verdächtige ermittelt. Festnahmen habe es in diesen Fällen bisher jedoch nicht gegeben.

Am Abend veröffentlicht allerdings die Kölner Polizei eine Pressemitteilung unter der Überschrift "Übergriffe am Bahnhofsvorplatz - Vier Tatverdächtige identifiziert". Dabei handelt es sich laut den Ermittlern zum einen um zwei Nordafrikaner, die in der Silvesternacht vorübergehend in Gewahrsam genommen worden waren. Sie sollen in Bahnhofsnähe Taschendiebstähle begangen haben.

Zum anderen handelt es sich um zwei Männer, die seit drei Tagen in Haft sind. Sie sollen in der Nacht zu Sonntag Frauen bedrängt haben.

Welche konkreten Hinweise dafür vorliegen, dass die vier Männer auch in der Silvesternacht an den Übergriffen auf Frauen beteiligt waren, wollte ein Polizeisprecher auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE nicht sagen. Man wolle die Ermittlungen nicht gefährden.

Auf Nachfrage sagte ein zweiter Polizeisprecher, insgesamt gebe es damit sieben Verdächtige.

Augenzeugen und Opfer hatten nach den Übergriffen ausgesagt, die mutmaßlichen Täter seien dem Aussehen nach größtenteils nordafrikanischer oder arabischer Herkunft.

Die Polizei spricht von einer sehr schwierigen Beweisführung. Das liege vor allem an der Gemengelage in der Silvesternacht. Die Ermittlungsgruppe der Polizei wurde aufgestockt - nach Informationen von SPIEGEL ONLINE auf 80 Beamte.

Die Kölner Staatsanwaltschaft ermittelt derweil auch in Richtung organisierte Kriminalität. "Tat- und Täterbeschreibungen lassen es derzeit zumindest nicht als ausgeschlossen erscheinen, dass das Geschehen organisierten Täterstrukturen zuzurechnen ist", heißt es in einer Pressemitteilung.

Eine Düsseldorfer Sonderkommission, die im Fall großer, organisierter Diebesbanden ermittelt, bot den Kölner Kollegen bereits Unterstützung an. Ob Verbindungen zu den mutmaßlichen Tätern besteht, ist jedoch noch vollkommen unklar.

Video: Spiegel TV über "Antanz-Trickbetrüger" in Köln (2014)

SPIEGEL TV
Gegen wen richtet sich jetzt die Kritik?

Vor allem das Handeln von Polizei und Kölner Stadtspitze wird hinterfragt. Die Kölner Polizei steht in der Kritik, die Lage falsch eingeschätzt zu haben und überfordert gewesen zu sein.

Innenminister Thomas de Maiziere (CDU) sagte, es könne nicht sein, dass erst der Vorplatz des Bahnhofs geräumt werde "und später finden diese Ereignisse statt, und man wartet auf Anzeigen. So kann Polizei nicht arbeiten."

Kölns Oberbürgermeisterin Henriette Reker sah sich zudem Kritik ausgesetzt, nachdem sie bei einer Pressekonferenz auf die Frage, wie man sich als Frau besser schützen könne, sagte, es gebe "immer eine Möglichkeit, eine gewisse Distanz zu halten, die weiter als eine Armlänge betrifft." Die Politikerin hat ihre vielkritisierte Aussage verteidigt.

Gibt es politische Konsequenzen?

Immer mehr Kommentatoren und Politiker, darunter FDP-Chef Christian Lindner und der Kölner CDU-Chef Bernd Petelkau, fordern den Rücktritt von Kölns Polizeipräsident Wolfgang Albers - was dieser jedoch ablehnt.

Wie ist die Lage in anderen Städten?

Auch in anderen Großstädten ermittelt die Polizei wegen ähnlicher Vorfälle. In Hamburg etwa gingen bislang 53 Anzeigen ein. Die Polizei prüft nun, ob sie auf dem Kiez die 2011 abgeschaltete Videoüberwachung temporär wieder aktivieren kann - etwa an Wochenenden oder bei Großereignissen. Auf dem Kiez sind noch zwölf Videokameras installiert, aber nicht in Betrieb.

Die Frankfurter Polizei ermittelt gegen eine Gruppe von zehn jungen Männern, die in der Silvesternacht drei Frauen attackiert haben sollen. Die Szene lief offenbar ähnlich ab wie in Köln.

Was sagen die Medien?

Die Ereignisse in der Neujahrsnacht und die Ursachen dafür werden unterschiedlich diskutiert. Zum einen wurde die Berichterstattung über das Geschehene selbst kritisiert. Das ZDF räumte beispielsweise ein, zu spät berichtet zu haben. Zum anderen werden die unterschiedlichsten Motive angeführt. Hier finden Sie einige ausgewählte Kommentare zum Thema.

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Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, in Köln lägen mehr als 150 Anzeigen vor, es sind jedoch 121. Wir haben den Fehler korrigiert.

gam/sms/jdl/dpa

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