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Kölner SEK-Affäre: Sonderermittler entlastet Spezialeinheiten

Von , Köln

SEK-Einsatz in Köln (Archiv): "Wichtiges Gemeinschaftserlebnis" Zur Großansicht
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SEK-Einsatz in Köln (Archiv): "Wichtiges Gemeinschaftserlebnis"

In der Affäre um ein Kölner Spezialeinsatzkommando erhalten die Beamten Unterstützung. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen entlastet der eingesetzte Sonderermittler die Elite-Polizisten: Es gebe keine skandalösen Rituale.

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Von "brutalen Stammesriten der Elite-Polizisten" schrieb eine Zeitung, einige sprachen sogar von Folter.

In der Affäre um das Spezialeinsatzkommando 3 der Kölner Polizei, ausgelöst von einem ehemaligen Mitglied der Elite-Truppe, standen sehr schnell massive Vorwürfe im Raum. Die Beamten hätten bei einer Aufnahmefeier menschenverachtende Rituale vollzogen, hieß es, Kollegen seien gequält und gedemütigt worden. Fesselspiele, Alkoholexzesse, das volle Programm: Klischee SEK. Doch die Wirklichkeit sah wohl anders aus.

So hat die Staatsanwaltschaft Aachen inzwischen ein Ermittlungsverfahren eingestellt, weil sie keine strafbaren Handlungen feststellen konnte. Im Gegenteil: Der SEK-Beamte Thorsten K.*, der die Vorwürfe erhoben hatte, sei eine sehr problematische Persönlichkeit, befand die Justiz. Wegen seiner fehlenden Leistungsbereitschaft, mangelnder Einstellung und Kritikfähigkeit sowie wegen seines fortgesetzten schlechten Redens über Kollegen sei er ausgesprochen unbeliebt im Kommando gewesen, vermerkte ein Staatsanwalt. Schließlich musste K. die Einheit sogar verlassen - und schwärzte im Anschluss seine Kollegen an. War die öffentliche Aufregung also unangebracht?

Auch der vom Kölner Polizeipräsidenten Wolfgang Albers eingesetzte Sonderermittler wird wohl zu einem eher harmlosen Befund kommen, was die Zustände in den Spezialeinheiten anbelangt. In einem Entwurf seines vertraulichen Berichts, den SPIEGEL ONLINE einsehen konnte, schreibt der ehemalige Leiter des Landeskriminalamts (LKA), Wolfgang Gatzke, es gebe keine Hinweise auf demütigende oder menschenverachtende Rituale unter den Kölner Elite-Beamten. Von den Befragten habe nur ein einziger gesagt, dass sich über guten Geschmack auch bei Aufnahmefeiern streiten lasse. Allerdings hatte Gatzke nicht mit Mitgliedern des SEK 3 sprechen können.

"Symbolischer Akt"

Die von K. geschilderten Übergriffe sollen sich während einer sogenannten Probezeitbeendigung zugetragen haben. Nach Gatzkes Recherchen stellen diese Feiern zum Abschluss einer zweijährigen Bewährungszeit in allen Kölner SE-Kommandos einen "symbolischen Akt der Anerkennung und Wertschätzung" dar. Einige Beamte sprachen Gatzke gegenüber von einem "Gesellenstück" und "Ritterschlag". Dabei müssen sich Neulinge in sportlichen Wettkämpfen mit Kollegen messen oder bestimmte Aufträge ausführen.

"Keiner der befragten Beamten hat Aufgabenstellungen als demütigend und erniedrigend empfunden", so Gatzke. Die Feiern würden von allen als "wichtiges und den Gruppenzusammenhalt förderndes Gemeinschaftserlebnis wahrgenommen". Allerdings sei "ein nachvollziehbarer Grund" für die SEK-interne Probezeit von zwei Jahren "nicht erkennbar". Sie sei auf ein "sinnvolles Maß" zu beschränken, schreibt Gatzke.

Generell scheinen die Zustände in den drei Kölner Spezialeinsatzkommandos aber weitaus weniger skandalös gewesen zu sein, als es den Anschein hatte. So konnte Sonderermittler Gatzke keine Anhaltspunkte für eine zweifelhafte Werteorientierung der Männer entdecken. Es habe seit Jahren keine Straf- oder Disziplinarverfahren gegen die Elite-Beamten gegeben, so Gatzke.

Von den weit mehr als 1000 Beschwerden gegen Kölner Polizisten seit 2013 betreffe nur eine einzige ein SEK - und die sei auch noch nachweislich unbegründet. Auch gebe es keine Fälle übertriebener Gewaltanwendung der Kommandos. Ebenso wenig ließen sich in den Dutzenden Gesprächen und in der Vielzahl ausgewerteter Dokumente Hinweise auf "Mobbing als strukturelles Element" finden, so Gatzke.

Personalführung: mangelhaft

Doch der Bericht ist keine ultimative Lobhudelei. Kritisch sieht der frühere LKA-Chef zum Beispiel Fragen der Personalführung. So rügt er die "gegenwärtige Führungssituation im SEK Köln", die unbedingt einer Konsolidierung bedürfe. Es sei "dringend erforderlich", offene Stellen als Einsatzführer endlich auszuschreiben und auch zu besetzen. Auch seien Fortbildungen für Führungskräfte notwendig. Nach Gatzkes Recherchen musste ein kommissarisch eingesetzter Kommandoführer mehr als zwei Jahre lang auf ein Seminar warten, das er für seine Position eigentlich zuvor hätte absolvieren müssen.

Die zweifelhaften Aussagen des SEK-Mannes Thorsten K. hatten eine behördliche Lawine in Gang gesetzt, an deren Ende die Auflösung des Kommandos 3 stand. Polizeipräsident Wolfgang Albers entschied in Absprache mit dem NRW-Innenministerium: Vier Mitglieder des bislang freigestellten SEK müssen die Spezialeinheiten verlassen, sie bleiben aber bei der Kölner Polizei. Fünf Mitgliedern sei angeboten worden, weiterhin bei einem SEK Dienst zu versehen, allerdings außerhalb Kölns.

Im Innenausschuss hatte der Leiter der Polizeiabteilung im Innenministerium, Wolfgang Düren, diesen Schritt unter anderem damit begründet, dass K. und ein anderer Kollege aus Körperflüssigkeiten hergestelltes Eis hätten essen müssen. Doch das war falsch. Selbst K. sprach in seiner Aussage ausschließlich von einer Tzatziki-Knoblauch-Chili-Mischung. Inzwischen hat Düren seinen Fehler eingeräumt. Jetzt droht auch ihm ein Disziplinarverfahren.

Zusammengefasst: Nach dem Skandal um das Kölner Spezialeinsatzkommando 3 ist der frühere LKA-Leiter Wolfgang Gatzke als Sonderermittler eingesetzt worden. Wie aus einem Entwurf seines Berichts hervorgeht, kommt er zu dem Schluss, dass es keine Hinweise auf demütigende oder menschenverachtende Rituale unter den Kölner Elite-Beamten gebe.

Zum Autor

Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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