Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Silvesterübergriffe: Köln hatte offenbar kein Sicherheitskonzept

Polizisten vor dem Kölner Hauptbahnhof: Unklare Lage am Neujahrstag? Zur Großansicht
DPA

Polizisten vor dem Kölner Hauptbahnhof: Unklare Lage am Neujahrstag?

Kann Sicherheit an Bürokratie scheitern? Weil Silvester keine Veranstaltung ist, fehlte laut Kölner Stadtverwaltung ein Sicherheitskonzept. Die Ex-Polizeisprecherin sagte zudem, sie sei selbst nicht informiert gewesen.

Die frühere Pressesprecherin der Polizei Köln hat die schleppenden Informationen über die massiven Übergriffe in der Silvesternacht mit der zunächst unklaren Lage begründet.

Die Pressestelle der Polizei hatte am 1. Januar friedliche Feiern und eine entspannte Einsatzlage gemeldet. Als die Pressemitteilung am Neujahrsmorgen entstand, seien der Leitstelle erst drei Sexualdelikte bekannt gewesen, sagte Martina Kaiser als Zeugin vor dem Untersuchungsausschuss des nordrhein-westfälischen Landtags.

Als im Laufe des Neujahrstages eine größere Zahl von Straftaten bekannt wurde, habe man auf eine Korrektur der ursprünglichen Mitteilung verzichtet, weil der Sachstand noch zu unklar gewesen sei, sagte die 57-Jährige. Erst einen Tag später informierte die Polizei über die Übergriffe.

Zur unübersichtlichen Lage beigetragen haben dürfte auch das Zuständigkeitsgerangel zwischen den Behörden: Denn weil Silvester keine offizielle Veranstaltung ist, haben die Behörden im Vorfeld offenbar auch kein gemeinsames Sicherheitskonzept abgestimmt. "An Silvester haben Sie ja keinen Veranstalter", sagte der Kölner Ordnungsamtschef Jörg Breetzmann vor dem Untersuchungsausschuss.

Ex-Polizeisprecherin: "Das haben wir vielleicht falsch bewertet"

Im Zuständigkeitswirrwarr zwischen den städtischen Behörden, Landes-, Bundes-, Wasserschutzpolizei sowie der Deutschen Bahn blieb den Schilderungen zufolge das Wesentliche auf der Strecke: Kommunikation und Gesamtüberblick. So sei bei einer Vorbesprechung drei Wochen vor Silvester auch die Gefahr von Sexualdelikten nicht einmal thematisiert worden, berichtete Breetzmann.

Lediglich Brückensperrungen im Falle von Gefahrenlagen seien besprochen worden. "Es gab keinen Hinweis, dass es andere sicherheitsrelevante Probleme geben könnte." Dass in der Silvesternacht Hunderte Frauen im Bereich des Kölner Hauptbahnhofs von Männergruppen - laut Zeugen vor allem nordafrikanischer oder arabischer Herkunft - umzingelt, sexuell bedrängt und bestohlen werden, habe niemand vorhersehen können. Obwohl er einräumt: "Gefahren aus der Antänzerszene sind für uns in Köln immer ein Thema."

Inzwischen sind bei der Kölner Staatsanwaltschaft rund 1100 Anzeigen eingegangen - davon 471 mit Vorwürfen zu Sexualstraftaten. Die Zahl der Beschuldigten ist auf 106 gestiegen - darunter sind nach Angaben der Behörde zu großen Teilen Nordafrikaner. 13 Beschuldigte sitzen in Untersuchungshaft.

Es habe keinerlei Druck gegeben, die Herkunft von Tätern zu verschleiern, versicherte die frühere Polizeisprecherin Kaiser. "Es war noch keiner als Täter identifiziert." Warum es denn eine Woche gedauert habe, bis die Falschmeldung von der friedlichen Silvesternacht korrigiert wurde, will der Ausschussvorsitzende wissen. "Darauf kann ich Ihnen jetzt keine schlüssige Antwort geben", räumt sie ein. "Das haben wir vielleicht falsch bewertet."

apr/dpa

Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH




Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: