Prozess in Köln "Dann riss das Archivgebäude in der Mitte auseinander"

Bebender Boden, Trümmerberge und Absperrungen - im Kölner Landgericht haben Augenzeugen ihre Erinnerungen an den Einsturz des Stadtarchivs geschildert.

Einsturzstelle in Köln (Archivbild)
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Einsturzstelle in Köln (Archivbild)


Im Prozess zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs sind Augenzeugen zu Wort gekommen. Durch ihre Aussagen wolle das Landgericht einen besseren Eindruck von der Dimension des Unglücks bekommen, sagte ein Gerichtssprecher.

"Schon auf der Anfahrt habe ich eine riesengroße Staubwolke wahrgenommen", sagte ein Polizist, der am 3. März 2009 mit seinem Motorrad als erster Beamter am Einsatzort eintraf. "Vor mir sah ich einen meterhoch verschütteten Straßenzug. Unmittelbar vor diesem Trümmerberg stand ein Bus, und eine Vielzahl von flüchtenden Personen lief mir entgegen."

"Ich habe erst nicht verstanden, was da passiert ist", sagte der 44-Jährige. Zwei Personen seien unter einem großen Trümmerteil hervorgekrochen, allerdings offenbar nicht allzu schwer verletzt. "Es war eine vollkommen unklare Lage." Der Boden habe vibriert. Er wisse noch genau, wie unheimlich es war, "sich in einem Bereich zu befinden, wo der Boden bebt".

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Köln: Der Einsturz des Stadtarchivs

Ein eintreffender Notarzt habe ihn um großflächige Absperrungen gebeten: "Wir mussten von vielen Verletzten ausgehen. Er brauchte einen Behandlungsplatz." Schon früh sei das Gerücht umgegangen, dass unterirdisch eine Tunnelwand kollabiert sei. Zusammen mit dem Einsatzleiter der Feuerwehr sei er kurz bis zum Kraterrand gegangen, doch ihnen sei klar geworden, dass sie umkehren müssten, weil das zu gefährlich gewesen sei.

Ein Bauingenieur, der auf dem Weg zu einer Besprechung war, berichtete, jemand von den Bauarbeitern habe die Straße versperrt. Als er aus dem Auto ausgestiegen sei, seien vom Rand der Baugrube plötzlich Bauzäune und -material in die Tiefe gerutscht. "Dann riss das Archivgebäude in der Mitte auseinander und verschwand - so, wie man das kennt, wenn ein Gebäude gesprengt wird."

Ein Bäcker, der in der Nähe seinen Laden hatte, spürte ein Wackeln wie bei einem Erdbeben. Ein Bagger, der eben noch auf der Straße stand, sei runtergefallen, sagte der 55-Jährige. "Dann bin ich weggelaufen." Nach dem Unglück habe er zwei Monate lang Schlafstörungen gehabt und sei ein paarmal bei einem Psychologen gewesen, um das Erlebte zu verarbeiten.

Beim Einsturz des Archivs waren zwei Anwohner ums Leben gekommen. Außerdem entstand ein Milliardenschaden. Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Fehler beim Bau eines neuen U-Bahn-Tunnels die Ursache für das Unglück sind. Mitarbeiter von Baufirmen und Kölner Verkehrs-Betrieben (KVB) sind wegen fahrlässiger Tötung und Baugefährdung angeklagt. Für den Prozess hat das Landgericht insgesamt 126 Verhandlungstage bis ins nächste Jahr hinein angesetzt. Sollte bis März 2019 kein erstinstanzliches Urteil ergehen, verjährt die Sache.

bbr/dpa



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