Einsturz des Kölner Stadtarchivs "Das Unglück und der Tod der zwei Menschen war für Sie vorhersehbar"

Warum stürzte das Kölner Stadtarchiv ein? Diese Frage beantwortet das Landgericht in seinem ersten Urteil zu dem Fall deutlich. Schuld konnte die Kammer aber bei den meisten Angeklagten nicht erkennen.

Angeklagte und Anwälte im Landgericht Köln
DPA

Angeklagte und Anwälte im Landgericht Köln

Von Christian Parth, Köln


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Die Enttäuschung ist Frank Pagel anzusehen. Gebeugt, regungslos, die Hände gefaltet, nimmt er das Urteil im Prozess zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs zur Kenntnis. Damals, am frühen Nachmittag des 3. März 2009, starben in den Trümmern eines Wohnhauses, das in Folge des Unglücks ebenfalls einstürzte, Pagels 17 Jahre alter Stiefsohn Kevin und der 24 Jahre alte Designstudent Khalid G. Ihre Leichen fanden Suchtrupps erst Tage später.

Insgesamt sieben Leute machte die Staatsanwaltschaft für den Einsturz des Archivs verantwortlich. Einer verstarb vor Prozessbeginn, zwei weitere erkrankten während des Verfahrens schwer. Von den verbliebenen vier hat das Kölner Landgericht nun drei vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Baugefährdung freigesprochen. Die Staatsanwaltschaft hatte Bewährungsstrafen gefordert.

"Ich kann die Begründung des Gerichts nachvollziehen, aber es tut natürlich weh, dass am Ende niemand die Verantwortung übernimmt", sagte Pagel, 50. "Kevins Bruder und ich wollten als Nebenkläger auftreten, weil wir es ihm schuldig sind und wir geglaubt haben, wir könnten damit seinen Tod besser verarbeiten. Durch das Urteil tun sich aber eher noch mehr Probleme auf."

Fotostrecke

9  Bilder
Köln: Der Einsturz des Stadtarchivs

Wie kam das Gericht zu seiner Entscheidung? Der Vorsitzende Michael Greve begründete sie drei Stunden lang.

  • Petra A., Leiterin der Bauaufsicht der Kölner Verkehrsbetriebe (KVB), gleichzeitig die Bauherrin, sei vom eigentlichen Geschehen an der Baustelle zu weit weg gewesen. Petra A. hatte während des Verfahrens die Aussage verweigert.
  • Lars L. und Joachim G., beide Bauleiter der "Arge", in der sich die beteiligten Baufirmen organisierten, hätten zwar teilweise erhebliche Pflichtverletzungen begangen. Ob diese aber ursächlich für den Einsturz gewesen seien, könne nur spekuliert werden.
  • Nur Manfred A. seien deutliche Verfehlungen nachzuweisen, befand das Gericht. Der Hochbau-Polier, Untergebener von Petra A., war von der KVB als Aufsicht an die Baustelle abgeordnet worden. Wäre er seinen Pflichten ordnungsgemäß nachgekommen, hätte das Unglück verhindert werden können, sagte Greve.

Der Vorsitzende stellte klar: Es stehe zweifelsfrei fest, dass der Einsturz des Stadtarchivs durch "gravierende Fehler" beim Bau der neuen U-Bahnstrecke in der Kölner Innenstadt verursacht worden sei. Jeder andere Erklärungsversuch sei auszuschließen.

Demnach wurde es versäumt, beim Ausheben und Sichern der Grube für den Bau einer neuen U-Bahnstation in der Kölner Innenstadt einen Block aus Naturstein zu entfernen, auf den Arbeiter im September 2005 gestoßen waren. Schließlich sei beschlossen worden, das Hindernis in der Erde zu belassen und die Wände zur Sicherung der Grube gleichsam um das Hindernis herum zu bauen. Ein Polier, der während des Prozesses ebenfalls erkrankte und dessen Verfahren abgetrennt wurde, soll daraufhin Bautagebücher gefälscht und die weitere Existenz des Hindernisses verschleiert haben.

Dem Archiv wurde das Fundament entzogen

Laut einem Gutachten des renommierten Geotechnikers Hans-Georg Kempfert bildete sich aufgrund des fehlerhaften Umgangs mit dem Stein ein Loch in einer der Wände. Durch dieses schossen am 3. März 2009 binnen weniger Minuten 5000 Kubikmeter Erde, Schlamm und Kies in die Baugrube - dem angrenzenden Stadtarchiv wurde quasi das Fundament entzogen.

Das Gegengutachten der Verteidigung pulverisierte Richter Greve mit wenigen Sätzen und watschte damit vor allem die beteiligten Baufirmen ab. Diese hatten behauptet, der Einsturz sei nicht durch einen Fehler verursacht worden, sondern weil plötzlich gewaltige Wassermassen in das Erdreich eingedrungen seien. Das Gutachten basiere auf Vermutungen und Spekulationen, es sei unvollständig und nicht tatsachenbasiert, polterte Greve. Für den Gutachter fand der Richter deutliche Worte: "Seine Ausführungen waren darauf angelegt, uns zu verwirren."

Anders als die drei Freigesprochenen habe Manfred A. um die Gefahren wissen müssen, sagte der Vorsitzende. Im Verfahren hatte er behauptet, ihm sei gesagt worden, dass der Stein entfernt worden sei. "Das ist wenig glaubhaft", sagte Greve. "Der Fehler hätte Ihnen auffallen und Sie hätten Gegenmaßnahmen einleiten müssen." Dann, so Greve, hätte Manfred A. den Einsturz des Stadtarchivs verhindern können. "Das Unglück und der Tod der zwei Menschen war für Sie vorhersehbar."

Gesamtschaden in Milliardenhöhe

Da es aber seine einzige Fehlleistung in einem langen Arbeitsleben gewesen sei, verurteilte ihn das Landgericht wegen fahrlässiger Tötung zu acht Monaten Freiheitsstrafe, die Greve zur Bewährung aussetzte. Die Staatsanwaltschaft hatte zehn Monate gefordert. Der Verteidiger von Manfred A. hat bereits Revision angekündigt.

Es sei nur glücklichen Umständen zu verdanken, dass nicht noch mehr Menschen ums Leben kamen, sagte Greve. Es gebe Personen, die vermutlich wüssten, was damals genau geschehen ist, führt Greve aus. "Es steht zu befürchten, dass diese Verantwortlichen ihr Wissen mit ins Grab nehmen werden."

Die Aufarbeitung des Einsturzes ist noch lange nicht beendet. Während des Strafprozesses wurde ein Oberbauleiter schwer belastet. Sein Verfahren wurde im August eröffnet. Es muss spätestens im März 2019 beendet sein, sonst droht die Verjährung. Ob die beiden erkrankten Angeklagten bis dahin wieder verhandlungsfähig sein werden, ist unklar.

Zudem steht noch der Zivilprozess aus. Es geht darum, wer den Gesamtschaden von geschätzt 1,2 Milliarden Euro bezahlen soll. Allein der Schaden an den Archivalien beläuft sich auf 627 Millionen Euro.


Zusammengefasst: Im ersten Prozess zum Einsturz des Kölner Stadtarchivs ist das Urteil gefallen. Das Landgericht Köln sprach drei Angeklagte vom Vorwurf der fahrlässigen Tötung und fahrlässigen Baugefährdung frei. Ein Mann erhielt eine Bewährungsstrafe. Die juristische Aufarbeitung des Einsturzes geht weiter - es läuft ein weiteres Strafverfahren; zudem muss geklärt werden, wer für den Schaden von rund 1,2 Milliarden Euro aufkommt.

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.