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10. September 2018, 15:07 Uhr

Nach Tod eines 22-Jährigen

Bis zu 500 Rechtsextreme marschierten unter den Demonstranten mit

Nach dem Tod eines 22-Jährigen in Köthen bleibt der genaue Tatablauf offen. Die Bundesregierung empört sich über "nationalsozialistische Sprechchöre" bei einem "Trauermarsch" für das Opfer.

Rund zwei Tage nach dem Tod eines 22-Jährigen im sachsen-anhaltischen Köthen ist der genaue Ablauf des Geschehens offen. Die Tat sei noch keine 48 Stunden her und man sei mitten in den Ermittlungen, sagte der Leitende Oberstaatsanwalt aus Dessau-Roßlau, Horst Nopens, in Magdeburg. "Wir können nur wiedergeben, was wir sicher wissen."

Die Ermittler schließen aber Tritte oder Schläge gegen den Kopf als Todesursache aus. Derartige Verletzungen hätten nicht festgestellt werden können, sagte Sachsen-Anhalts Justizministerin Anne-Marie Keding (CDU). Der Mann sei an akutem Herzversagen gestorben. Eine schwere Vorerkrankung sei bestätigt.

Nach bisherigen Erkenntnissen der Ermittler kam es in der Nacht zu Sonntag an einem Spielplatz in Köthen zu einem Streit zwischen mindestens zwei afghanischen Staatsbürgern auf der einen und mindestens zwei deutschen Staatsbürgern auf der anderen Seite. Am Ende war der 22-jährige Deutsche tot.

Abschiebung wegen Ermittlungsverfahren abgelehnt

Die 18 und 20 Jahre alten Afghanen sitzen wegen des Verdachts der Körperverletzung mit Todesfolge in Untersuchungshaft. Einer der Tatverdächtigen sollte abgeschoben werden. Die zuständige Behörde habe bereits im April bei der Staatsanwaltschaft die Zustimmung zur Abschiebung beantragt, diese sei aber aufgrund laufender Ermittlungsverfahren unter anderem wegen gefährlicher Körperverletzung zunächst abgelehnt worden, sagte Keding. Erst zwei Tage vor dem Todesfall sei ein neuer Antrag genehmigt worden.

Zu diesem Zeitpunkt war das Ermittlungsverfahren so weit fortgeschritten, dass er hätte abgeschoben werden können. Weitere Verfahren hatten sich Keding zufolge zudem erledigt. Der zweite Afghane hat den Angaben zufolge eine Aufenthaltserlaubnis.

400 bis 500 Mitglieder der rechten Szene unter den Demonstranten

Der Fall hatte in Köthen Bestürzung ausgelöst. Neben einem Gottesdienst in der Kirche gab es am Abend auch einen "Trauermarsch". Unter den Demonstranten seien rund 400 bis 500 Mitglieder der rechten Szene gewesen, sagte Sachsen-Anhalts Innenminister Holger Stahlknecht. Insgesamt seien rund 2500 Menschen bei dem "Trauermarsch" mitgelaufen, darunter auch AfD-Anhänger. "Ich möchte auch darum bitten, dass man nicht jeden (...) unter Generalverdacht stellt, rechts oder rechtsradikal zu sein", sagte der CDU-Politiker mit Blick auf Äußerungen über die Ausschreitungen von Chemnitz.

Es müsse akzeptiert werden, dass Menschen friedlich ihre Betroffenheit zeigen wollten, sagte Stahlknecht. Einige der Teilnehmer des Trauermarsches hätten rechten Losungen widersprochen, andere hätten applaudiert. "Wir werden sehr genau auswerten (...) was gestern dort an Parolen skandiert worden ist", kündigte der Minister an. "Die Strafverfahren werden eingeleitet." In Chemnitz hatten unter anderem rechtsradikale Gruppierungen zu Kundgebungen mobilisiert und Migranten pauschal als Gefahr gebrandmarkt.

Bundesregierung empört über rechtsextreme Proteste

Die Bundesregierung hat bestürzt auf die rechtsradikalen Vorkommnisse am Sonntagabend reagiert. "Dass es am Ende des Tages in Köthen zu offenen nationalsozialistischen Sprechchören gekommen ist, auch das muss uns betroffen machen und empören", sagte der Sprecher von Kanzlerin Angela Merkel, Steffen Seibert. Er bezog sich auf ein Video, das ein französischer Journalist in Köthen gemacht hatte und das eine Gruppe Männer zeigt, die Parolen wie "Nationalsozialismus jetzt!" rufen.

Seibert dankte auch den Polizisten, die nach dem Todesfall des 22-Jährigen "schnell und besonnen" reagiert hätten. Die Tat müsse von den Strafverfolgungsbehörden aufgeklärt werden, man traure mit den Angehörigen. Eine Sprecherin des Bundesinnenministeriums teilte mit, dass 270 Bundespolizisten am Sonntag sehr schnell nach Köthen beordert worden seien.

Auch für den Montagabend sei wieder ein Trauermarsch in Köthen angekündigt worden, sagte Innenminister Stahlknecht. Die Polizei werde mit Einsatzkräften "in einem sehr hohen dreistelligen Bereich" vor Ort sein. Sie seien von Beamten aus anderen Bundesländern und der Bundespolizei verstärkt worden. Ein Wasserwerfer sowie berittene Polizei stünden in Bereitschaft.

sen/dpa/Reuters/AFP

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