Nach Todesfall in Sachsen-Anhalt Rechte Gruppen marschieren durch Köthen

Der Tod eines 22-Jährigen sorgt in Sachsen-Anhalt für Aufruhr. Hunderte Demonstranten zogen am Sonntagabend durch die Kleinstadt Köthen - und skandierten teilweise rechtsextreme Parolen.

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Nach einem tödlichen Streit in Köthen ist die Stimmung bei einem angekündigten "Trauermarsch" teilweise aggressiv geworden. Mehrere hundert Menschen zogen am Abend durch die 26.000-Einwohner-Stadt in Sachsen-Anhalt. Einige Teilnehmer riefen rechtsextreme Parolen wie "frei, sozial und national".

Zuvor hatten sich nach Polizeiangaben bis zu 2500 Menschen an der weitgehend friedlichen Kundgebung beteiligt, zu der vor allem rechte Gruppen im Internet aufgerufen hatten.

Immer wieder waren auch extreme Aufrufe zu hören. "Dies ist ein Tag der Trauer. Aber wir werden die Trauer in Wut verwandeln", sagte ein Redner am Sonntagabend auf dem Spielplatz, auf dem es am Vorabend zu dem Streit zwischen zwei Männergruppen gekommen war. Ein anderer sprach von einem "Rassenkrieg gegen das deutsche Volk", der angeblich gerade stattfinde - und bekam dafür viel Applaus. "Widerstand" und "Wir sind das Volk" riefen mehrere Teilnehmer.

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Köthen: Trauer und Wut

Andere skandierten "Lügenpresse". Zwei Journalisten berichteten, von Teilnehmern angegriffen worden zu sein. Am frühen Abend hatten nach Polizeiangaben zudem etwa 200 Menschen gegen rechte Hetze demonstriert. Sie waren dem Aufruf der Linken-Politikerin Henriette Quade gefolgt und hatten sich am Bahnhof der Stadt versammelt. "Wo sich der Mob formiert, funken wir dazwischen", war auf Spruchbändern zu lesen.

Köthens Bürgermeister Bernd Hauschild (SPD) hatte auf seiner Facebook-Seite von der Teilnahme am "Trauermarsch" der rechten Gruppen abgeraten - "da mir Informationen vorliegen, dass auch gewaltbereite Gruppen von außerhalb Köthens in großer Zahl anreisen werden".

Anlass für die Auseinandersetzung war der Tod eines 22-jährigen Mannes in Köthen am späten Samstagabend. Zwei afghanische Staatsbürger waren in der Nacht zu Sonntag festgenommen worden.

Opfer starb an Herzversagen

Der Hintergrund des Falls ist unklar. Nach SPIEGEL-Informationen aus Sicherheitskreisen gerieten die inzwischen festgenommenen Afghanen mit dem Opfer - einem Deutschen - gegen 22 Uhr an einem Spielplatz aneinander. Vorausgegangen war wohl eine Auseinandersetzung der beiden Afghanen mit einem weiteren Landsmann und einer schwangeren Frau. Es ging um die Frage, wer die Frau geschwängert habe.

Zwei Deutsche kamen hinzu, die Auseinandersetzung eskalierte. Der 22-Jährige wurde verletzt und starb später im Krankenhaus.

Wie die Polizei am Sonntagabend mitteilte, sei der Mann allerdings nicht an den Folgen seiner Verletzungen gestorben, sondern an einem akuten Herzversagen. Das habe die Obduktion ergeben. Laut "Mitteldeutscher Zeitung" soll er eine kardiologische Vorerkrankung gehabt haben.

Die beiden Festgenommenen sind nach Polizeiangaben 18 und 20 Jahre alt. Gegen sie werde nun wegen des Verdachts der gefährlichen Körperverletzung beziehungsweise wegen des Anfangsverdachts der Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt. Ein Richter erließ am Sonntagabend Haftbefehl.

Nach SPIEGEL-Informationen besaß einer der Afghanen eine Aufenthaltsgenehmigung. Bei dem zweiten wurde von einer Abschiebung vorläufig abgesehen, weil noch Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen des Verdachts der schweren Körperverletzung und des räuberischen Diebstahls laufen. In solchen Fällen drängt die Staatsanwaltschaft üblicherweise darauf, die Ermittlungen abzuschließen, bevor eine Abschiebung vollzogen wird.

"Die Politik sollte diesen traurigen Anlass nicht instrumentalisieren"

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) warnte vor einer Instrumentalisierung des Falls. "Bei aller Emotionalität ist jeder Versuch zurückzuweisen, aus Köthen, wie es im Internet heißt, ein zweites Chemnitz machen zu wollen", sagte er. Innenminister Holger Stahlknecht (CDU) habe geeignete Schritte eingeleitet, damit es dazu nicht komme.

"Die Politik sollte diesen traurigen Anlass nicht instrumentalisieren", sagte Haseloff. Er sprach den Angehörigen des Toten im Namen der Landesregierung sein "tief empfundenes Beileid" aus.

In Chemnitz war vor zwei Wochen ein 35-jähriger Deutscher getötet worden. Zwei junge Männer sitzen inzwischen in Untersuchungshaft. Sie stammen nach eigenen Angaben aus Syrien und dem Irak. Ein weiterer Verdächtiger wird gesucht. Seitdem gibt es in Chemnitz immer wieder fremdenfeindliche und teils aggressive Proteste. Tausende Menschen demonstrieren seither auch gegen rechte Hetze und für Toleranz.

stk/asa/dpa



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