Kokainschmuggel: U-Boote aus dem Drogendschungel

Sie fahren 5000 Kilometer, notfalls werden sie einfach geflutet - Drogenfahnder sehen sich im Kampf gegen kolumbianische Kartelle mit einem neuen Gegner konfrontiert: Schmugglern in U-Booten. Auf SPIEGEL ONLINE spricht US-Admiral Joseph Nimmich über die Gefahr aus dem Meer.

SPIEGEL ONLINE: Admiral Nimmich, können die USA den Krieg gegen die Drogen gewinnen?

Nimmich: Die Kartelle arbeiten technisch ausgefeilter, wir halten dagegen. Haben wir den Fluss der Drogen nach Amerika eliminiert? Nein. Aber wenn gewinnen heißt, dass wir genügend Drogen beschlagnahmen, um das Angebot zu reduzieren, dann gewinnen wir.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind Chef der Joint Interagency Task Force South, einer einzigartigen Gemeinschaftsoperation von US-Marine, Küstenwache, CIA, verschiedenen Drogenbekämpfungsagenturen und zwölf Staaten. Ihre Einheit bekämpft seit 19 Jahren den Drogenschmuggel aus Südamerika. Was hat sich verändert?

Nimmich: Die Verbreitung von Kokain hat sich dramatisch globalisiert, die Droge fließt über Westafrika nach Europa und vermehrt auch nach Asien. Der Schmuggel von Drogen ist eine der größten Bedrohungen für die Nationale Sicherheit der USA. Wenn die Händler Drogen bewegen können, dann auch Geld, Terroristen oder Massenvernichtungswaffen. Sie entwickeln sich ständig weiter - und ein Ergebnis davon sind ihre Halbtauchboote, denen wir uns jetzt gegenüber sehen.

SPIEGEL ONLINE: Solche Boote können zwar nicht so abtauchen wie ein U-Boot, bewegen sich aber unter der Wasseroberfläche. Seit wann benutzen die Drogenkartelle sie?

Nimmich: Gerüchte darüber gibt es seit fast zehn Jahren. Im November 2006 haben wir das erste Tauchboot der Schmuggler aufgebracht und seitdem noch eine ganze Reihe weiterer.

SPIEGEL ONLINE: Rechnen Sie damit, dass die Drogenkartelle sie in Zukunft noch stärker nutzen werden?

Nimmich: Absolut. Seit 2006 konnten wir effektiver gegen Fischerboote vorgehen, die damals hauptsächlich große Mengen Kokain transportierten. Und als wir besser wurden, haben sie die Halbtauchboote verbessert. Mittlerweile fährt die dritte Generation dieser Boote. Die neuen sind aus Stahl, mit zwei Maschinen, größerer Leistung, größeren Tanks und der Fähigkeit, größere Distanzen zurückzulegen. Sie schaffen 5000 Kilometer und mehr.

SPIEGEL ONLINE: Mit wie vielen dieser Boote rechnen Sie in diesem Jahr?

Nimmich: Vielleicht 70 bis 80. Nicht viel mehr. Ansonsten würden die Transportkapazitäten der Boote die produzierte Menge an Kokain übersteigen.

SPIEGEL ONLINE: Vor welche Herausforderungen stellen die U-Boote Sie?

Nimmich: Es macht einen Riesenaufwand, sie zu identifizieren. Und wenn man sie bemerkt hat, ist es für die Besatzung leicht, sie zu versenken - und damit auch das Kokain an Bord.

SPIEGEL ONLINE: Also, was tun?

Nimmich: Wir versuchen etwa, die Tauchboote dort aufzuspüren, wo sie gebaut werden. Und auf diese drei, vier Regionen von Westkolumbien konzentrieren wir unsere Suche.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist das genau? Werden die Boote auf Werften gebaut?

Nimmich: Nicht wirklich. Sie werden auf Unterständen im Dschungel gebaut.

SPIEGEL ONLINE: Und wie kommt das Baumaterial dort hin?

Nimmich: Alles kommt auf kleinen Booten, nichts über den Landweg. Die Narko-Gangs bringen so selbst schwere Dieselmotoren in den Dschungel. Ein Teil dieses speziellen Problems: Wie schaffen die Schmuggler das, und wie machen sie es, dass es niemand merkt?

Kokain-Routen: Von Kolumbien nach Mittelamerika
DER SPIEGEL

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SPIEGEL ONLINE: Und?

Nimmich: Das würde ich gern wissen. Und ich würde sie gern alle kriegen.

SPIEGEL ONLINE: Wer konstruiert die Boote? Militärische Spezialisten? U-Boot-Konstrukteure?

Nimmich: Das wäre zu hoch gegriffen. Das sind Leute, die sich mit nautischer Technik auskennen, aus verschiedenen Ländern, Konstrukteure von Freizeitbooten. Aber wenn die Gangster vor Ort einmal eines gebaut haben, brauchen sie diese Beratung nicht mehr.

SPIEGEL ONLINE: Wie beeinflusst der Druck, den Mexikos Präsident Felipe Calderon zurzeit auf die Kartelle ausübt, den Drogenschmuggel und den U-Boot-Verkehr?

Nimmich: Anstatt bis nach Mexiko zu fahren, stoppen die Boote schon vorher. Sie fahren bis nach Honduras oder besonders nach Guatemala, dann geht das Rauschgift auf dem Landweg weiter.

SPIEGEL ONLINE: Wie kommt das Kokain dann in die USA?

Nimmich: In Lastwagen, in Autos, in den Bäuchen von Menschen. Es wird in kleinen Mengen weiter transportiert. In Flugzeugen, im Gepäck von Leuten. Ein Kilo hier, fünf Kilo dort, 50 Kilo dahinten. Genau wie das Kokain aus Westafrika auch nach Europa kommt, durch Marokko und Algerien. Und wenn es einmal in Spanien ist, ist es schnell auch in Frankfurt am Main.

SPIEGEL ONLINE: Wie entwickelt sich der europäische Kokainmarkt?

Nimmich: Erst seit etwa fünf Jahren sehen wir ernsthafte Ströme von Kokain nach Europa sowie eine Zunahme des Konsums. Dazu kommt: Die zentralamerikanischen Länder kämpfen mit Korruption, mit Regierungen und Justizsystemen, die den Drogenhandel nicht bewältigen können. Aber diese Länder sind Westafrika Lichtjahre voraus. Und wenn die Kartelle sehen, was in Mexiko passiert, wirkt der Weg über Westafrika nach Europa wie eine attraktive Alternative.

Das Interview führte Cordula Meyer


"Schnelle Ganoven": Lesen Sie in der aktuellen Ausgabe des SPIEGEL, wie die kolumbianischen Kartelle im internationalen Drogenhandel aufrüsten.

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