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Kokain-Affäre im Allgäu: Das abgründige Doppelleben eines Top-Fahnders

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Fahndung unter Kollegen: 1,854 Kilogramm Kokain im Büro

Armin N. war Chef der Drogenfahndung in Kempten, ein angesehener Mann - bis er im Februar festgenommen wurde. Nun hat die Staatsanwaltschaft die Fassade vom tadellosen Beamten demontiert: Sie wirft ihm Kokainexzesse und Vergewaltigung vor.

Der Ort Moosbach-Sulzbach im Allgäu ist Alpenidylle pur. Links und rechts der Dorfstraße schmiegen sich Bauernhöfe und traditionelle Handwerksbetriebe an sanfte Hügel, im klaren Wasser des Rottachsees spiegeln sich die Gipfel der Alpen.

Vor seinem schmucken Einfamilienhaus gab Armin N., Chef der Drogenfahndung im Polizeipräsidium Kempten, gern den Biedermann. Hinter der weiß getünchten Fassade indes lebte er seine dunkle Seite aus: Fetischsex, Fesselspiele und Lustexzesse im Kokainrausch. Dazu Antidepressiva - gegen den Absturz in die spießige Realität?

Armin N. war ein geachteter Mann in Kempten und in seinem Heimatdorf. Ein integrer Mann, so schien es, der mit akribischen Ermittlungen denjenigen das Handwerk legt, die etwas zu verbergen haben. Mehr als zehn Jahre war er Chef des Rauschgiftdezernats in Kempten, intern K 4 genannt. Der Kommissar ist ein eindrucksvoller Mann, groß, kahl rasiert. Bekannte beschreiben ihn als dandyhaft und dominant, er sei aber kein Macho.

U-Haft an unbekanntem Ort

Über eine lange Zeit fiel offenbar niemandem in seinem Kollegenkreis auf, dass der Karrierebeamte mit seinem Klientel mehr gemein haben könnte, als seine Fassade glauben ließ. Dass er offenbar selbst etwas zu verbergen hatte.

Bis Armin N. im Februar festgenommen wurde. Er soll in der Nacht zuvor im Rausch über seine Frau hergefallen und sie übel misshandelt haben. Nach seiner Festnahme fanden Kollegen 1,854 Kilogramm Kokain in seinem Büro, die anschließenden Ermittlungen einer Sonderkommission des bayerischen Landeskriminalamtes offenbarten das bizzare Doppelleben des Ersten Kriminalhauptkommissars.

Seit einigen Jahren wohnte er zusammen mit seiner zweiten Ehefrau in dem Haus mit dem beeindruckenden Alpenpanorama, das in jener Nacht zum Tatort wurde. Seitdem sitzt er in Untersuchungshaft, an einem unbekannten Ort, denn als Polizeibeamter gilt er als gefährdet.

Gefährlich aber war der Mann offenbar auch selbst. Vergewaltigung, Bedrohung, gefährliche Körperverletzung, Besitz von Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge und vorsätzliche Trunkenheit im Straßenverkehr wirft die Staatsanwaltschaft ihm vor.

Angriff im Kampfanzug

Schon mehrfach soll Armin N. gegenüber seiner Frau gewalttätig geworden sein. Vier Wochen vor der Tatnacht hatte er sie laut Anklage gewürgt, geschlagen und ihr mehrfach ein Kissen aufs Gesicht gedrückt. Ihre Freude über ihre Beförderung in der Firma hatte ihn angeblich verärgert.

Als er gedroht habe, ihr die Kehle durchzuschneiden, sei sie auf den Balkon geflüchtet und übers Geländer gestürzt, so sieht es die Staatsanwaltschaft. Seine Frau brach sich einen Lendenwirbel und musste operiert werden. Bis zum 7. Februar lag sie im Krankenhaus.

Eine Woche nach ihrer Rückkehr ins gemeinsame Heim soll er dann erneut zugeschlagen haben. Nach einem missratenen Valentinsabendessen, so sagte es seine Frau gegenüber Ermittlern aus, sei er im Kampfanzug und mit Erkennungsmarke um den Hals ins Schlafzimmer gestürzt und habe angekündigt, sie nun endgültig zu töten. Das Messer liege schon unter dem Bett.

Er schlug demnach los, sie schrie auf, insbesondere die frisch operierte Hüfte habe höllisch geschmerzt. Er habe die Hose heruntergezogen, habe versucht, sie zu missbrauchen, doch es sei ihr gelungen, ihn vom Bett zu stoßen und ins Erdgeschoss zu flüchten. Dort rief sie ihre Schwester zur Hilfe, die in der Nähe wohnt.

Als sie kam, fuhr Armin N. in seinem Audi davon. Die Schwester alarmierte die Polizei, die ihn kurz darauf anhielt und festnahm. Eine Blutprobe ergab einen Blutalkoholwert von 1,49 Promille, außerdem Spuren von Bromazepan, Lorazepam und Promethazin - Psychopharmaka.

Woher stammt das Kokain?

Die anschließenden Durchsuchungen zerstörten das Bild vom tadellosen Beamten vollends: In seinem Büroschrank lag mehr Kokain, als die Kemptener Polizei seit Jahren sichergestellt hatte. Zu Hause fanden die Ermittler diverse Sexspielzeuge und Fesselmaterial, zahlreiche Schmerz- und Beruhigungsmittel, Antidepressiva sowie einen selbst gedrehten Porno, auf dem N. weißes Pulver konsumiert.

Gutachter bescheinigen ihm einen Hang zu gewissen Fetischen und einen distanzlosen Missbrauch von Medikamenten. Kokain konsumierte er wohl schon seit Jahren. Seine Ehefrau kannte ihn gar nicht ohne, er habe das Kokain 2007 bereits in die Ehe gebracht.

Tatsächlich fanden sich auf der Verpackung noch DNA-Spuren ihrer Vorgängerin, einer Polizistin aus Kempten, mit der N. vor der Ehe liiert war und wohl auch noch hinterher Kontakt hatte. Das würde schon zwei Kokser im Polizeipräsidium machen, gegen die Frau wird gesondert ermittelt.

Eine entscheidende Frage aber bleibt: Woher stammt das Kokain? Rechtsanwalt Wilhelm Seitz aus Kaufbeuren, der Armin N. vertritt, will sich zu den Vorwürfen nicht äußern.

Aus den letzten großen Sicherstellungen aus 2002 und 2004 jedenfalls, die eine solche Menge rechtfertigen könnten, stammt es wohl nicht: Die Konsistenz stimmt nicht überein. Hinweise auf die in Kempten vermutete italienische Mafia als Lieferant gebe es nicht. Und dass ein ehemaliger Staatsanwalt N. den Stoff zu Schulungszwecken überlassen habe, lässt sich nicht mehr überprüfen. Der Mann hat sich während der Ermittlungen das Leben genommen.

Dass Armin N. zahlreiche Reisen zu Raver- und Techno-Partys meist bar bezahlt habe, ohne entsprechende Summen vom Konto abzuheben, sei ein Indiz, dass er auch mit dem Stoff gedealt haben könnte. Der Polizistin aber, die ihn festnahm, sagte er, das Kokain hätte bis zur Rente gereicht.

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