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Koks-Boss im Knast: Die Schwermut des Schneekönigs

Schnelle Autos, schöne Frauen, schmierige Geschäfte: Ronald Miehling war Deutschlands berühmtester Drogenhändler. Jetzt sitzt der Polizistensohn acht Jahre im Knast, bereut die Folgen seiner Taten - und spricht im Interview mit SPIEGEL ONLINE über sein Leben zwischen Kiez, Kolumbien und Kokain.

Hamburg - Justizvollzugsanstalt Fuhlsbüttel an einem grauen Mittwochnachmittag. Im Besucherraum - der früher eine Kapelle war, aber eher wie eine Turnhalle aussieht - toben kreischende Kinder durch die Reihen quadratischer Holztische. Knackis schlürfen Kaffee, gabeln Bienenstich, beißen in lauwarme Würstchen. Gemurmel wabert durch den Raum - und manchmal zischt eine der Frauen ihren Gegenüber an.

Durch die massive Holztür an der Stirnseite des Saals schreitet ein Mann, der aussieht wie Armin Müller-Stahl auf Steroiden. Breites Kreuz, zerschlagene Nase, graue Haare, graue Augen.

Ronald Miehling, 57, "der Schneekönig", Deutschlands berühmtester Kokainhändler. In seinen besten Zeiten beschäftigte er 50 Helfer, brachte tonnenweise "Koka" nach Deutschland, badete in Champagner und wog sein Geld, statt es zu zählen. Vorbei.

"Hallo", dröhnt Miehling und quetscht die Hand des Besuchers, "lass uns loslegen. Was willst du wissen?"

SPIEGEL ONLINE: Herr Miehling, ...

Miehling: Moment, Moment. Sag besser Blacky, du kannst einfach Blacky sagen.

SPIEGEL ONLINE: Blacky, Ihr Vater war Bereitschaftspolizist in Hamburg. Ein "geradliniger, rechtschaffener Mensch", haben Sie einmal gesagt. Was hätte anders laufen müssen, damit auch aus Ihnen ein Polizist geworden wäre?

Miehling: Vielleicht sind auch daran die 68er Schuld? (lacht) Nein, im Ernst, ich habe ziemlich früh erkannt, dass diese spießige Welt, in der samstags das Auto gewaschen wird und in der sich alle immer Sorgen darüber machen, was die Nachbarn wohl denken, nichts für mich ist. Das war mir zu eng, zu miefig. Ich war ein Draufgänger, ich wollte was erleben und genau das machen, von dem alle sagen: Du, du, du, das darfst du aber nicht.

SPIEGEL ONLINE: Sie seien gutmütig, haben Sie in ihrem Buch "Schneekönig" geschrieben, das hätten Sie von Ihrer Mutter, und ehrenhaft wie Ihr Vater. Wie wird so jemand zum Verbrecher?

Miehling: Ich war nicht nur gutmütig und ehrenhaft, sondern vor allem auch abenteuersüchtig, ich brauchte den Nervenkitzel, den Reiz des Verbotenen. Das Tüfteln an dem perfekten Plan, das Hochgefühl, wenn er gelingt. Abenteuer - das war für mich Glück im Dauerzustand. Außerdem habe ich ein großes Talent, Menschen kennenzulernen. Ich sage immer, man kann mich über dem Urwald abwerfen, ein Jahr später bin ich der beste Freund des Häuptlings. Und ich habe Menschen kennengelernt, die mir gezeigt haben, wie man mit wenig Arbeit viel Geld verdienen kann.

SPIEGEL ONLINE: Sie waren zunächst Zuhälter auf St. Pauli. Sie haben Frauen geschlagen und ausgenutzt. Wie gutmütig, wie ehrenhaft war das?

Miehling: Gar nicht. Zuhälter verdienen am Leid anderer Menschen. Das konnte ich nicht. Deswegen habe ich das ganz schnell gelassen ...

SPIEGEL ONLINE: ... und sich auf den Drogenhandel verlegt. Ist das ehrenwerter? Haben Sie sich jemals Gedanken darüber gemacht, ob das Kokain möglicherweise Menschen zu Grunde gerichtet, abhängig gemacht oder finanziell ruiniert hat?

Miehling: Ich habe das noch nie gesagt, schon gar nicht vor Gericht, weil es dann so aussieht, als wollte ich mir mit meiner Reue etwas erkaufen, aber ja, ich habe mich mit dem, was ich getan habe, auseinandergesetzt. Aber man muss auch klar sagen, ich habe nie an Junkies verkauft, immer nur an die High Society, Werber, Juristen, Architekten, Journalisten, Showstars. Die wussten genau, was sie tun, und sie tun es noch heute - ohne dass es sie fertig gemacht hätte.

SPIEGEL ONLINE: Es müsste schon ein großer Zufall sein, wenn die Tonnen Kokain, die Sie gehandelt haben, niemandem geschadet hätten.

Miehling: Das stimmt. Mir tut es aufrichtig leid, dass Leute an dem Zeug zerbrochen sind, mit dem ich zu tun hatte. Ich bereue das. Manchmal, wenn ich hier im Knast einen Junkie sehe, frage ich mich schon, ob ich vielleicht Schuld an seinem Schicksal bin. Aber ganz ehrlich, ich zum Beispiel bin süchtig nach Zigaretten, und ich weiß nicht, ob Marlboro oder Philipp Morris sich schon einmal den Kopf darüber zerbrochen haben, dass ich mich damit kaputt mache.

SPIEGEL ONLINE: Zigaretten sind nicht Kokain. Und sie sind nicht verboten.

Miehling: Ja, klar. Gesetze sind die Spielregeln unserer Gesellschaft, sie halten das Land zusammen. Das ist gut so. Ich habe gegen diese Normen verstoßen, deswegen sitze ich hier, vollkommen in Ordnung. Ich heule nicht rum wie andere, die sagen, dass sie eigentlich unschuldig sind. Ich bin ein Straftäter, man hat mich erwischt, jetzt muss ich brummen. So ist das. Ich kann mich damit abfinden.

SPIEGEL ONLINE: Als Sie 2003 auf Bewährung aus der Haft entlassen wurden, dauerte es nicht lange, bis Sie wieder mit Kokain erwischt wurden. Dabei hatten Sie vorher noch angekündigt, künftig nur legale Geschäfte machen zu wollen. Warum konnten Sie nicht vom Drogenhandel lassen?

Miehling: Ich hatte wirklich vor, Kaffee, Rum und Südfrüchte aus Kolumbien zu importieren. Ich bin nach Südamerika geflogen, um die ersten Geschäftskontakte zu machen. Aber so läuft das da eben nicht. Ich habe mich von alten Freunden bequatschen lassen, ihnen einen Gefallen zu tun und ein wenig Kokain zu schmuggeln. Damit bin ich aufgeflogen. Es war einfach eine riesengroße Dummheit, die mir noch mal fast acht Jahre Knast eingebracht hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben etwa 20 Jahre Ihres Lebens im Gefängnis verbracht. War es das wirklich wert?

Miehling: Mein Leben war Sex, Drugs und Rock 'n' Roll, aber nein, das war es trotzdem nicht wert. Jeder Tag hier drin ist einer zuviel. Man kann gar nicht sagen, wie wichtig Freiheit für einen Menschen ist. Im Knast, das ist ein ganz anderes Leben. Obwohl ich sogar hier in manchen Momenten glücklich sein kann.

SPIEGEL ONLINE: In welchen Momenten?

Miehling: Ich lese viel, ich interessiere mich für Philosophie und Politik. Und manchmal denke ich, jetzt habe ich etwas verstanden. Das macht mich glücklich.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Leben, so hört man, soll nun sogar verfilmt werden. Schmeichelt Ihnen die öffentliche Aufmerksamkeit?

Miehling: Nö, sie ist mir eigentlich egal. Früher war ich eitel, heute bin ich es nicht mehr. Mir macht es aber Spaß, die Leute mit meinen Geschichten aus ihrer heilen Welt zu reißen und zu zeigen, dass diese in Wirklichkeit ganz schön kaputt ist.

SPIEGEL ONLINE: In Ihrem Buch schreiben Sie, ein chinesischer Astrologe habe Ihnen vorausgesagt, Sie würden unter "Palmen sterben". Glauben Sie noch daran?

Miehling: Absolut. Gut, vielleicht wird es auch nur eine Zimmerpalme. (lacht)

SPIEGEL ONLINE: Wie soll man Ronald Miehling in Erinnerung behalten. Was ist er für ein Mensch?

Miehling: Teilweise ein Vollidiot, teilweise ein lustiger Typ. Auf jeden Fall einer, der das Leben liebt. Vielleicht zu sehr.

Das Gespräch führte Jörg Diehl

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