Breivik-Prozess: Der Mann im Hintergrund

Von , Oslo

Er hat Anders Breivik Hunderte Stunden verhört, kennt 55.000 Seiten Ermittlungsmaterial: Geir Egil Løken ist eine zentrale Figur des Verfahrens gegen den Attentäter. Der Kommissar tritt im Gerichtssaal kaum in Erscheinung - und hilft doch entscheidend, Breivik zu demaskieren.

Es gibt nicht viele Bilder von ihm. Eines zeigt ihn mit seinem Markenzeichen, einer wollenen Schlägermütze. Die Bilder stammen von einem denkwürdigen Tag für Norwegen, dem 13. August. Es war der Tag, an dem der Massenmörder Anders Breivik zurückkam an den Tatort: Utøya. Der Mann mit der Schlägermütze wich ihm nicht von der Seite, den ganzen Tag lang.

Geir Egil Løken trug ein Holzfällerhemd und eine kugelsichere Weste. Der Attentäter trug ein Bergsteigergeschirr - ein Seil sicherte ihn, während er den Polizisten zeigte, wie er auf der kleinen Insel 69 Menschen erschossen hatte.

Seit den Anschlägen am 22. Juli 2011 ist Løken fast wie ein Schatten Breiviks: Der 39-jährige Kriminalkommissar verhörte den Delinquenten 220 Stunden lang. Und er kennt sich wie kein anderer aus in den rund 55.000 Seiten Ermittlungsmaterial, das die Polizei zusammengetragen hat.

Genau das macht ihn zu einer Art grauen Eminenz im Prozess gegen Breivik. Løken ist der Mann im Hintergrund, diskret und effektiv. Gemeinsam mit drei Kollegen sitzt er in einem Raum direkt neben dem Gerichtssaal 250 und verfolgt über Monitore, was Breivik sagt. Er ist es, der die Staatsanwälte sofort informiert, wenn er einen Widerspruch zwischen Breiviks Aussagen in den Hunderten Stunden Verhör und im Zeugenstand bemerkt.

"Ich habe da jemanden, der mir die passende Quelle heraussucht"

Løken hatte auch am Donnerstag eine Menge zu tun. Direkt nach der Mittagspause etwa, als Ankläger Svein Holden im Kreuzverhör von Breivik etwas über die perverse Logik erfahren wollte, mit der er seine beiden Attentatsziele ausgewählt hat. "Utøya war das attraktivste Ziel für mich während der Ferienzeit", sagte der Terrorist mit vollkommen gefühlloser Miene. Es hätten sich jede Menge "Kategorie-A-Verräter" dort aufgehalten - mit diesem Begriff beschreibt Breivik in seinem menschenverachtenden Kategoriensystem jene, die zur Führungsschicht der Arbeiterpartei zählen.

Holden fährt ihm ins Wort: In einem seiner Verhöre habe er die Jungendlichen auf Utøya nur als Kategorie-C-Ziele klassifiziert. In einem Nebensatz fügte der hagere Ankläger hinzu: "Ich habe da jemanden, der mir die passende Quelle heraussucht."

Da war das Signal für Løken. "Wir haben alle Dokumente in einem eigenen elektronischen Computersystem", erklärt Løkens Kollege Kenneth Wilberg im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Ausgedruckt sind das 120 Aktenordner mit jeweils 500 Seiten."

Løken wurde fündig. Ein paar Minuten nach der Frage des Staatsanwaltes an Breivik, ob er überhaupt legitimiert gewesen sei, Kategorie-C-Ziele zu töten, konnte er der Richterin das Aktenzeichen des Breivik-Zitats präsentieren.

Erzieher, Krankenpfleger, Polizist

Løken ist einem Polizei-Ermittler behilflich, der gleich neben den beiden Anklägern hinter dem Pult sitzt. Er hat einen Computer mit Datenleitung zum Hinterzimmer, in dem Løken sitzt. Am Mittwoch war Løken einmal kurz in einer Pause zum Pult von Staatsanwältin Inga Bejer Engh geeilt, er plauderte mit der Anklägerin. Man sieht ihm den Stress des Verfahrens nicht an.

Der 39-jährige Kommissar hat die Frische eines Naturburschen. Er stammt aus Bjørhovde, einer kleinen Stadt im Westen des Landes unweit des Sognefjordes. "Er ist kein gewöhnlicher Polizist", sagt ein Kollege über ihn. Vielleicht liegt das daran, dass der unverheiratete Løken zunächst als Kindergärtner arbeitete und dann als Pfleger in einer psychiatrischen Einrichtung, ehe er Polizist wurde.

Auch danach verlief seine Karriere zunächst gar nicht steil: Vier Jahre lang patrouillierte er als Streifenpolizist durch die Straßen von Bergen, ging dann nach Oslo und diente im Jahre 2006 als Uno-Polizist im Kosovo.

An einem Punkt seiner Karriere dann fiel sein außergewöhnliches Verhörgeschick auf. "Er hat seine ganz eigene Art, Leute aufzuschließen, er ist ein bisschen wie Columbo", sagte ein Kollege der Zeitung "VG".

Auf Breivik angesetzt zu werden, verdankt Løken vermutlich seinen Verdiensten, die er sich als Ermittler in der Abteilung für organisierte Kriminalität erworben hat - unter anderem in einem spektakulären Verfahren gegen einen Drogenhändler-Ring.

Tragischerweise kam ihm Breivik erst nach seinem Massenmord ins Visier und nicht in den Jahren zuvor, als sich der Attentäter mit Kreditkartenbetrug und Konkursen finanziell über Wasser hielt.

"Der beste Zeuge ist der Täter selbst"

Am Donnerstag wachte Løken über besonders traurige Details: Breiviks diverse Tötungspläne. Seine ursprüngliche Absicht sei der Bau von drei Autobomben gewesen, einschließlich einer "Erschießungsoperation" auf einem Motorroller, deren ultimatives Ziel nach Angaben Breiviks seine eigene Erschießung war. Die von Løken und seinen Kollegen sichergestellten Mengen von Kunstdünger deuten darauf hin, dass tatsächlich mehr als eine Bombe geplant war.

Breivik schilderte die Nacht vor dem 22. Juli, als er mit dem Wagen und der darin versteckten Bombe zum Haus seiner Mutter fuhr und parkte. "Es war sehr spät geworden", sagte Breivik, und Staatsanwalt Holden erwiderte nur, dass er das genau abklären will. Wieder war Spezialagent Løken im Einsatz. Auf Holdens Monitor erschien die passende Information. "Das GPS-System im Auto", zitierte Holden das Memo aus den Untersuchungsakten, "zeigte 23.33 Uhr."

Szenen wie diese sind es, die dokumentieren, wie reibungslos dieser Prozess bislang ablief. Das beginnt mit der Betreuung der vielen hundert Journalisten, deren Sicherheitschecks kaum Wartezeiten verursachen. Es sind aber auch die Abläufe im Gericht, souverän gesteuert von Richterin Wenche Arntzen.

Die Arbeit aller Beteiligten verhindert, dass der Gerichtssaal eine Bühne für Breivik wird. Stattdessen ist dank der akribischen Arbeit von Polizei und Staatsanwaltschaft zu beobachten, wie Breiviks krudes Weltbild, seine großspurigen Pläne und seine nachträglichen Verklärungsversuche demontiert werden.

Am Freitag werden die Staatsanwälte noch mehr als sonst angewiesen sein auf Sonderermittler Løken: Dann wollen sie mit Breivik durch die grauenhaften Einzelheiten seines 72-minütigen Tötungslaufes auf Utøya gehen.

Løken hat ihn damals, beim Ermittlungstermin auf der Insel am 13. August, beobachtet, wie er die Arme in die Luft hob, als würde er noch einmal anlegen und abdrücken. Die Fotos von diesem Tag haben die Norweger schockiert. Das wird auch morgen der Fall sein. Und dennoch muss das Kreuzverhör sein. "Denn", so hieß es im Polizeipräsidium von Oslo während der Ermittlungen zu SPIEGEL ONLINE: "Der beste Zeuge ist der Täter selbst."

Mitarbeit: Espen A. Eik

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insgesamt 19 Beiträge
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1. .....
jujo 19.04.2012
Zitat von sysopEr hat Anders Breivik Hunderte Stunden verhört, kennt 55.000 Seiten Ermittlungsmaterial: Geir Egil Løken ist eine zentrale Figur des Verfahrens gegen den Attentäter. Der Kommissar tritt im Gerichtssaal kaum in Erscheinung - und hilft doch entscheidend, Breiviks zu demaskieren. Breivik-Prozess: Der Mann im Hintergrund - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,828605,00.html)
So eine Arbeit der Polizei und Justizbehörde würde ich mir für Deutschland auch wünschen! z.B. im Fall der Zwickauer Terrorzelle. Aber nein da werden lieber von Staatsanwälten relevante Akten vernichtet!
2. Alle gegen einen
Demokratischer_Beobachter 19.04.2012
Herr B. müßte schon ein GENIE sein, wenn er unter dem Druck, von Millionen GEHASST zu werden, vor Gericht seine Thesen "FEHLERFREI" verteidigen könnte, und zwar GEGEN ALLE: gegen mehrere Staatsanwälte, Richter, Nebenklage-Anwälte, etc. pp., unterstützt, wie man erfahren darf, von Suchmaschinenprogrammen, die jedes auf 55.000 Seiten von ihm irgendwann einmal gesagte, abgespeicherte Wort umgehend herausfiltern können, inklusive Polizisten, die diese Informationen den "intelligenten" Staatsanwälten (die sich offenbar selber nicht so richtig eingelesen haben) während des Prozesses mundgerecht auf einem Bildschirm einspielen. Also kein Wunder, wenn es da mal Widersprüche gibt, denn auch der gefühlskalte Mörder bleibt ein Mensch. Was es den Opfern an Befriedigung oder der Sache an Fortschritt bringen soll, wenn man desweiteren in Volksgerichtshof-Manier sich an Demütigungen ("Demontage", "Demaskierung") ergötzt, bleibt das Geheimnis jener, die sich daran erfreuen.
3.
iron_net 19.04.2012
Demontage ist gerade KEINE Demütigung. Es geht nur darum, ihn als das darzustellen, was er wirklich ist und dadurch seine pathetische Selbstdarstellung zu dekonstruieren. Und wer den Prozess ernsthaft verfolgt, dem dürfte auch aufgefallen sein, dass das norwegische Rechtssystem eines der fortschrittlichsten der Welt ist, weil es gerade explizit auf Rachereflexe verzichtet und versucht, konstruktiv mit Verbrechen umzugehen. Was in diesem Gerichtssaal passiert, ist, dass aufgezeigt wird, dass Anders Behring Breivik absolut nicht zum Helden taugt. Weder hat er er ein echtes Verständnis der Probleme, über die er schwadroniert, noch hat er irgendetwas Heldenhaftes getan: Er hat sich eine Waffe besorgt und sich die schwächsten, wehrlosesten und harmlosesten Menschen gesucht, die man damit umbringen kann. Und am Ende hat er noch nicht mal bis zum eigenen Ende gekämpft. Im Gegenteil, als ihm das erste Mal ein Gegner gegenüber stand, hat er sich ergeben. So etwas ist nicht heldenhaft, im Gegenteil, absolut JEDER kann es tun, man muss nur verwirrt genug sein.
4.
hdudeck 19.04.2012
Zitat von sysopWas gibt es an einem Mann wie Breivik, der seine Aufassungen und Ziele auf 1500 Seiten so ausführlich und schonungslos dargestellt hat wie kein anderer, denn zu "demaskieren"? Oder handelt sich dabei um etwas ganz anderes? Nicht um Demaskierung, sondern um das systematische Bemühen, Breiviks brisantes Thema - die fortschreitende Islamisierung Europas unter den gleichgültigen Augen der Eliten - vergessen zu machen, indem man ihn vollständig auf seine Verbrechen und seine narzißtischen Selbstdarstellungen reduziert? Das wird aber nicht gelingen, zu vielen sind schon die Augen aufgegangen. Man schaue nur in die Onlineforen, in denen nicht neun Zehntel aller Beiträge - die islamkritischen nämlich - wegzensiert werden
Sie haben scheinbar dieselben verqueren Gedanken wie Breivik. Was geht es Sie an, welchem Glauben jemand nachgeht? Wenn Sie anderer Leute Glauben als Gefahr ansehen, sind Sie ein genauso kleines Wuerstchen wie Breivik, wenn es platz, sieht man die ganze Haesslichkeit des Inhalts. Und ausserdem, wenn 9/10 der Beitraege in Foren wegzensiert werden wie Sie behaupten, wie haben sie dann diese Zahl ermittelt? Sie koennen die Beitraege ja nicht sehen. Oder ist es vielleicht genauso wie mit der fortschreitenden Islamisierung Europas, die Sie angeblich wahrnehmen. Alles nur in ihrem (verwirrten) Hirn. Ich glaube Sie sind 65 Jahre zu spaet, diese Zeiten sind gluecklicherweise vorbei.
5.
musca 19.04.2012
Zitat von sysopEr hat Anders Breivik Hunderte Stunden verhört, kennt 55.000 Seiten Ermittlungsmaterial: Geir Egil Løken ist eine zentrale Figur des Verfahrens gegen den Attentäter. Der Kommissar tritt im Gerichtssaal kaum in Erscheinung - und hilft doch entscheidend, Breiviks zu demaskieren. Breivik-Prozess: Der Mann im Hintergrund - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,828605,00.html)
naja, der Vergleich mit " Inspektor Columbo" alias Peter Falk passt nicht so ganz. Der Fernseh - Columbo hat ( Fernseh- Mörder so weit rausgelockt sich schliesslich zu verplappern und dann konnten sie nicht mehr aus...die Beweise waren da...also Geständniss. Eine Fernsehserie kann man aber nicht mit der Realität vergleichen, in dem Fall schon gar nicht und Breivik hat ja auch schon gestanden...es gilt nur mehr herauszufinden was die Motive waren... diese sind eigentlich auch schon klar, aber es ist gibt noch Widersprüche zwischen dem was Breivik jetzt aussagt und den Verhören früher.... aber ist das überhaupt noch wichtig??? Hier gehts nicht um Schuld oder Unschuld zu beweisen wie bei Inspektor Columbo. 69 Menschen hat Anders Behring-Breivik eigenhändig erschossen, 8 durch den Bombenanschlag indirekt getötet. Das ist und bleibt Tatsache, da braucht man keinen "Columbo" mehr... " Columbo" die Fernsehserie hat immer an möglich Verdächtigen ermittelt und der Columbo dann zum Schluss " Eine Frage hätte ich da noch...." den wahren Mörder demaskiert. Breivik ist eigentlich schon demaskiert....ein zwei leichte Änderungen hin oder her ist da auch schon wurscht....ausserdem handelt es sich hier um Massenmord und Amoklauf und keinen "normalen Mord" Mord...das Wort schon ...man sieht wie krank Spezies Mensch selber eigentlich ist ....es gibt kaum eine Art im Tierreich und in der Natur die so erfolgreich sich oft extrem gegenseitig umbringt wie "die Krone" der Schöpfung.... Eher sind wir aber aufgrund dieser traurigen Erkenntnis wohl eher die dümmsten Lebewesen die jemals auf diesem Planeten existiert haben.....
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Norwegisches Rechtssystem
Keine lebenslange Haftstrafe
Norwegen gehört zu den weltweit rund 20 Staaten, die eine lebenslange Haftstrafe abgeschafft haben. Normalerweise kommt dort jeder Gefangene nach spätestens 21 Jahren frei. Dennoch könnte der Attentäter Anders Breivik für immer hinter Gitter kommen. Das Gericht kann die Verwahrung ("forvaring") verhängen, deren Ende ungewiss ist. Sie wird verlängert, "wenn die zeitlich begrenzte Strafe zum Schutz der Gesellschaft nicht ausreicht". Voraussetzung ist überdies ein "schweres Gewaltverbrechen" und eine "naheliegende Wiederholungsgefahr".
Psychisch kranke Straftäter
Psychisch kranke Straftäter, die als vermindert schuldfähig oder schuldunfähig eingestuft werden, kommen in eine geschlossene Fachklinik. Ein Staatsanwalt kann den Aufenthalt dort alle drei Jahre verlängern, ein Straftäter einmal im Jahr seine Entlassung beantragen.
Fall Breivik
Sollte das Gericht Breivik am Ende für unzurechnungsfähig erklären, bliebe er straffrei und würde in eine geschlossene psychiatrische Einrichtung eingewiesen. Spätestens nach drei Jahren wird auf Antrag erstmals überprüft, ob es erforderlich ist, Betroffene weiterhin in der geschlossenen Psychiatrie zu belassen.
Fotostrecke
Breivik-Prozess: Staatsanwältin Enghs wichtigster Fall


Fläche: 323.787 km²

Bevölkerung: 4,920 Mio.

Hauptstadt: Oslo

Staatsoberhaupt:
König Harald V.

Regierungschef:
Erna Solberg

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