Mordvorwurf gegen U-Boot-Bauer Madsen Alles bloß eine Spukgeschichte, sagt die Anwältin

Der Prozess um den Tod der Journalistin Kim Wall in Kopenhagen soll diese Woche enden. Der Staatsanwalt plädiert auf Mord - und fordert lebenslange Haft für Peter Madsen. Die Verteidigerin fordert dafür Freispruch.

NIKOLAI LINARES/ EPA-EFE/ REX/ Shutterstock

Seitdem Peter Madsen mit Resten von Kim Walls Blut im Gesicht aus dem Wasser gezogen wurde, hat der dänische U-Boot-Tüftler drei verschiedene Versionen für den brutalen Tod der Journalistin präsentiert. Nur eines haben sie alle gemein: Umgebracht haben will er sie nicht. Wie es um die Glaubwürdigkeit des 47-Jährigen steht? "Nicht nur schlecht, sondern nicht existent", sagte Staatsanwalt Jakob Buch-Jepsen laut Danmarks Radio.

In seinem Plädoyer beschrieb er den Angeklagten als sexuell gestört. Zum Ende der Beweisaufnahme hat er wie bereits in der Anklage eine lebenslange Freiheitsstrafe für Madsen gefordert. Sollte das Gericht dem nicht nachkommen, verlangt er eine Sicherungsverwahrung für unbestimmte Zeit. Im Mordprozess vor dem Kopenhagener Amtsgericht hätten sich alle Erklärungen für den Tod der Schwedin an Bord von Madsens selbst gebautem U-Boot "Nautilus" als falsch herausgestellt.

Aber reicht das, um Madsen wegen Mordes zu verurteilen?

Zeugen und Gutachter hatten im Prozess das Bild eines psychisch schwer gestörten Mannes gezeichnet. Staatsanwalt Buch-Jepsen sprach von "einer sehr dunklen Seite" seiner Persönlichkeit. Rechtspsychologen halten Madsen für gefährlich. In der Verhandlung sahen Kim Walls Eltern Bilder, die zeigen, wie Taucher die Leiche ihrer Tochter in Einzelteilen aus dem Øresund zogen.

Staatsanwalt: Auffallende Übereinstimmung mit Hinrichtungsvideos

Nachdem Ermittler Hinrichtungsvideos bei Madsen gefunden hatten, gab er zu, diese sogenannten Snuff-Videos angesehen zu haben - Bilder von Frauen, die unter anderem enthauptet wurden. Madsen befasste sich zudem mit Texten, in denen es um die Pfählung von Frauen geht. Sexuell erregt, so sagte er es vor Gericht, habe ihn all das aber nicht. Der Staatsanwalt glaubt an das Gegenteil.

Madsen gab an elf Prozesstagen bislang nur das zu, was die Ermittler ihm nachweisen konnten. Ja, er habe Walls Leiche zerstückelt - aber nur, um sie aus dem U-Boot zu befördern und über Bord werfen zu können. Die Journalistin sei bereits Stunden vorher erstickt. Rechtsmedizinerin Christina Jacobsen hielt dagegen, die Beschaffenheit einiger Stichwunden deute darauf hin, dass Wall noch am Leben gewesen sein könnte. Die genaue Todesursache konnten die Experten nicht mehr feststellen, nur Peter Madsen kennt sie.

Fast alle Indizien sprechen nun gegen den angeklagten Erfinder. Die in den Hinrichtungsvideos gezeigten Verletzungen ähneln laut Buch-Jepsen denen, die auch Kim Wall erlitt. Für den Staatsanwalt eine auffallende Übereinstimmung. Es gebe auch keine mildernden, nur verschärfende Umstände, sagte Buch-Jepsen. Die 30-jährige Reporterin Wall, die über den Erfinder und sein abenteuerlich gescheitertes Raketenprogramm ein Porträt schreiben wollte, sei vergangenen August zufällig zum Opfer geworden.

Fotostrecke

11  Bilder
Todesfahrt der "Nautilus": Plädoyers gegen Peter Madsen

Der Staatsanwalt sah sich zum Ende des Prozesses aber auch gezwungen, "an den gesunden Menschenverstand" des Gerichts zu appellieren. Darauf hebt laut Danmarks Radio auch Madsens Anwältin Betina Hald Engmark in ihrem Plädoyer ab.

Sie spricht demnach von einer Spukgeschichte und fordert einen Freispruch vom Vorwurf des Mordes. "Da kann nicht die Rede von Beweisen sein, sondern höchstens von sehr schwachen Beweisen." Gegen den in Dänemark bekannten Erfinder dürfe nur das zählen, was ihm auch nachgewiesen werden könne. "Er hat es nicht in sich", sagte Betina Hald Engmark den Angaben zufolge zu dem Mordvorwurf - und verweist auf jene Zeuginnen, die Madsen als liebevollen Mann charakterisiert hatten.

Am Mittwoch soll das Urteil fallen.

Mehr zum Thema bei SPIEGEL Plus

apr/dpa

TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.