Bandengewalt in Dänemark Kampf gegen kleine Königreiche

In Kopenhagen halten Dutzende Schießereien verfeindeter Banden Polizei und Politik in Atem. Mehrere Unschuldige wurden bereits verletzt. Der Konflikt trifft vor allem den hippen Stadtteil Nørrebro.

Kopenhagen (Archiv)
AFP PHOTO/Jens Noergaard Larsen/SCANPIX DENMARK

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Der Kopenhagener Stadtteil Nørrebro gilt als ein Zentrum der kreativen Klasse Dänemarks. Ökologisch nachhaltige Szenecafés und multikulturelle Geschäfte ziehen Hipster und junge Intellektuelle in den einstigen Arbeiterstadtteil. Dieses urbane Idyll wird allerdings seit Monaten von einer Welle der Gewalt bedroht: Verfeindete Banden tragen ihre bewaffneten Konflikte in der dänischen Hauptstadt seit wenigen Monaten wieder auf der Straße aus.

Seit 12. Juni gab es laut Polizei 28 Schießereien, 13 Menschen wurden verletzt - darunter auch Unbeteiligte. In den ersten siebeneinhalb Monaten 2017 habe es bereits mehr Schusswechsel auf den Straßen gegeben als im gesamten Jahr 2016, meldete die Tageszeitung "Politiken" unter Berufung auf Polizeiakten.

Mitglieder der Gruppe "Loyal to familia" (LTF) streiten laut Polizei mit einer verfeindeten Gang aus den Vierteln Mjølnerparken und Nordwest-Kopenhagen. Ihre Reviere liegen nur wenige hundert Meter voneinander entfernt. "LTF hat sich über den Sommer stark vergrößert, dann gab es die erste Tat und jetzt geht es häufig nur um Rache", sagt Torben Granat Svarrer, der bei der Polizei Kopenhagen für organisierte Kriminalität zuständig ist.

"Stopp dem Wahnsinn" lautete Anfang August die Überschrift einer Polizeimitteilung. Hinter manchen Taten steht mutmaßlich ein Streit um Drogen, "aber es sind wahrscheinlich zu einem höheren Grad alte persönliche Konflikte unter einzelnen Mitgliedern, die nun hervortreten", sagte Svarrer.

Straßenszene in Nørrebro
Getty Images

Straßenszene in Nørrebro

Mit Razzien und aktuell zwei sogenannten Visitationszonen versucht die Polizei Konflikt einzudämmen. In den Zonen dürfen die Beamten Menschen stichprobenartig kontrollieren und durchsuchen. 40 mutmaßliche Bandenmitglieder wurden seit Juni festgenommen.

Die Angst vor Gewalt prägt in den betroffenen Vierteln den Alltag vieler Menschen. Einwohner des trotz Gentrifizierung noch von Einwanderern dominierten Stadtteils Nørrebro gingen gegen die Banden mit Fackeln auf die Straße. Mitarbeiter eines Pflegedienstes mussten laut dem Sender TV2 mehrfach Besuche aus Sicherheitsgründen verschieben - und nehmen inzwischen lieber das Auto als das in Kopenhagen sonst so verbreitete Fahrrad.

"Es ist klar, dass die Menschen derzeit eine erhöhte Aufmerksamkeit haben, wenn sie sich in Nørrebro und im nordwestlichen Viertel bewegen", räumt Kopenhagens Oberbürgermeister Frank Jensen ein. Eine Warnung, bestimmte Gebiete zu meiden, gibt es aber nicht. Dennoch sagt Polizist Svarrer: "Besonders jungen Menschen raten wir, auf bandentypische Kleidung zu verzichten. Das können etwa Kappen sein."

Die Auseinandersetzungen haben laut Polizei nichts mit dem Rockerkrieg zu tun, der in Dänemark vor allem in den Neunzigern tobte. Anders als damals gibt es bislang keine Toten. Wie damals sind die Schießereien der Straßenbanden aber auch landesweit Thema. "Wir setzen natürlich alle Kräfte ein, um den Konflikt und die Schießereien zu stoppen - das gilt für Stadt, Polizei die dänische Regierung gleichermaßen", sagt Oberbürgermeister Jensen. Zusätzlich zum Polizeieinsatz würden die pädagogischen Angebote verstärkt - unter anderem, "um Kinder und Jugendliche von den Banden fernzuhalten".

"Visitationszone" in Nørrebro
Københavns Politi

"Visitationszone" in Nørrebro

In der dänischen Politik wird zudem über ein Verbot von LTF diskutiert. Der konservative Justizminister Søren Pape Poulsen stellte vor zwei Wochen unter dem Titel "Sicherheit zurück auf die Straßen" einen umgerechnet rund acht Millionen Euro schweren Zwölf-Punkte-Plan vor. Die Strafen für Bandenkriminalität sollen massiv verschärft werden, auch ein Gesetz über Aufenthaltsverbote für verurteile Mitglieder ist geplant. "In diesem Land darf es niemand anderen geben, der regiert, als die dänischen Behörden", teilt Poulsen mit. Es müsse gegen "die kleinen Königreiche der Banden" vorgegangen werden.

Der sozialdemokratische Oberbürgermeister Jensen gibt sich unterdessen Mühe, Kopenhagen weiter als sichere Stadt darzustellen. "Der Alltag der Kopenhagener setzt sich fort. Auch für Touristen ist es nicht gefährlich, durch die Straßen zu ziehen, wenn sie unsere Stadt besuchen", sagte er.

Am Freitag erhob die Staatsanwaltschaft Anklage gegen ein führendes LTF-Mitglied, das einen Polizisten bei einer Kontrolle bedroht haben soll. Dem 30-Jährigen, bei dem es sich laut Medienberichten um einen Mann mit pakistanischen Wurzeln handelt, droht die Ausweisung.



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