Luxusstadt Cannes Der Glamour-Sumpf

Alle Welt schaut auf das Treiben bei den Filmfestspielen in Cannes. Für Pomp ist die Mittelmeerstadt berühmt, doch hinter der Fassade herrscht Unruhe: Kurz vor dem Promi-Auflauf kam es zu Hausdurchsuchungen im Umfeld des Bürgermeisters.

REUTERS

Von Annika Joeres, Cannes


Der rote Teppich ist ausgerollt, 30.000 Liter Champagner stehen schon kalt. Cannes zeigt sich zu seinem jährlichen Filmfestival von seiner glamourösesten Seite. Hunderte Stars reisen an, vermögende Touristen logieren in den Luxushotels der südfranzösischen Stadt am Mittelmeer.

Eine Hauptrolle spielt auch in diesem Jahr wieder Bürgermeister Bernard Brochand. Der Konservative tummelt sich unter den prominenten Gästen, macht Small Talk und schüttelt die Hände der Stars.

Dabei erschüttert ein Bestechungsskandal das Rathaus des beleibten Bürgermeisters. In der blankgeputzten Millionärsstadt hat das viele Geld seit Jahrzehnten die Sitten verdorben. Vor wenigen Tagen veranlasste die Staatsanwaltschaft aus Grasse mehrere Hausdurchsuchungen. Im Zentrum steht der Verein "Die Freunde von Cannes", eine Unterstützergruppe von Bürgermeister Brochand, der seit 2001 im Amt ist. Ermittelt wird gegen den Vorsitzenden Daniel Alessio sowie den Schatzmeister André Taddeï. Bürgermeister Brochand hatte beide als seine "Spezialberater" vorgestellt, sie haben ihre Büros im Rathaus.

Die Fahnder ermitteln wegen "aktiver und passiver Korruption, Urkundenfälschung und Veruntreuung". Alessios Anwalt Philippe Armani bestreitet die Vorwürfe im Namen seines Mandanten. Dieser könne alles aufklären. Armani räumt aber ein, dass die Ermittler "Inhalte von Geldschränken" mitgenommen hätten und die Herkunft "verschiedener Summen" untersuchten. Taddeï reagierte auf eine Anfrage nicht.

Etat von 400 Millionen Euro

Bürgermeister Brochand macht unterdessen gute Miene zum bösen Spiel. Äußern möchte er sich nicht zu den polizeilichen Ermittlungen gegen seine Vertrauten, dazu ließen ihm seine zahlreichen Kameratermine für das Festival keine Zeit, sagt seine Sprecherin. Schließlich ist die zehntägige Filmshow das prestigeträchtigste Ereignis der Stadt. Der Presseservice des Rathauses bestätigt lediglich in einer kurzen Mitteilung Hausdurchsuchungen bei "einem Verein, der von einem Mitarbeiter des Rathauses geführt wird".

Brochand passt in die Glamour-Stadt. Französische Zeitungen tauften ihn einst den "reichsten Bürgermeister Frankreichs". Brochand machte daraus eine Tugend: Er sei so reich, dass ihn niemand bestechen könne. Schließlich wurde der 74-Jährige durch verschiedene Werbeagenturen zum Multimillionär und vergnügte sich nebenberuflich als Präsident des Nachwuchsclubs vom Fußballerstligisten Paris Saint-Germain.

Auch seine konservative Partei UMP kann sich sicher fühlen. Von 49 Gemeinderäten in Cannes sind nur drei sozialistisch. Man bleibt unter sich. Für die Kommunalwahlen im Frühjahr 2014 erlaubt es sich die in Paris auf der Oppositionsbank sitzende UMP sogar, zwei eigene Kandidaten gegeneinander antreten zu lassen. Ein landesweit einmaliges Auftrumpfen.

Das mondänste Bürgermeisteramt Frankreichs ist heiß begehrt. Zwar ist die Stadt mit rund 70.000 Einwohnern provinziell klein - aber an der Croisette regiert das große Geld. Die Abgeordneten können im Jahr über einen Etat von rund 400 Millionen Euro entscheiden. Den geben sie beispielsweise für 30.000 Tonnen Sand aus, der jedes Jahr an die Strände gekarrt wird, oder für eine jahrelange Renovierung des Festivalpalasts. Dutzende Kongresse über Immobilien, Yachten und Luxusmarken spülen regelmäßig eine vermögende Klientel aus aller Welt an. Und mit ihnen die Versuchung, sich kaufen zu lassen.

"Cannes ist ein Eldorado für Bestechung"

Der frühere Bürgermeister Michel Mouillot zeigte sich auf einem Wahlkampfbild im Smoking über einen Roulettetisch im Casino gebeugt, eingerahmt von Frauen mit Glitterkleidern und Föhnfrisur. Ironischerweise verriet ihn die Kasinowelt später. Als er drei Millionen Francs vom damaligen Geschäftsführer des berühmten Carlton-Hotels verlangte, um im Stadtparlament seine Spielautomaten abzunicken, vertraute sich dieser der Polizei an. Im Prozess sagten Zeugen später aus, Mouillot hätte Baugenehmigungen, Strandmeter der berühmten Croisette und Hotelzulassungen gegen Geld verschachert, Ölscheichs hätten sich Paläste in Naturschutzgebieten bauen dürfen. "Nichts" sei umsonst gewesen, hieß es.

Mouillot wurde 2005 zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt.

"Cannes ist ein Eldorado für Bestechung", sagt Jean-Marc Renault, einer der drei sozialistischen Gemeinderäte. "Hier zirkuliert enorm viel Geld, und natürlich möchte jeder ein Stück vom Kuchen haben." Renault wundert sich beispielsweise, dass die beiden Spezialberater des Bürgermeisters offenbar 6000 Euro monatlich bezögen - während die gewählten Vertreter im Kommunalparlament nur 300 Euro erhielten. "Wer die ganze Zeit von Millionären und Milliardären umgeben ist, verliert die Bodenhaftung," so Renault.

Schließlich ist das Rathaus seit Jahrzehnten unangefochten in rechter Hand. Ihre Wählerschaft sind vermögende Rentner, die zu Tausenden an der Croisette wohnen. Gepuscht werden die Politiker von der Lokalzeitung "Nice Matin", die Abgeordnete mit Werbeinterviews hofiert und 30 Seiten über das Filmfestival berichtet, aber für die Hausdurchsuchungen nur zwei Absätze ausgab. "Nice Matin" gehört seit kurzem Bernard Tapie - ein typischer Vertreter der Côte-d'Azur: Der Multimilliardär, früherer Besitzer der Sportmarke Adidas, wanderte selbst schon wegen Korruption ins Gefängnis, weitere Ermittlungen laufen noch.

Bürgermeister Brochand warb bei seinem Amtsantritt 2001 damit, nicht korrupt zu sein. Er habe mit dem System, in dem alles nur "gegen Cash" funktionierte, endgültig gebrochen, sagte er der französischen Nachrichtenagentur AFP in einem Interview. Die Ermittlungen werden nun zeigen, ob und wie weit die Glamourstadt noch immer im Geldsumpf versunken ist.



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