Kraillinger Doppelmord: Zerfall einer Familie

Von Julia Jüttner, München

Thomas S. soll seine beiden Nichten regelrecht niedergemetzelt haben. Seine Ehefrau bezichtigte ihn öffentlich des Doppelmords, verweigert jedoch vor Gericht die Aussage. Familienmitglieder schildern die Beziehung als zerrüttet - und nennen den Angeklagten einen abstoßenden Schmarotzer.

Tatverdächtiger Thomas S. (Archivfoto): Grinsen auf der AnklagebankZur Großansicht
dapd

Tatverdächtiger Thomas S. (Archivfoto): Grinsen auf der Anklagebank

Er, der die meiste Zeit selbstgerecht vor sich hingrinst, sucht ihren Blick. Sie, die nichts mehr mit ihm zu tun haben will, weicht ihm konsequent aus. Seit dem 1. April vergangenen Jahres haben sich Ursula und Thomas S. nicht gesehen. Damals wurde der Postbote aus dem oberbayerischen Peißenberg festgenommen.

Der 51-Jährige soll in Krailling, einem Vorort von München, seine Nichten, die elfjährige Sharon und die achtjährige Chiara, getötet, regelrecht niedergemetzelt haben. Die beiden Schwestern haben sich verzweifelt gewehrt. Laut Staatsanwaltschaft wollte Thomas S. auch deren Mutter töten und einen erweiterten Suizid vortäuschen. Er habe damit gerechnet, dass seine Frau Ursula S. von der Mutter der Mädchen, die ihre Schwester ist, erben würde.

Seit mehr als 15 Jahren sind Ursula und Thomas S. verheiratet. Als sich der Verdacht gegen Thomas S. manifestierte, strebte die 45-Jährige eine Blitzscheidung an und propagierte dies in mehreren Medien. Doch wegen eines Formfehlers hat das Oberlandesgericht München die Scheidung für ungültig erklärt.

Und so begegnet Ursula S. am Donnerstagnachmittag vor der 1. Strafkammer des Landgerichts München ihrem Ehemann, der wegen zweifachen Mordes angeklagt ist. Thomas S., der zunächst jede Schuld von sich gewiesen hatte und nun schweigt, fixiert die Mutter seiner vier Kinder. Sie trägt ihre langen dunkelbraunen Haare offen, für ihren Auftritt vor Gericht hat sie ein elegantes Outfit gewählt. Schwarze Wildlederstiefel mit hohem Absatz, ein schmaler brauner Rock, darüber ein schwarzer Rollkragenpullover; er trägt wie an den vergangenen Verhandlungstagen eine ausgebeulte Jeans und ein kurzärmeliges Jeanshemd, die oberen vier Knöpfe offen.

"Ich brauche das Geld - und die zahlen eben"

Der Auftritt von Ursula S. dauert keine sechs Minuten. Sie verweigert die Aussage. Er könne ihr Verhalten nicht nachvollziehen, sagt Adam Ahmed, der Thomas S. verteidigt.

In der Öffentlichkeit hatte sich Ursula S. durchaus gesprächig gezeigt. So bezichtigte sie im Interview mit dem "Stern" ihren Ehemann als Doppelmörder. "Das wären zu viele Zufälle. Er hat mich bewusst ruhiggestellt in dieser Nacht, da bin ich mir sicher." Seine DNA am Tatort, das Messer und die Hantel, mit denen die Mädchen erstochen und erschlagen wurden, könnten aus ihrem Haushalt stammen. "Für mich gibt es keinen Zweifel, dass er es war."

Auch von RTL, ZDF und Sat.1 ließ sich Ursula S. filmen, von der "Bild am Sonntag" befragen. Ihr Onkel sagte am Donnerstag vor Gericht, Ursula habe dies mit dem Satz begründet: "Ich brauche das Geld - und die zahlen eben." Er selbst ärgere sich darüber und habe sich geweigert, ihr bei der Autorisierung eines Interviews zu helfen. "Für die Familie ist es eine Katastrophe, was sie da macht."

Nach der Verhaftung hatte Ursula S. ihrem Ehemann zunächst ein Alibi gegeben und behauptet, Thomas S. habe die ganze Nacht neben ihr im Bett gelegen. Wochen später sagte sie dem "Stern", sie könne sich bis heute nicht an Details aus jener Nacht erinnern und zog ihre Aussage beim Haftrichter zurück. "Ich war wie benebelt und bin mir sicher, dass meine Betäubung Teil seines Plans war."

Schwiegermutter sieht Angeklagten als cholerisch und unberechenbar

Nicht nur für Ursula S. ist Thomas S. der Mörder der beiden Mädchen. Viele in der Familie scheinen davon überzeugt. Seine Schwiegermutter bezieht am Donnerstag vor Gericht klar Position und schildert den Angeklagten als cholerischen, unberechenbaren Menschen, vor dem seine eigenen Kinder Angst gehabt hätten.

Auch in der Charakterisierung ihrer beiden Töchter Ursula und Anette, Mutter von Sharon und Chiara, wird die 70-Jährige deutlich: Anette war immer offen und lustig, Ursula das Sorgenkind. Anette lernte den Beruf der Dolmetscherin, jobbte als Nachhilfelehrerin, bis sie Mutter wurde. Die 70-Jährige sagt dies nicht ohne Stolz. Ursula hingegen "schaffte die mittlere Reife", wurde Erzieherin, nach der Geburt ihres ersten Kindes "arbeitete sie nie wieder". Während Anette "sehr gut auskam" mit ihrem Geld, konnte Ursula nicht gut damit umgehen, habe sie gar unter Druck gesetzt, als es um das Erbe des Großvaters gegangen sei.

Das Verhältnis zwischen Anette und ihren beiden Töchtern beschreibt sie als "unglaublich liebevoll". "Es war nie irgendwas. Die Kinder waren immer lieb zu mir." Auch Anettes Lebensgefährte war "sehr lieb", er, die Tochter und deren beiden Töchter seien eine "liebevolle Patchworkfamilie" gewesen.

Bei Ursula, dem Sorgenkind, ist alles anders. Es habe immer nur Streit und Geschrei gegeben. Einmal hätte sich Ursula mit den vier Kindern regelrecht in ihrem Reihenhaus in Planegg verschanzt, erzählt die 70-Jährige. Thomas S. habe vor der Tür gewütet, gebrüllt: "Wenn du jetzt nicht mitkommst, werde ich dich umbringen - und die Kinder auch!"

Der Angeklagte grinst

Sie spricht von einem "Mordstheater", "Szenen", wie "ein Wahnsinniger" habe sich Thomas S. immer wieder aufgeführt, sich "aufs Übelste" geäußert. "Bei denen ging es immer absolut ab!" Er habe keinen Besuch in seinem Haus geduldet, weil er sich gern frei und nackt in seinen vier Wänden bewegen wollte, einmal habe er die Schwiegermutter rausgeschmissen, sagt die 70-Jährige. "Ich bin mit ihm nie zurechtgekommen."

Thomas S. grinst die ganze Zeit, als würde es ihm Freude bereiten, wenn seine Schwiegermutter genau das macht, was der Vorsitzende Richter Ralph Alt zu Beginn der Verhandlung zu verhindern versuchte: "Wir wollen keine dreckige Wäsche waschen."

Als Mensch sei Thomas S. "ein Schmarotzer", "niederträchtig und ziemlich hämisch", sagt die Schwiegermutter. "Können Sie ihn mit sachlichen Eigenschaften beschreiben?", mahnt Richter Alt. Doch vielleicht ist der Prozess auch für sie, die ihre beiden Enkeltöchter verloren hat und deren Tochter Anette schwer traumatisiert ist, ein Ventil. "Er war so fett und dick", ruft sie. "Er hat sich kaum gewaschen, das hat mich schon abgestoßen." 2009 habe sie den Kontakt abgebrochen. "Ich hab Schluss gemacht, ich ertrug die ganze Streiterei nicht mehr."

Glaubt man ihren Aussagen und denen des Onkels und der Stiefmutter von Ursula S., die am Donnerstag vor Gericht erschienen, ging es in der Ehe von Thomas und Ursula S. immer ums Geld. Mit der Stiefmutter lieferten sie sich einen Erbstreit bis vors Gericht.

Die Perücke, die Ursula S. während ihrer Brustkrebserkrankung erst für sich zurücklegen ließ und dann nicht mehr haben wollte, sollte ihre Mutter zahlen - 2800 Euro. Thomas S. habe ihr mit einem Anwalt gedroht, sagt die 70-Jährige. Einmal habe Thomas S.' erste Ehefrau vor ihrer Tür gestanden, weil er für die gemeinsamen zwei Kinder keinen Unterhalt zahlte. Thomas und Ursula S. seien "sehr darauf aus gewesen, Geld zusammenzuraffen", um ihr Haus in Peißenberg abbezahlen zu können.

Einmal, so erzählt es die 70-Jährige am Donnerstag, habe sie ihre Tochter Ursula gefragt, warum sich Thomas immer zurückziehe, wenn Besuch komme. "Er interessiert sich für Erbrecht und Strafrecht", habe diese geantwortet.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
Auf anderen Social Networks teilen
  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
alles aus der Rubrik Justiz
alles zum Thema Doppelmord von Krailling

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Donnerstag, 16.02.2012 – 18:14 Uhr
  • Drucken Versenden Feedback






TOP



TOP