Mordprozess gegen Krankenpfleger "Nur wenn sie im Koma lagen"

Krankenpfleger Niels H. hat laut Geständnis 30 Patienten getötet. Vor dem Landgericht Oldenburg schilderte der wegen Mordes angeklagte 38-Jährige erstmals mit eigenen Worten, wie er vorging.

Niels H. in Oldenburg: Anklage fordert lebenslange Haft
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Niels H. in Oldenburg: Anklage fordert lebenslange Haft


Seit September vergangenen Jahres sitzt Kathrin Lohmann immer wieder in Saal 1 des Landgerichts Oldenburg, direkt gegenüber von Niels H. Jenem Mann, der ihre Mutter pflegte, als sie im März 2003 auf der Intensivstation des Klinikums Delmenhorst lag. Und der für ihren Tod verantwortlich sein soll.

Der Krankenpfleger ist wegen dreifachen Mordes und zweifachen Mordversuchs angeklagt. Im Rahmen einer Exploration hat er allerdings weitere 85 Taten eingeräumt, in etwa 30 Fällen sollen die Patienten gestorben sein. Laut niedersächsischem Justizministerium werden insgesamt fast 200 Verdachtsfälle untersucht.

Niels H. hat gestanden, vielen Patienten das Medikament Gilurytmal (Wirkstoff Ajmalin) in die Vene gespritzt zu haben, das überdosiert zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen und Blutdruckabfall führen kann. Er tat es, wie er sagt, um die Kranken in Lebensgefahr zu bringen, sie dann zu reanimieren - und sich vor Kollegen zu profilieren und in Szene zu setzen. In vielen Fällen endete sein inszenierter Einsatz tödlich.

So auch im Fall Brigitte Arndt. Ihre Tochter Kathrin Lohmann tritt als Nebenklägerin im Prozess gegen Niels H. auf. An diesem Donnerstag bekommt sie erstmals so etwas wie Gewissheit.

"Dann war der Fall für mich erledigt"

Er habe sich nur an Patienten gewagt, "die an der Beatmung waren, also im Koma lagen und von denen keine Reaktion zu erwarten war", sagt Niels H. vor Gericht. "Die Patientin Brigitte Arndt wurde als ansprechbar gesehen", sagt der Vorsitzende Richter Sebastian Bührmann. Niels H. streitet das ab: Als er die Injektion setzte, sei dies nicht der Fall gewesen. Überhaupt habe er seine Opfer vorher immer noch einmal angesprochen - "zur Sicherheit", damit er nicht erwischt werde.

Niels H. sagt, er sei immer nach dem gleichen Muster verfahren: Er spritzte 30 bis 40 Milliliter Gilurytmal. Wenn sich auf dem Monitor neben dem Krankenbett keine Veränderung abzeichnete, ließ er von seinem Opfer ab. "Dann war der Fall für mich erledigt."

"Ich habe nie ein zweites Mal eine Situation provoziert", beteuert er und sagt zu seiner Motivation: "Es war eine Anspannung da, eine Erwartungshaltung, was jetzt gleich passiert."

In ruhigen, klaren Sätzen beantwortet der 38-Jährige die Fragen des Gerichts und die der Nebenklage-Vertreterin Gaby Lübben, Kathrin Lohmanns Anwältin. Lübben ist Vorsitzende der Opferschutzorganisation Weißer Ring in Delmenhorst und vertritt Angehörige von Patienten, die im Klinikum Delmenhorst in der Obhut von Niels H. standen.

"Es ist die Wahrheit"

Lübbens Verdienst ist es, dass die schlampige Arbeit der Ermittlungsbehörden ans Licht kam. Sie hatte im Auftrag Lohmanns jahrelang darum gekämpft, dass Brigitte Arndts Leichnam exhumiert wird und weitere Ermittlungen aufgenommen werden. Bislang weiß nur Niels H., wie viele Menschen durch sein Zutun sterben mussten.

Der Verdacht liegt nahe, dass er nicht nur am Klinikum Delmenhorst sein Unwesen trieb. Niels H. arbeitete auch im Klinikum Oldenburg, im Krankenhaus in Wilhelmshaven, beim Rettungsdienst und in einem Seniorenstift.

"Außerhalb von Delmenhorst gab es keine Fälle, wo ich manipuliert habe oder eine Situation provoziert habe", sagt er am Donnerstag.

"Es wäre fatal für Sie, wenn die Staatsanwaltschaft in zwei Jahren ermittelt, dass Ihre Aussage nicht stimmt", ermahnt ihn der Vorsitzende Richter. Das Klinikum Oldenburg nämlich hat in mindestens zwölf Fällen Niels H. im Verdacht.

"Ich bin mir der Tragweite meiner Antwort bewusst, habe lange darüber nachgedacht", sagt Niels H. "Es ist die Wahrheit."

"Die Zahlen, die Sie genannt haben, sind Mindestzahlen?", fragt der Vorsitzende.

"Sie sind nur geschätzt."

Anklage fordert lebenslange Haft

Das Versagen der Ermittlungsbehörden ist unerklärlich: Bereits 2005, als Niels H. erstmals in Verdacht geriet, hatte ein Oberarzt die Staatsanwaltschaft darüber informiert, dass es womöglich weit über hundert Verdachtsfälle gebe. Diese Hinweise wurden jedoch weitestgehend ignoriert. Lediglich die derzeit verhandelten fünf Fälle wurden damals ermittelt.

Erst durch die Hartnäckigkeit der Nebenklage hat die zwölfköpfige Sonderkommission "Kardio" während des Prozesses mit der Überprüfung sämtlicher Arbeitsstätten von Niels H. begonnen. Weitere Exhumierungen sind geplant.

Vorwürfe gegen Vertreter der Staatsanwaltschaft Oldenburg würden geklärt werden, kündigt Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann in ihrem Plädoyer an. Dasselbe gilt für Verantwortliche des Klinikums: Noch habe man nicht klären können, sagt sie, wie das Kontrollsystem des Klinikums Delmenhorst bei der Medikamentenbestellung funktioniert habe.

Erwiesen sei, dass Niels H. mit Hilfe von Gilurytmal Patienten in Lebensgefahr gebracht habe, "um sich in Szene zu setzen und ein gutes Gefühl zu verschaffen". Die Staatsanwältin fordert für Niels H. eine lebenslange Haftstrafe und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld.

Die verlangt auch Nebenklage-Vertreterin Lübben in ihrem Plädoyer. Sie spricht ihren Mandanten Respekt aus, dafür, dass sie der Hauptverhandlung "ganz ohne Hassgefühle" beigewohnt hätten.

Während ihres Vortrags hält sie Porträtfotos der Toten hoch, in der Hoffnung, dass Niels H. ihnen ins Gesicht blickte. Das erste zeigt Brigitte Arndt. Lübben spricht mit lauter Stimme: Brigitte Arndt sei Krankenschwester in einem Altenheim gewesen. Ihr Traum sei es gewesen, sich einen Mercedes 190 zu kaufen. Und dann eindringlich an Niels H. gerichtet: "Das ist Frau Arndt, der Sie das Leben genommen haben."

Niels H. wirft nur kurze Blicke in Richtung Nebenklage. Zuvor hatte er Kathrin Lohmann und die anderen anwesenden Hinterbliebenen noch direkt angesehen und mit selbstbewusster Stimme gesagt: "Mir ist vollkommen klar, dass das nicht entschuldbar ist, und dass das Strafmaß absolut gerechtfertigt ist, und es keine Alternative gibt. Den Angehörigen wünsche ich, dass ihnen mein Strafmaß und das Ende des Prozesses helfen, einen Schlussstrich zu ziehen." Kurze Pause. "Es tut mir wirklich leid."



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