Serienmord eines Krankenpflegers Die unfassbare Dimension des Falls Niels H.

Der Krankenpfleger Niels H. tötete offenbar Dutzende Patienten. Die schockierenden Erkenntnisse bringen auch die Kliniken in Erklärungsnot.

Niels H. (2015)
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Niels H. (2015)


Was die Staatsanwaltschaft Oldenburg am Mittwoch mitteilte, lässt das Blut in den Adern stocken: Der ehemalige Krankenpfleger Niels H., 39, hat offenbar weit mehr Patienten getötet, als ihm bisher nachzuweisen war. 27 bisher ungeklärte Todesfälle am Klinikum Delmenhorst habe er inzwischen "vollumfänglich und pauschal" zugegeben, sagte Oberstaatsanwältin Daniela Schiereck-Bohlmann.

Zudem haben die Ermittler nun offenbar schlüssige Beweise, dass Niels H. nicht nur im Klinikum Delmenhorst tötete, wohin er im Jahr 2002 wechselte, sondern dass er zuvor auch schon am Klinikum Oldenburg Patienten umbrachte. Bisher hatte H. nur Taten in Delmenhorst zugegeben.

Schlimm genug, was die Richter vom Landgericht Oldenburg in ihrem Urteil vom Januar 2015 schon gegen H. hatten feststellen müssen: Der ehemalige Pfleger habe Patienten dadurch in Lebensgefahr bringen wollen, dass er ihnen das nicht-indizierte Medikament Gilurytmal mit dem Wirkstoff Ajmalin verabreichte. Er tat dies im Wissen und in der Erwartung, dass es zu lebensbedrohlichen Herzrhythmusstörungen bis hin zum Kammerflimmern sowie zu Blutdruckabfall kommen werde. Sodann habe er mit seinen "seiner Ansicht nach sehr guten Kenntnissen" bei der Reanimation glänzen und sich in den Vordergrund spielen wollen.

99 ehemalige Patienten wurden exhumiert

H. gestand damals gegenüber dem psychiatrischen Sachverständigen Konstantin Karyofilis, rund 90 solcher Manipulationen im Klinikum Delmenhorst begangen zu haben. Bei bis zu 30 Kranken sollen die Reanimationsversuche nichts mehr genützt haben, die Patienten starben.

Die sterblichen Überreste mutmaßlicher Opfer konnten aber erst nach dem Prozess exhumiert und analysiert werden, daher konnte H. zunächst nur wegen zweifachen Mordes, zweifachen Mordversuchs und gefährlicher Körperverletzung verurteilt werden. Mehr war ihm nicht nachzuweisen. Die Kammer verhängte eine lebenslange Freiheitsstrafe und stellte die besondere Schwere der Schuld fest. Der Ex-Pfleger wird also auf alle Fälle länger als 15 Jahre in Haft sitzen müssen.

Nun sind 99 ehemalige Patienten des Klinikums Delmenhorst exhumiert worden, diejenigen möglichen Opfer des Niels H., die nicht feuerbestattet worden sind. Und bei 27 von ihnen wurden Rückstände des Herzmedikaments festgestellt.

Wie viele Patienten in Oldenburg Opfer vom Geltungsdrang des Niels H. wurden, ist noch nicht klar. Es bestehe dringender Tatverdacht in sechs Fällen, davon in vier Fällen wegen Kaliumvergiftung, sagte Oberstaatsanwältin Schiereck-Bohlmann. Niels H. jedenfalls hat gestanden, mehrere Patienten getötet zu haben, damals mit Kaliuminjektionen.

Verdächtige werden weggelobt

Der Fall erschüttert das Vertrauen, das Patienten Pflegern und Ärzten entgegenbringen müssen, wenn sie auf deren Behandlung und Fürsorge angewiesen sind. Er stellt aber auch das Verhalten der Klinikleitungen in frage: Niels H. hatte ohne Probleme vom Klinikum Oldenburg an das Klinikum Delmenhorst wechseln und dort sein kriminelles Tun fortsetzen können.

Eine auch in ähnlichen Fällen offenbar übliche Vorgehensweise: Gerät ein Mitarbeiter aus dem Pflegebereich in den Verdacht, seine Kompetenzen zu überschreiten, oder fällt er auf andere Weise durch absonderliches Verhalten auf, wird ihm die Kündigung nahegelegt. Aber nicht nur das: Das Ausscheiden wird ihm mit der Aussicht auf ein besonders gutes Zeugnis versüßt. Damit kann er sich dann bei der nächsten Klinik erfolgreich bewerben. Hauptsache, der gute Ruf des Krankenhauses, in dem der Mitarbeiter aufgefallen war, wird nicht beschädigt. Der neue Arbeitgeber bleibt zunächst einmal ahnungslos.

Der Oldenburger Polizeipräsident Johann Kühme äußerte entsprechend scharfe Kritik an den Verantwortlichen im Klinikum Oldenburg: Die hätten nicht die Polizei verständigt, obwohl H. dort ebenfalls im Zusammenhang mit Reanimationen und Todesfällen aufgefallen sei. Anscheinend habe man das Ansehen der Klinik höher bewertet als das Wohl der Patienten.

Begründet wird eine solches Entgegenkommen gegenüber Mitarbeitern, die man loswerden will, oft mit dem Datenschutz, der es nicht erlaube, einen Arbeitnehmer in ein zweifelhaftes Licht zu rücken. Oder man mag schlicht nicht "petzen". Junge, unerfahrene Mitarbeiter wagen es nicht, einen möglicherweise besonders tüchtigen älteren Kollegen zu verdächtigen. Das zeigte sich bereits in etlichen Strafprozessen, in denen es um Patiententötungen ging.

Morde hätten wohl verhindert werden können

Warum schrillen nicht die Alarmglocken, wenn es zur Dienstzeit eines bestimmten Mitarbeiters gehäuft zu Todesfällen kommt? Wenn über einen "Todesengel" gewitzelt wird?

In den Jahren, in denen H. auf der Intensivstation in Delmenhorst arbeitete, schnellten die Zahlen in die Höhe. "Zwischen 2000 und 2002 hatten wir fünf bis sechs Prozent Todesfälle pro Jahr; 2003/2004 waren es plötzlich an die zehn Prozent", sagte ein früherer Oberarzt als Zeuge vor dem Gericht in Oldenburg. Das fiel erst auf, als es schon zu spät war.

Kaum nachvollziehbar ist es auch, dass Medikamentenausgabe und -verbrauch nicht längst strenger kontrolliert werden. Denn der Fall Niels H. ist keineswegs der erste dieser Art. Es gab einen Krankenpfleger und eine Schwester in Wuppertal, einen in Bielefeld, einen weiteren in Sonthofen, die Schwester an der Charité und so fort. In München steht eine Hebamme vor Gericht, die Kaiserschnitt-Patientinnen Heparin verabreicht haben soll, sodass diese Frauen fast verbluteten.

"Es spricht viel dafür", so Polizeichef Kühme, "dass die Morde in Delmenhorst hätten verhindert werden können." Nun ermittle die Staatsanwaltschaft auch gegen acht frühere Klinikverantwortliche aus Delmenhorst und Oldenburg wegen Totschlags durch Unterlassen.

Wegen mutmaßlich weiterer Tötungsdelikte wird sich Niels H. nun in einem weiteren Prozess verantworten müssen, auch wenn sich am Strafausspruch des Oldenburger Gerichts aus dem Jahr 2015 nichts ändern wird. Doch die Angehörigen der Opfer haben ein Recht darauf zu erfahren, wie und durch wen die Patienten gestorben sind. Und die Fragen nach Entschädigungen für die Angehörigen der Opfer werden nicht lange auf sich warten lassen.

Lebenslang für Ex-Krankenpfleger

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