Krawalle in Großbritannien: "Herr der Gangs" soll die Insel befrieden

In Sicherheitskreisen gilt er als lebende Legende: Der frühere Polizeichef von New York, Boston und Los Angeles soll für Frieden in Großbritannien sorgen. Doch die dortigen Beamten sind alles andere als erfreut über die unverhoffte Schützenhilfe aus den USA.

Krawalle in Großbritannien: Auftritt des Top-Cops Fotos
AP

London - Nach den tagelangen Krawallen in Großbritannien setzt die Regierung jetzt auf Expertenhilfe aus den USA. Premierminister David Cameron bat den früheren New Yorker Polizeichef Bill Bratton um Unterstützung im Kampf gegen die marodierenden Gangs.

Bratton, der in New York maßgeblich das Prinzip der "zero tolerance" ("Null Toleranz") durchgesetzt und damit einen Rückgang der Kriminalität erreicht hatte, soll im Herbst zu mehreren Sitzungen von Scotland Yard nach Großbritannien reisen, wie die Regierung in London bestätigte. Bratton werde dafür nicht bezahlt, hieß es.

In der "New York Times" warnte Bratton am Samstag, allein mit Verhaftungen werde sich das Problem nicht lösen lassen. "Es bedarf zahlreicher Interventionen, Präventionsstrategien und -techniken." Nötig sei ein robustes, aber in den Vierteln verankertes Vorgehen der Polizei, um die Bandenkultur zu zerstören. Er werde prüfen, welche Methoden aus den USA in Großbritannien angewendet werden könnten, sagte Bratton, der auch die Polizei in Boston und Los Angeles führte.

"Warum fragt der Premier nicht uns?"

Die Vereinigung hoher britischer Polizeibeamter kritisierte den Einsatz des Amerikaners. Die einheimische Polizei verstehe die Gesetzeslage in ihrem Land sehr viel besser und sei absolut in der Lage, ihre Regierung zu beraten, hieß es unter anderem von der Association of Chief Police Officers. "Warum fragt der Premierminister nicht uns?"

Nach den schweren Krawallen, die vor rund einer Woche in London ausgebrochen waren und sich von dort in andere englische Städte ausbreiteten, hatte es Kritik an der Polizei gegeben. So soll sie nicht schnell genug reagiert und zunächst zu wenige Beamte auf die Straßen geschickt haben. Bei den Unruhen waren fünf Menschen gestorben. An Häusern und Geschäften entstand Millionenschaden.

Die Interessenvertretung der Londoner Polizei, die Metropolitan Police Federation, schimpfte unterdessen über die geplanten Kürzungen. Es passe nicht zusammen, dass Cameron mit harter Hand gegen mögliche Randalierer vorgehen und gleichzeitig der Polizei Geld nehmen wolle, sagte ein Sprecher. In Zukunft werde man weniger statt mehr Polizisten auf der Straße sehen.

1600 Randalierer festgenommen

In Großbritannien wurden seit Beginn der Randale vor einer Woche landesweit mehr als 2100 mutmaßliche Randalierer festgenommen, davon fast 1300 in London. Zahlreiche Krawallmacher sind bereits verurteilt, die Gerichte arbeiteten in den vergangenen Tagen ohne Unterlass. In der Hauptstadt wurden mehr als 740 Personen angeklagt. Auslöser der Ausschreitungen war der Tod eines vierfachen Familienvaters bei einem Polizeieinsatz im Londoner Stadtteil Tottenham.

Angesichts einer massiven Aufstockung von Polizisten und wegen schlechten Wetters blieb es seit Mittwochnacht zwar ruhig. Die Sicherheitskräfte sind aber weiter mit einem massiven Aufgebot in den Städten des Landes präsent. In London waren 16.000 Beamte im Einsatz. Sorge bereitete unter anderem der Saisonauftakt der englischen Fußballliga. Das Spiel zwischen Tottenham und Everton am Samstagnachmittag wurde aus Sicherheitsgründen verschoben.

Cameron bekräftigte unterdessen, dass Plünderern staatliche Leistungen entzogen werden sollten. Wer "seine eigene Gemeinde ausraubt und ausplündert", solle nicht länger das Recht haben, in Sozialwohnungen zu leben, sagte er dem Fernsehsender BBC. 160.000 Briten haben bereits eine Online-Petition unterzeichnet, die fordert, allen wegen Beteiligung an den Unruhen Verurteilten staatliche Leistungen zu streichen.

Regierung erwägt Nachrichtensperre

Menschenrechtsaktivisten äußerten jedoch Kritik an dem von der Regierung angekündigten harten Vorgehen. Es sei verständlich, dass die jüngsten Ereignisse zu Forderungen nach härteren Maßnahmen geführt hätten, sagte Isabelle Sankey von der Menschenrechtsgruppe Liberty. Gleichwohl könnten reflexartige Aktionen "mehr Probleme verursachen, als sie lösen".

Die britische Regierung hatte nach den verheerenden Ausschreitungen in zahlreichen Städten ein verschärftes Vorgehen der Behörden gegen Plünderer und Gewalttäter angekündigt. Besonders kontrovers wird eine Äußerung Camerons diskutiert, wonach die Regierung, Geheimdienste und die Kommunikationsindustrie beraten sollten, ob es bei Unruhen nötig sein könnte, den Gebrauch von Mobilfunk- und Nachrichtenübermittlungsdiensten sowie die Kommunikation über soziale Netzwerke im Internet zu unterbrechen.

Noch am Samstagnachmittag sollte ein junger Mann vor Gericht erscheinen, der in einem besonders aufsehenerregenden Fall während der Krawalle einen Studenten aus Malaysia ausgeraubt hatte. Der Vorfall war gefilmt, das Video im Fernsehen gezeigt und im Internet millionenfach angeschaut worden. Es zeigt, wie eine Gruppe junger Männer dem Studenten, dem der Kiefer gebrochen wurde, zunächst anscheinend hilft, dann aber seelenruhig seinen Rucksack leert. Premier Cameron hatte den Vorfall als "ekelerregend" bezeichnet.

jdl/dpa/AFP/dapd

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Forum - Was steckt hinter den Krawallen in Großbritannien?
insgesamt 208 Beiträge
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    Seite 1    
1. Hinter ihrer Fassade brauchen Menschen oftmals Hilfe
roterschwadron 13.08.2011
Zitat von sysopLangsam kehrt wieder Normalität in den beschädigten Stadtteilen von London, Birmingham und Liverpool ein, doch die Toten und der große Schaden werfen weiter Fragen auf. Nach vielen Kommentaren, Analysen und Meinungen der Betroffenen konnten noch nicht alle beantwortet werden. Was steckte hinter den Krawallen in Großbritannien?
Gegenfrage: was steckt in David Camerons Gehirn?
2. Dekadenz
kyon 13.08.2011
Zitat von sysopLangsam kehrt wieder Normalität in den beschädigten Stadtteilen von London, Birmingham und Liverpool ein, doch die Toten und der große Schaden werfen weiter Fragen auf. Nach vielen Kommentaren, Analysen und Meinungen der Betroffenen konnten noch nicht alle beantwortet werden. Was steckte hinter den Krawallen in Großbritannien?
Die Krawalle sind die dekadenten Folgen einer freien und materialistischen Wohlstandgesellschaft in Verbindung mit ungelösten interkulturellen Konflikten.
3. ...
McMacaber 13.08.2011
"Warum fragt der Premier nicht uns?" ja, warum nur?
4. .
raka 13.08.2011
Zitat von sysopWas steckt hinter den Krawallen in Großbritannien?
Dahinter steckt die Entzauberung der großen Lebenslüge vom Funktionieren der 'multikulturellen Gesellschaft'. Es wurde ja in den letzten Tagen allerhand Edles hinter den Unruhen gemutmaßt, einige wunderten sich sogar, was aus dem "disziplinierten Engländer" geworden sei, der sich doch immer so "geduldig am Ende der Schlange an der Bushaltestelle einreiht". Die Realität ist ernüchternd, so wie Realität eigentlich immer ernüchternd ist, wenn sie mit voller Wucht auf die Träumer trifft. Hier ein Artikel aus der WELT über die Verfahren gegen die Plünderer: "Krawalle in Grossbritannien - Die meisten Angeklagten bestätigen alle Klischees". >>> http://www.welt.de/politik/ausland/article13542760/Die-meisten-Angeklagten-bestaetigen-alle-Klischees.html
5. .
Zavi85 13.08.2011
"Menschenrechtler äußerten jedoch Kritik an dem von der Regierung angekündigten harten Vorgehen." Ach nein, wer hätte denn das jetzt erwartet. Wieder mal wird zum Schutz der Täter augerufen. Es ist ja nicht so als hätte die Polizei einfach aus Jux und Tollerei einen anderen Kurs gewählt. Es bestand einfach keine Alternative.
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