Krebspatientin Madame Sébire darf nicht sterben

Der letzte Wunsch, den sie noch hat, bleibt ihr versagt: Chantal Sébire darf nicht selbstbestimmt sterben. Die Französin hat Krebs, ihr Gesicht wurde von der Krankheit zerfressen, sie hat unerträgliche Schmerzen. Heute entschied ein Gericht: Die 52-Jährige muss weiter leiden.


Paris - Hat Chantal Sébire Aussicht auf einen würdevollen Tod? Hat sie gar ein Recht darauf? Vor allem: Dürfen andere ihr, der Schwerstkranken und vom Krebs entstellten Frau, beim Sterben helfen?

Chantal Sébire am 26. Februar in Plombières-les-Dijon: "Wenn ich die Medikamente hier nicht bekomme, werde ich sie mir woanders holen."
AFP

Chantal Sébire am 26. Februar in Plombières-les-Dijon: "Wenn ich die Medikamente hier nicht bekomme, werde ich sie mir woanders holen."

Letzteres beschied heute ein Gericht im französischen Dijon mit einem klaren Nein: Sébires Antrag auf aktive Sterbehilfe wurde abgelehnt, teilte der Anwalt der 52-jährigen früheren Lehrerin mit.

"Das Gesetz ist unmenschlich und meine Mandantin tief enttäuscht", sagte Anwalt Gilles Antonowicz der Presse.

Sébire leidet seit acht Jahren an einer sehr seltenen und unheilbaren Tumorerkrankung, einem Ästhesioneuroblastom. Die Medizin kennt nur einige hundert Fälle weltweit. Der Krebs nahm in Sébires Nasenhöhle seinen Anfang, wucherte ins Gesicht, zerfraß ihre Nase, ihren Oberkiefer, sie erblindete. Da sie im Verlauf der Krankheit eine Morphium-Allergie entwickelte, kann sie gegen die unerträglichen Schmerzen lediglich Aspirin nehmen. Es ist ein Leben unter Qualen und Schmerzen, ein Leben, das Chantal Sébire nicht mehr will.

"Als wenn Nadelspitzen tief in die Augen stechen"

Da in Frankreich aktive Sterbehilfe verboten ist, stellte Sébire beim "Tribunal de Grande Instance" in Dijon den Antrag auf eine Ausnahmeregelung: Sie forderte für ihren Arzt das Recht, "mir eine tödliche Substanz auszuhändigen, die ich einnehme, wenn ich es für richtig halte".

Doch die Richter entschieden anders: Sébires Antrag stehe im Widerspruch zur Verpflichtung der Ärzte, Leben zu retten, und auch im Widerspruch zum Strafrecht, das Sterbehilfe unter Strafe stellt, hieß es in der Begründung.

Für Sébire ein erneuter Rückschlag in einer mittlerweile acht Jahre währenden Leidensgeschichte.

"Alles begann vor acht Jahren mit Nasenbluten", erzählte Sébire rückblickend in einem Fernsehinterview. Sébires jüngste Tochter Mathilde war damals gerade fünf Jahre alt.

Der Krebs wütete unaufhaltsam, Heilungsmöglichkeiten gibt es nicht. "Vor sechs Jahren habe ich zuerst den Geschmacks- und Geruchssinn verloren", schilderte Chantal Sébire mit ruhiger Stimme. Anschließend griff der Tumor ihren Kiefer an, fraß sich dann in die Augenhöhlen. "Im Oktober 2007 verlor ich schließlich das Augenlicht. Dazu kommen grauenhafte Schmerzen. Es fühlt sich an, als wenn Nadelspitzen tief in die Augen stechen."

Sébires Leiden: Schlimmste Schmerzen, Morphium-Allergie

"Ich bekämpfe meine Schmerzen mit einfachem Aspirin. Inzwischen habe ich keinen Oberkiefer mehr. Nur Gott weiß, wie meine restlichen Zähne noch halten. Seit acht Jahren kämpfe ich gegen die Krankheit. Ich will auf keinen Fall, dass der Tumor das letzte Wort hat."

Im Streit um Sterbehilfe stehen Sébire im katholischen Frankreich mächtige Gegner gegenüber. Da ist zum einen die Kirche, die ihren Gläubigen kategorisch jede Hilfestellung im Sterbeprozess verbietet. Auch gesetzlich ist Sterbehilfe verboten, wenn auch das Verbot vor drei Jahren etwas gelockert wurde - Ärzte dürfen immerhin lebensverlängernde Maßnahmen absetzen, wenn der Patient dies wünscht. Eine Modifikation, die Chantal Sébire nicht hilft.

Chantal Sébire wandte sich mit einem offenen Brief an Staatspräsident Nicolas Sarkozy - hatte der nicht nach seinem Wahlsieg im Mai 2007 "allen Franzosen, die vom Leben zerbrochen wurden", Hilfe und Unterstützung zugesagt?

"Monsieur le Président, helfen Sie mir zu sterben!" lautete Sébires Appell an Sarkozy, was die 52-Jährige Ende Februar endgültig zur bekanntesten Patientin Frankreichs machte.

Chantal Sébire weiß, dass ihr deformiertes Gesicht ihre stärkste und schrecklichste Waffe ist. Wenn man sie anschaut, versteht man, dass diese Frau ihr Leben nicht mehr leben möchte.

Sieben Neurochirurgen hat Chantal Sébire in den letzten Jahren aufgesucht, aber nur zwei waren überhaupt bereit, sie zu untersuchen. Beide bestätigten die unheilbare Krebserkrankung. Keine Hilfe möglich, weder mit Medikamenten noch mit Operationen oder Bestrahlung.

Die Macht der Bilder

Ihr Hausarzt Emmanuel Debost erklärte im Fernsehen, dass er die Leiden seiner Patientin "wegen der Gesetzeslage" nicht abkürzen könne. "Mein Gewissen gebietet mir, ihr zu helfen", sagte Debost, "aber ich kann keine Gefängnisstrafe riskieren."

Auch Nicolas Sarkozy meint, nicht helfen zu können. "Der Präsident ist sehr erschüttert", ließ er von einem Sprecher ausrichten. Doch Sarkozy, für den die Überzeugung von der Macht der Bilder Dreh- und Angelpunkt seiner Politik ist, wird auch angesichts der Fotos von Chantal Sébire nicht aktiv. "Er will sich nicht in die Diskussion einschalten", sagte ein Mitarbeiter.



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