Neue Ermittlungen zum Kreuzworträtselmord "Es ist genau so geschehen"

Matthias S. tötete 1981 einen Jungen - ausgefüllte Kreuzworträtsel überführten ihn. Nun gesteht seine damalige Freundin in einem Buch, sie habe beim Entsorgen der Leiche geholfen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wieder in dem Fall, der längst als abgeschlossen galt.

Aus der ARD-Serie "Die großen Kriminalfälle": Beispielloses Verbrechen in der DDR
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Aus der ARD-Serie "Die großen Kriminalfälle": Beispielloses Verbrechen in der DDR

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In Kapitel 22, Seite 107, bricht Kerstin Apel ihr Schweigen. Detailliert beschreibt sie in ihrem Buch "Der Kreuzworträtselmord - Die wahre Geschichte", was am 15. Januar 1981 geschah. Es ist der Tag, an dem ihr damaliger Freund Matthias S. einen sieben Jahre alten Jungen tötet. Sie wolle nach mehr als drei Jahrzehnten "ihre eigenen traumatischen Erfahrungen als Zeugin dieses schrecklichen Verbrechens verarbeiten", sagt die 49-Jährige.

Die Ermittlungen sind beispiellos in der Kriminalgeschichte der DDR: Zwei Wochen nach dem Verschwinden des Jungen findet ein Wärter an der Bahnstrecke Halle-Leipzig, Streckenkilometer 107,4, den sieben Jahre alten Lars Bense tot in einem braunen Reisekoffer. Der Junge war sexuell missbraucht worden. Seine Leiche wies Spuren stumpfer Gewalt und Stichverletzungen auf. Der Koffer war ausgestopft mit Zeitungspapier - und ausgefüllten Kreuzworträtseln.

Kampfplatz: Arena.

Nebenfluss der Wolga: Moskwa.

Tierprodukt: Ei.

Die ausgefüllten Kästchen sind die einzige Spur auf den Täter.

Die Volkspolizei vermutet einen Serientäter, durchwühlt 60 Tonnen Altpapier nach Zeitungen mit Kreuzworträtseln und holt insgesamt 551.198 Schriftproben in Halle-Neustadt ein. Auch die Stasi mischt mit. Nach zehn Monaten werden die Ermittler in Block 398 fündig: Die Schrift der Bewohnerin ist identisch mit der in den Rätselkästchen aus dem Koffer. Der Täter ist der Freund ihrer Tochter.

Im Vorwort ihres Buches schreibt Kerstin Apel, es handele sich um einen Roman, dessen Handlung teils auf "tatsächlichen Ereignissen" beruhe, teils "frei erfunden" sei. Der Geschäftsführer des Thüringer Sutton Verlags, Sebastian Thiem, sagt jedoch, bezugnehmend auf den Mordfall: "Das, was sie schreibt, ist wahr. Es ist so geschehen."

Doch die Schilderungen im Buch unterscheiden sich von der Version der Geschichte, die Kerstin Apel 1981 den Polizisten in Vernehmungen schilderte. Daher ermittelt nun die Staatsanwaltschaft Halle erneut in dem Fall, der längst abgeschlossen schien.

Im Buch kommt Kerstin Apel an jenem Januartag 1981 vom Mitteldienst nach Hause. Früher als sonst. Sie ist 18 Jahre alt, Restaurantfachkauffrau. Es sei "der schrecklichste Tag" in ihrem Leben gewesen, schreibt sie. In der Wohnung ihrer Mutter trifft sie auf ihren Freund, auch er ist 18 Jahre alt - im Buch heißt er nicht Matthias S., sondern Sven G. "Wie soll ich es dir bloß sagen, na ja, also, ich hab's eben getan. So, jetzt ist es raus", habe dieser gestammelt.

"Irgendwie lebt er noch, aber nicht mehr richtig"

In epischer Breite schildert Apel den Dialog zwischen ihr und ihrem Freund. "Ich hab einen kleinen Jungen mit in die Wohnung genommen. Ich konnte einfach nicht anders, er war so niedlich, irgendwas ist da über mich gekommen, ich musste ihn um alles in der Welt mitnehmen", habe er gesagt. Die Essecke sei voller Blutspritzer gewesen. "Irgendwie lebt er noch, aber nicht mehr richtig, ach, ich weiß nicht, du siehst ja, wie es hier aussieht."

Kurz darauf soll ihr Freund gesagt haben: "Ich versuche ihn erst einmal ins Herz zu stechen, vielleicht bekomme ich ihn dann tot." Dann sei ihr Freund im Badezimmer verschwunden, in dem er den sterbenden Jungen zuvor abgelegt hatte.

Als sie aus der Wohnung habe stürzen wollen, habe ihr Freund sie festgehalten. "Ich geh doch nicht wegen so einem Gör ins Gefängnis!", habe er sie angebrüllt. Mit verbundenen Augen habe sie später im Badezimmer einen Plastiksack aufhalten und dem Täter assistieren müssen. Der habe das tote Kind in den Koffer gepackt.

Gemeinsam verlassen sie ihren Angaben nach mit dem Koffer das Haus, schleppen ihn zum Bahnhof und steigen dort in einen Zug Richtung Leipzig. Während der Fahrt habe Matthias S. den Koffer aus einem Fenster geworfen, in Leipzig seien sie dann wieder in einen Zug zurück nach Halle gestiegen.

Am 17. November 1981 wurde Matthias S. in Friedrichroda festgenommen. Kerstin Apel schwieg, tat gegenüber den Ermittlern so, als sei sie an jenem 15. Januar nicht früher als sonst nach Hause gekommen. Im Buch schreibt sie: "Sven hatte mich all die Monate lang so unter Druck gesetzt, dass die Angst tief in mir saß." Sie geriet nicht in Verdacht.

Bis zur Veröffentlichung ihres Buches. "Mord verjährt nicht", sagte am Freitag Staatsanwalt Klaus Wiechmann, das gelte auch für Mittäterschaft oder Beihilfe. "Eine Person kann auch Mittäter sein, ohne selbst zu töten." Im Fall Kerstin Apel liege ein Anfangsverdacht vor. "Nun muss geklärt werden, inwieweit sie ihrem damaligen Freund geholfen hat, um ihn zu schützen."

"Sie ist Opfer"

Die Ermittler rätseln: Warum kommt die Frau nach 32 Jahren auf die Idee, so über die Tat zu berichten? "Vielleicht ist es eine Art künstlerische Freiheit, vielleicht will sie auch nur den Verkauf ihres Buches ankurbeln - vielleicht will sie sich aber auch erleichtern", sagt einer.

Vielleicht ist es auch eine Mischung aus allem. Die erste Auflage von 3000 Exemplaren ist bereits ausverkauft. Vor und auf der Leipziger Buchmesse im März sind fünf Lesungen mit der Autorin geplant. Im Moment erhole sie sich von einer Operation, aber sie stelle sich der Öffentlichkeit, sagt Sebastian Thiem, Geschäftsführer des Thüringer Sutton Verlags. "Wir wussten um die Brisanz des Falles." Kerstin Apel habe sich im Vorfeld juristisch beraten lassen und sei abgesichert.

Kerstin Apel habe eine "Grenzerfahrung" erlebt, so der Verlagschef. "Sie wird fälschlicherweise als Mittäterin hingestellt, sie ist Opfer und hat unter dem Trauma gelitten, dem sie sich nun stellt."

Ihr Freund wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe mit gleichzeitiger Aberkennung der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Im Prozess sagte er, er hege seit langem Tötungsphantasien. Da er zur Tatzeit erst 18 Jahre alt war wurde das Verfahren nach der Wende wieder aufgenommen. Matthias S. wurde 1992 zu zehn Jahren Jugendstrafe mit anschließender Einweisung in die Psychiatrie verurteilt, seit 1999 lebt er in Thüringen.

Kerstin Apel sah ihn zuletzt im Gerichtssaal. "Ich konnte nicht anders, ich musste einfach zu ihm hinschauen", schreibt sie im Buch. " Er sah ganz anders aus, fürchterlich aufgequollen, was angeblich an den Medikamenten lag, die er nehmen musste. (...) Ich weiß nicht, ob er überhaupt gemerkt hat, dass ich da war. Es war das letzte Mal, dass ich ihn gesehen habe. Diesen Menschen will ich nie wieder sehen."

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insgesamt 21 Beiträge
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Seite 1
heinz4444 08.02.2013
1.
Was mir besonders unangenehm aufstösst ist die Tatsache,dass hier eine Beteiligte zusammen mit einem Verlag versuchen,aus dem schrecklichen Tod des unschuldigen Jungen Kapital zu schlagen. Da wird sich bald der Täter auch noch mir seiner Biographie zu Wort melden,oder in einer Boulevard Zeitung seine Sicht gegen Honorar darbieten.
katy 08.02.2013
2. Künstlerische Feder oder Beihilfe zum Mord , persönliche Verarbeitung
Gebettet auf einer realen Tragödie wie sie schlimmer für eine Mutter nicht sein kann.
germanvirgin 08.02.2013
3. Frauen
werden in Deutschland doch mit Samthandschuhen angefasst. der wuerde so oder so nix passieren. Also was soll die ganze Aufregung
mckabo 08.02.2013
4. Bitte nicht kaufen
Ich bin schockiert! In diesem Buch beschreibt eine Frau die Tötung eines kleinen Jungen im Badezimmer ihrer Mutter, durch ihren Freund und in ihrer Gegenwart. Danach habe sie unter Zwang und mit verbundenen Augen den Müllsack aufgehalten in den die Leiche des kleinen, minderjährigen und vergewaltigten Jungen gestopft wurde. Abscheulich und grausam nenne ich die Tat von damals aber abscheulich und grausam nenne ich auch den Versuch von Frau Kerstin Apel mit diesem Buch auch noch Kasse zu machen. Dies ist nicht ein fiktiver Horrorroman und auch nicht die Geschichte eines Opfers, nein es ist die Geschichte einer Frau die im einfachsten Fall nur untätig daneben Stand als dieser Junge seinen letzten Atemzug machte, im schlimmsten Fall dass eines Täters. Noch mehr erschreckt mich aber die Tasache, dass es Menschen und Institutionen gibt die aus Neugierde, journalistischem Interesse oder auch aus Gefallen die ersten 3000 Exemplare schon gekauft haben und das es nicht die Letzten Exemplare sein werden. In was für einer Gesellschaft leben wir in der wir zu unseren eigenen Unterhaltung das Leiden anderer Meschen so subventionieren. Gestern Dschungelcamp heute das Buch von Kerstin Apel und morgen? Öffentliche Hinrichtungen im Zuge von Altrömischen Gladiatorkämpen? Armes Deutschland wenn dieses Buch noch zum Bestseller mutiert
pauschaltourist 08.02.2013
5.
Zitat von sysopMDRMatthias S. tötete 1981 einen Jungen - ausgefüllte Kreuzworträtsel überführten ihn. Nun gesteht seine damalige Freundin in einem Buch, sie habe beim Entsorgen der Leiche geholfen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt wieder in dem Fall, der längst als abgeschlossen galt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/kreuzwortraetselmord-in-der-ddr-ex-freundin-kerstin-apel-schreibt-buch-a-882306.html
Falsch formuliert - nach der Wende wurde der Täter nachträglich zu 10 Jahren Jugendstrafe verurteilt, also direkt in die Psychiatrie überstellt, da er diese 10 Jahre bereits in Haft verbracht hatte. Denn nach BRD-Strafrechtslogik werden volljährige Täter unter 21 Jahren in der Regel nun einmal wie Jugendliche behandelt und entsprechend privilegiert. Aus der Psychiatrie wurde er dann nach wenigen Jahren als "geheilt" entlassen. Bleibt nur zu hoffen, dass im Nachwendechaos die Kriminalpolizeibehörden am neuen Wohnort des Mörders Kenntnis über den nun mit neuen Namen versehenen Täter bekamen.
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