Kriegsverbrechen Der alte Mann, ein Prozess und der Tod

Drei unschuldige Menschen hat der SS-Sturmmann Heinrich Boere im Zweiten Weltkrieg ermordet. Unbehelligt von der Justiz lebte der 86-Jährige bislang in einem nordrhein-westfälischen Seniorenheim. Doch jetzt hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen ihn erhoben.

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Hamburg - Mit der Ruhe in Appartement 133 einer Seniorenresidenz im nordrhein-westfälischen Eschweiler ist es vorerst vorbei. Seitdem das Aachener Landgericht am Dienstag die Mordanklage gegen den 86-jährigen Heinrich Boere erhalten hat, wollen viele den hier lebenden früheren SS-Sturmmann sprechen. Umgekehrt ist das nicht so. "Lassen Sie mich in Ruhe", lässt der Senior, der sich seit einigen Tagen zu einer Routineuntersuchung im Krankenhaus befindet, über einen Pfleger ausrichten.

Früherer SS-Mann Boere: "Vollkommener Blödsinn"
AP / Eric Brinkhorst

Früherer SS-Mann Boere: "Vollkommener Blödsinn"

Im vergangenen Sommer noch war Boere indes einer Plauderei durchaus nicht abgeneigt. Der Zweite Strafsenat des Oberlandesgerichts (OLG) Köln hatte gerade beschlossen, den dreifachen Todesschützen vor einer Haftstrafe zu bewahren, und der Bergarbeiter im Ruhestand gab sich auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE zwar schroff, aber wenig wortkarg: "Was damals passiert ist, interessiert mich nicht mehr", so Boere. "Ich bin alleine, ich habe nicht mehr lange zu leben und warte nur noch auf den Tod."

Jetzt sieht es allerdings so aus, als zwängte sich noch ein Prozess zwischen den alten Mann und das Ende. Wie ein Aachener Gerichtssprecher sagte, prüft die 1. Schwurgerichtskammer, ob sie ein Verfahren gegen den Rentner eröffnen wird.

"Ich denke schon, dass es dazu kommen wird", so Boeres Verteidiger, der Kölner Rechtsanwalt Gordon Christiansen, zu SPIEGEL ONLINE. Jedoch seien noch umfangreiche medizinische Untersuchungen seines Mandanten nötig, schließlich könne der sich inzwischen nur noch mit einem "Rollator" fortbewegen. "Aber man wird versuchen, das hinzukriegen. Notfalls wird eben nur wenige Stunden am Tag verhandelt."

"Germanische SS in den Niederlanden"

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE konnte die Dortmunder Staatsanwaltschaft, als nordrhein-westfälische Zentralstelle für die Bearbeitung von NS-Massenverbrechen zuständig, in ihrer Anklage auch einen noch lebenden Zeugen für die Untaten Boeres benennen. Der damalige Angehörige der "Germanischen SS in den Niederlanden" hatte im Kriegsjahr 1944 gleich drei unschuldige Zivilisten erschossen.

Wie mehrere niederländische und deutsche Gerichte übereinstimmend erkannt haben, tötete Boere jeweils gemeinsam mit einem Kameraden heimtückisch den Apotheker Bicknese in Breda, den Fahrradhändler Teunis de Groot in Voorschoten und Herrn Kusters in Wassenaar. Die SS-Schergen, ausgestattet mit der Lizenz zum Morden, nutzten dabei nach Ansicht der Gerichte die Arg- und Wehrlosigkeit der überraschten und unbewaffneten Männer aus. Die Racheengel der Besatzer kamen, feuerten und verschwanden - kaltblütig, hinterlistig, tödlich.

Boere, Sohn eines niederländischen Vaters und einer deutschen Mutter, war "ein Fanatiker", wie er SPIEGEL ONLINE sagte. Ende 1940 hatte sich der damals 18-Jährige, wie aus dem Beschluss des OLG Köln hervorgeht, freiwillig zur Waffen-SS gemeldet und fast zwei Jahre lang an der Ostfront gekämpft. 1942 kehrte er in die besetzten Niederlande zurück, wo er dem etwa 15 Mann starken SS-Sonderkommando "Feldmeijer" zugeteilt wurde.

Codewort "Silbertanne"

Diese Henkerstruppe hatte den unmittelbar auf Hitler zurückgehenden und als "Geheime Reichssache" eingestuften Auftrag, jeglichen aufkeimenden Widerstand in den besetzten Niederlanden durch wahllose Erschießungen zu brechen. Kam es zu Anschlägen der Untergrundkämpfer gegen Deutsche oder gegen Kollaborateure, setzte der Höhere SS- und Polizeiführer Hanns Albin Rauter umgehend mit dem Codewort "Silbertanne" sein Mordkommando in Bewegung. Boere und seine Kameraden zogen los und erschossen die zuvor bestimmten Zivilisten, wie die Gerichte festgestellt haben. Demnach fielen mindestens 54 Niederländer den "Silbertanne"-Mördern zum Opfer.

"Es wurde darauf geachtet, dass es sich um Personen handelte, die in unmittelbarer Umgebung des Attentatsortes wohnten und von denen man zumindest annahm, dass sie mit Widerständlern in Verbindung standen, dass sie mit ihnen sympathisierten oder dass sie antideutsch eingestellt waren", hielt das OLG Köln fest.

Doch Mordbube Boere wählte nicht aus, er drückte nur ab: "Wir kannten die Männer nicht. Der Sicherheitsdienst der SS gab uns die Namen und wir machten uns auf den Weg", sagte Boere SPIEGEL ONLINE. "Man sagte uns, es handele sich um Partisanen, um Terroristen. Wir dachten, wir täten das Richtige."



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