Kriegsverbrecher-Verfahren "Er machte fertig, wen er zu fassen bekam"

"Er verbreitete Furcht und Terror", so beschrieb ein Zeitzeuge den früheren SS-Mann Siert B. Von Montag an steht der 92-Jährige wegen Mordes vor dem Landgericht Hagen. Er soll 1944 einen niederländischen Widerstandskämpfer erschossen haben.

Undatiertes Bild von Siert B.: Unauffälliges Leben in der Provinz
AP/ Yad Vashem Archives

Undatiertes Bild von Siert B.: Unauffälliges Leben in der Provinz

Von , Düsseldorf


Siert B. war ein Fanatiker, einer der Verblendeten. Aufgewachsen in einer Familie niederländischer Faschisten meldete er sich mit 20 Jahren freiwillig zur Waffen-SS. Das war 1941. Nach einem Einsatz an der Ostfront versetzte man den SS-Unterscharführer zurück in die Heimat, in den Grenzposten des SS-Sicherheitsdienstes nach Delfzijl bei Groningen.

Dort habe B. "Furcht und Terror" verbreitet, erinnerte sich der Zeitzeuge Max van Diedenhoven. Widerstandskämpfer beschrieben B. als skrupellosen Gewalttäter: "Er machte fertig, wen er zu fassen bekam." Jetzt muss Siert B. vor Gericht, er ist inzwischen 92 Jahre alt.

Als Hersteller von Jägerzäunen lebte Siert B. in der nordrhein-westfälischen Provinz lange Zeit ein Leben, das unauffälliger kaum hätte sein können. Die Staatsanwaltschaft Dortmund wirft dem Rentner inzwischen Mord vor. Am 21. September 1944 soll B. den angeblichen holländischen Widerstandskämpfer Aldert Klaas Dijkema erschossen haben.

"Arg- und wehrlos"

Damals hatte ein Kommando der Grenzpolizei, bei der Siert B. diente, Dijkema auf dem Bauernhof seiner Eltern festgenommen. B. und sein Vorgesetzter August N. hätten ihr Opfer in einen Wagen verfrachtet, so die Ankläger, und ihn auf das Gelände einer stillgelegten Fabrik gebracht. Dort habe Dijkema das Auto verlassen müssen. "Geh doch mal eben pissen", sagten die Nazi-Schergen laut Anklage und feuerten sodann von hinten auf ihren Gefangenen. Zwei Schüsse in den Kopf töteten den Mann. Die Attacke sei nicht vorherzusehen gewesen, so der zuständige Oberstaatsanwalt Andreas Brendel. "Dijkema war arg- und wehrlos."

Als problematisch könnte sich im Laufe des Verfahrens jedoch erweisen, dass der Ablauf der Tat lediglich auf den Aussagen August N.s in einem früheren Prozess beruht. Inzwischen ist N. tot - und die Frage, wer damals überhaupt abdrückte, noch immer unbeantwortet. Auch der Nachweis eines gemeinschaftlich begangenen Verbrechens dürfte daher schwerfallen. Die Ankläger haben keine noch lebenden Zeitzeugen ausfindig machen können. Vor Gericht werden vor allem Akten verlesen und Personen befragt werden, die ihrerseits als Beamte dereinst Zeugen der Tat vernommen hatten.

Der Angeklagte B. wiederum wird in dem am Montag beginnenden Prozess zu den Vorwürfen schweigen, wie sein Verteidiger Klaus-Peter Kniffka ankündigte. Im Interview mit dem NDR-Politmagazin "Panorama" hatte B. immerhin eingeräumt, zusammen mit August N. und dem Häftling Dijkema am Tatort gewesen zu sein. Allerdings sagte er den Reportern, nicht er selbst, sondern August N. habe abgedrückt.

Zum Tode verurteilt

Ein niederländisches Sondergericht hatte B. bereits im April 1949 wegen der Exekution zum Tode verurteilt, die Strafe wurde später in lebenslange Haft umgewandelt. Verbüßen musste Siert B. sie jedoch nie, die Bundesrepublik verweigerte seine Auslieferung. Die Deutschen beriefen sich dabei auf einen Erlass Adolf Hitlers, der am 25. Mai 1943 die in der Waffen-SS und Wehrmacht dienenden Ausländer zu Deutschen erklärt hatte.

Die entsprechende Vorschrift entfaltete nach dem Krieg eine verheerende Wirkung, denn damit war eine Auslieferung mutmaßlicher Kriegsverbrecher ins Ausland rechtlich ausgeschlossen. In Deutschland wurde B. erst im Februar 1980 wegen Beihilfe zum Mord an zwei jüdischen Brüdern zu sieben Jahren Haft verurteilt.

Die Erschießung Dijkemas jedoch sühnte die Justiz damals nicht. Denn die Juristen vertrat die Auffassung, die Hinrichtung sei kein Mord gewesen und damit verjährt, weil das Mordmerkmal der Heimtücke gefehlt habe. Partisanen hätten schließlich ständig mit ihrer Erschießung rechnen müssen, so die Beamten.

Diese über Jahrzehnte in Deutschland gültige Rechtsauffassung wurde erst mit dem Prozess gegen Heinrich Boere endgültig durchbrochen. Das inzwischen vom Bundesgerichtshof bestätigte Urteil des Landgerichts Aachen wertete sogenannte Repressalmaßnahmen gegen Zivilisten - also willkürliche Erschießungen als Vergeltung für Anschläge auf Deutsche - erstmals als Morde.

Die Schwester des getöteten Aldert Klaas Dijkema, inzwischen selbst 97 Jahre alt, wird den Prozess in Hagen als Nebenklägerin begleiten. "Ihr geht es nicht um Rache", sagt ihr Kölner Anwalt Detlef Hartmann, "sondern um die Feststellung von Schuld." Weil der Angeklagte Siert B. aber nur eingeschränkt verhandlungsfähig ist, wird die Kammer nur drei Stunden täglich prozessieren können. Der Aufarbeitung des Unrechts, begangen vor 69 Jahren, soll bis in den Herbst dauern.

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white007 31.08.2013
1. ...vor Gericht
...ein jämmerlicher Schauprozess, wenn man bedenkt, dass die deutsche Strafjustiz 70 Jahre lang diese Verbrecher nicht belangen wollte. Mit 92 Jahren brauchen sie auch nicht mehr anfangen!
Bernd.Brincken 31.08.2013
2. Grundlagen der deutschen Justiz
"Die Deutschen beriefen sich dabei auf einen Erlass Adolf Hitlers, der am 25. Mai 1943 die in der Waffen-SS und Wehrmacht dienenden Ausländer zu Deutschen erklärt hatte. ... In Deutschland wurde B. erst im Februar 1980 wegen Beihilfe zum Mord an zwei jüdischen Brüdern zu sieben Jahren Haft verurteilt." Haarsträubend, wenn man heute erfährt, wie die deutsche Justiz über Jahrzehnte nach dem Krieg die bekannten Täter auf Basis eines alten Hitler-Erlasses (!) deckte. Nach der Aufarbeitung der DDR-Geschichte wird es vielleicht auch einmal Zeit, die BRD-Geschichte aufzuarbeiten. Vieles aus dieser Zeit erscheint heute ähnlich befremdlich wie damals die DDR.
pfeiffffer 31.08.2013
3. Verstehe ich das richtig?
Es war Krieg und er hat angeblich Zivilisten erschossen und soll dafür verurteilt werden? Heute läuft sowas doch unter Collateral Damage, und alle, die es wagen, auf so etwas hinzuweisen, werden vor Gericht gezerrt und zu 30 Jahren Knast verurteilt oder ihnen wird ein geplatztes Kondom angehängt und die Staatsanwaltschaft irgendeines Pudel-Staates auf den Hals gehetzt.
konradb 31.08.2013
4. Unglaublich
Dass Deutschland die Naziklüngelei nach Ende des Krieges noch so lange erhalten blieb. Das ist das einzige, was ich nicht nachvollziehen kann. Dass etliche Kriegsverbrecher "begnadigt" und "beschützt" wurden, erst von den Alliierten und dann von den Nazis selbst, die inzwischen geläutert und als Demokraten auferstanden, sich überall im Regierungsapparat eingenistet haben, entzieht sich meinem gesunden Menschenverstand zwar auch, gibt es dazu aber allerhand Analysen und Erklärungen, die es nachvollziehbar machen sollen. Mein großer Dank gilt den Studenten der 1960er Jahre, die die immer noch agierenden Nazierben ziemlich durcheinandergeschüttelt haben und die Aufarbeitung der NS-Zeit beschleunigten. Zu diesem alten Mann: er sollte seine Strafe bekommen, aber nach so langer Zeit ist das wirklich nur noch tragikkomisch.
warumeigentlich 31.08.2013
5. Schuldig?
Sicherlich ja. Doch in Wirklichkeit war er ein kleines licht am Sternenhimmel der Nazischergen. Viel mehr würde mich interessierten warum man zugelassen hat, dass sich damals, nach dem Krieg, so viele Schreibtischtäter in der CDU verstecken konnten. Diese konnten auf hohen, gesellschaftlich anerkannten Positionen ein schönes, ruhiges Leben führen.
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