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Kriegsverbrecherprozess: Ein Greis vor seinen Richtern

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Es ist wohl der letzte große Prozess gegen einen mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher in Deutschland: In München steht Josef S. vor Gericht. Als Kompanieführer soll er 1944 in Italien die Ermordung von 14 Zivilisten befohlen haben. Der 90-Jährige bestreitet die Vorwürfe.

Hamburg - Wenn am Montag am Münchner Landgericht das Verfahren gegen den 90-jährigen Josef S. beginnt, dürfte es der letzte große Prozess gegen einen mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher sein.

Prozess gegen Josef S.: "Ihm waren Ehrungen wichtig"
J. Vogler / VVN-BdA

Prozess gegen Josef S.: "Ihm waren Ehrungen wichtig"

S., ehemaliger Leutnant der Wehrmacht, muss sich wegen 14-fachen Mordes verantworten. Als Kompanieführer soll er im Juni 1944 in einem kleinen Dorf in der Toskana die Tötung von 14 Zivilisten befohlen haben.

In jenem Sommer führte S. die erste Kompanie des Gebirgsjäger-Pionier-Bataillons 818, das in Mittelitalien den deutschen Rückzug sichern sollte. Am 26. Juni 1944 erschossen italienische Partisanen aus dem Hinterhalt zwei deutsche Soldaten, einen Unteroffizier und einen Gefreiten.

Gemeinsam mit Bataillonskommandeur Major Herbert S. soll Josef S. einen Tag nach der Beerdigung der Kameraden den Vergeltungsschlag im Dorf Falzano di Cortona angeordnet haben: Zuerst, so schilderten es Zeugen, erschossen die Wehrmachtssoldaten kurzerhand drei Männer und eine Frau auf offener Straße - diese waren ihnen rein zufällig über den Weg gelaufen.

Anschließend trieben die Deutschen elf Männer, überwiegend Bauern, auf dem Marktplatz von Falzano zusammen. Sie zwangen sie, sich an einer Mauer aufzustellen, und sprengten vor ihren Augen Kirche, Pfarrhaus, Brücke, Bauernhäuser in die Luft.

"Allen war klar, dass sie sterben werden. Die Opfer litten Todesangst", sagt Oberstaatsanwalt Anton Winkler SPIEGEL ONLINE. Erst nach Stunden hätten die Soldaten die Männer wie Vieh in das Bauernhaus der Familie Cannicci getrieben, dort eingesperrt und sie ebenfalls mit Dynamit in die Luft gesprengt.

Nach der Sprengung feuerten die Deutschen mit Maschinengewehren in die Trümmer. Zehn Männer im Alter zwischen 16 und 66 Jahren starben. Es grenzt an ein Wunder, dass Gino M. - damals gerade 15 Jahre alt - das Massaker als Einziger überlebte. Stunden nach dem Blutbad wurde der Junge hinter einem eingestürzten Dachbalken hervorgezerrt. Der heute 79-Jährige ist einer der wenigen noch lebenden Augenzeugen, die in dem bevorstehenden Prozess aussagen werden.

Ein Militärtribunal verurteilte Josef S. zu lebenslanger Haft

Die Staatsanwaltschaft ist davon überzeugt, dass Josef S. den Racheakt in Auftrag gegeben hat. Außer Gino M. gebe es noch weitere Zeugen, sagt Winkler. Zudem ist Josef S. bereits am 28. September 2006 von einem italienischen Militärtribunal in La Spezia in seiner Abwesenheit zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Als deutscher Staatsbürger wird er aber nicht ausgeliefert.

"Das Urteil ist ein Anhaltspunkt - mehr aber nicht", sagt Staatsanwalt Winkler. Nach italienischem Recht ist der bloße Umstand, dass Josef S. zur Kompanie gehörte, für eine Verurteilung ausreichend. "Wir aber müssen nachweisen, dass er den Befehl zum Morden gegeben hat oder dabei war." Die deutschen Ankläger verzichteten auf einen Haftbefehl - bei Josef S. bestehe weder Flucht- noch Verdunkelungsgefahr.

Der rüstige Rentner hat immer bestritten, das Massaker in Auftrag gegeben zu haben und wird mit drei Verteidigern vor Gericht erscheinen: darunter die Anwälte Rainer Thesen aus Nürnberg und Christian Stünkel aus Jena sowie Klaus Goebel aus München.

Letzterem wird eine enge Verbindung zur Organisation "Stille Hilfe für Kriegsgefangene und Internierte" nachgesagt, ein Verein, bei dem auch Himmler-Tochter Gudrun Burwitz Mitglied ist. Nazis wie Klaus Barbie, der "Schlächter von Lyon", und SS-Aufseher Anton Malloth sollen von der Organisation unterstützt und geschützt worden sein. Josef S. ist nicht der erste NS-Kriegsverbrecher, den Rechtsanwalt Goebel vertritt: Vor Gericht verteidigte er bereits Malloth sowie die Holocaust-Leugner David Irving und Germar Rudolf.

Die Tochter des Angeklagten: "Sein Zustand ist schlecht!"

Mit dem Verfahren gegen Josef S. wird erstmals einem Mitglied der Gebirgstruppe in München der Prozess gemacht. Der 90-Jährige gilt - anders als Bataillonskommandeur Major Herbert S., der ebenfalls noch lebt - als verhandlungsfähig. "Er ist in der Lage, dem Prozess über kurze Strecken zu folgen", sagt S.' Verteidiger Rainer Thesen SPIEGEL ONLINE. "Das belegt ein ärztliches Gutachten, und das ist auch mein Eindruck."

Auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE, wie es dem betagten Rentner drei Tage vor Prozessbeginn gehe, entgegnete seine Tochter: "Sein Zustand ist sehr schlecht!" Darüberhinaus wollte sie sich nicht äußern.

Theoretisch könnte Josef S. am Montag auf seinen schlechten Gesundheitszustand verweisen - und den Prozess dadurch in die Länge ziehen. "Er wird sich nicht in Verfahrenstricks flüchten", sagt jedoch Rechtsanwalt Thesen. "Das entspricht nicht seiner Persönlichkeit."

Der Neffe des Angeklagten: "Ihm waren Ehrungen wichtig"

Nach Kriegsende war S., gebürtiger Münchner, in seine Heimat zurückgekehrt und hatte sich als Schreinermeister im wohlhabenden Vorort Ottobrunn ein eigenes Möbelgeschäft aufgebaut.

Hier gilt Josef S. noch heute - viele wissen von dem bevorstehenden Prozess - als honoriger Bürger: Mehr als 20 Jahre lang saß er für die Freien Wähler im Gemeinderat, war Ehrenkommandant der örtlichen Feuerwehr und bekam erst vor drei Jahren die "Bürgermedaille" überreicht – "aufgrund besonders verdienstvollen Wirkens für die Gemeinde Ottobrunn zum Wohl der Allgemeinheit".

Doch S. und seine Vergangenheit werden auch durchaus kritisch gesehen - offenbar auch in der eigenen Familie. "Meinem Onkel waren Ehrungen und Auszeichnungen sehr wichtig. Im Allgemeinen ergeben sich aus Ehrungen Verpflichtungen", sagte sein Neffe Heinrich Schwarzmayr der Münchner "Abendzeitung". "Unabhängig jeglicher juristischen Aufarbeitung, ob Beihilfe, Anstiftung, Totschlag oder sogar Mord, ergibt sich die Verpflichtung, die Opfer und Hinterbliebenen für das erfahrene Leid angemessen zu entschädigen. Da mein Onkel nicht unvermögend ist, ist dies meines Erachtens eine noch zu erfüllende Aufgabe."

Den Kontakt zu seinen Kameraden soll der 90-jährige Josef S. seit Jahrzehnten intensiv pflegen: Regelmäßig soll er einen entsprechenden Stammtisch in einer Münchner Gaststätte besuchen und fast jährlich am Treffen des "Kameradenkreises der Gebirgstruppe" in Mittenwald teilnehmen.

Es ist davon auszugehen, dass auch aus diesen Runden Zeugen geladen werden. Vor Gericht will Josef S. seine Anwälte für sich sprechen lassen, kündigte Verteidiger Thesen an.

Der Angeklagte selbst werde nur das persönlich sagen, was er seit Jahren behauptet: "So etwas habe ich nicht gemacht."

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