Aus Melle berichtet Julia Jüttner
"Das ist ein Überfall, Geld in den Rucksack", ruft er hektisch und fuchtelt mit der Spielwaffe herum. "Wir haben nur Hartgeld, keine Scheine", erwidert die Kassiererin. Sie ist alleine in der Bank. "Mir egal, ich brauche dringend Geld!"
Welch Ironie, dass einer, der süchtig ist nach Glücksspielautomaten, eine Bank überfällt, die nur Münzgeld auf Lager hat.
Riesen flieht mit dem zentnerschweren Rucksack. "Das war das Adrenalin, im Normalzustand könnte ich so ein Gewicht keine zehn Meter weit schleppen." Im Wald zählt er seine jämmerliche Beute - 1260 Euro in Rollen, von Ein-Cent- bis Zwei-Euro-Stücken. "Mir ging es beschissen", erinnert sich Riesen. Im Radio hört er von dem Banküberfall: "Der Täter flüchtete mit Hartgeld in einem Bus nach Osnabrück." Eine Falschinformation.
Was macht er mit den Münzen nach dem Überfall? - "Was macht ein Spielsüchtiger mit Münzen?" Riesen entsorgt die Tatklamotten in einem Altkleidercontainer, setzt sich vor einen Automaten - und verliert.
Er fleht einen Bekannten an, der ihm die Summe leiht, die er braucht, um den Fahrzeugbrief auszulösen.
Abends liegt Riesen im Bett - das Dokument auf dem Nachttisch. Riesen träumt in jener Nacht, wie der Überfall ablief, wie er anders hätte ablaufen können. Drei Jahre lang lassen ihn die Träume nicht mehr los. Der Blick der Kassiererin verfolgt ihn. "Tagsüber konnte ich das verdrängen, aber nachts kam es immer wieder hoch."
Heinrich Riesen verzockt in zehn Jahren 200.000 Euro
Riesen vertraut sich niemandem an. Er ist von sich selbst entsetzt. Wie konnte er das dieser Frau antun? Wie soll sie je diese Minuten wieder vergessen? Wie es ihr wohl geht? Wie konnte er so tief sinken?
Seine Verzweiflung betäubt er mit der Zockerei. Nur einmal kommt ihm seine Frau fast auf die Schliche, als sie ihn um die Kontoauszüge bittet. Riesen zerkratzt den Magnetstreifen seiner EC-Karte, um sich Zeit zu verschaffen. Seine Frau fragt nicht mehr. Ende 2008 verlässt sie ihn mit dem gemeinsamen Sohn.
Riesen sagt, er habe durch seine Sucht 200.000 Euro verloren. Am 14. Februar 2009 begreift er endlich, dass er nicht nur sein Geld verloren hat, sondern auch seine Familie, die Kontrolle über sich selbst und seine Selbstachtung.
Er ruft seine Eltern an, beichtet ihnen seine Sucht - und den Überfall. "Sie waren schockiert. Ich hatte bis dahin noch nie in meinem Leben etwas geklaut oder einen Menschen betrogen. Aber sie haben mich nicht im Stich gelassen. Mein Vater sagte: Komm nach Hause, wir fahren zusammen zur Polizei. Aber ich hatte Sorge, dass ich es mir auf der langen Fahrt doch wieder anders überlege." Kurz vor Mitternacht stellt er sich in Dresden, wo er sich gerade beruflich aufhält, der Polizei.
Auf dem Polizeirevier muss Riesen Überzeugungsarbeit leisten
"Wie viel haben Sie denn getrunken?", fragen ihn die beiden Beamten, die auf dem Revier einer kleinen Wache Nachtdienst schieben. Vier Stunden braucht Riesen, um die Polizisten davon zu überzeugen, dass er eine Bank überfallen hat. Die Akten zu dem ungeklärten Fall sind längst im Keller einer Dienststelle im 480 Kilometer entfernten Georgsmarienhütte eingestaubt. Riesen hatte trotz seines dilettantischen Überfalls keinerlei Spuren hinterlassen.
In den frühen Morgenstunden wird er einer Haftrichterin vorgeführt, die ihn wegen Fluchtgefahr sofort in Untersuchungshaft steckt. Zwei Monate bleibt er in Haft. Auch ein Gefängnis kennt Riesen bis dahin nur aus dem Fernsehen. "Es ist genau wie im Film: Eine mickrige Zelle, eine Stunde pro Tag im Hof im Kreis gehen. Aber ich war trotzdem befreit, hatte ein leichtes Herz." Doch die Alpträume bleiben.
Nach der U-Haft unterzieht sich Riesen einer zehnwöchigen Therapie gegen Spielsucht in einer Klinik in Bad Hersfeld. Seither besucht er einmal pro Woche eine Selbsthilfegruppe. Er sagt, es helfe ihm, offen über seine Sorgen und Nöte zu sprechen und zu verstehen, warum er dieser Sucht erlag.
"Man bleibt ein Spieler. Geheilt werden kann man nicht, nur trocken bleiben wie ein Alkoholiker", sagt Riesen mit einem hoffnungsvollen Lächeln.
Am Montag muss sich der 28-Jährige vor dem Amtsgericht Bad Iburg für den Überfall verantworten. Er hofft auf eine Bewährungsstrafe.
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