Verbrechen Kriminalität an deutschen Hauptbahnhöfen steigt deutlich

Mehr Gewalttaten, mehr Diebstähle: An den zehn größten deutschen Bahnhöfen ist die Kriminalität nach SPIEGEL-Informationen teilweise drastisch gestiegen. Nur eine Zentralstation bildet die Ausnahme.

Ein Beitrag zur Themenwoche "Sicherheit" von


Wo steht Deutschland: bei der Integration von Flüchtlingen, dem Umweltschutz, der sozialen Gerechtigkeit? Wir wollen es herausfinden - und berichten in sieben Themenwochen über Deutschland im Wahljahr 2017.
Einen Überblick finden Sie hier.

Ein 24-Jähriger wirft in einem Fast-Food-Restaurant mit Essen um sich, er gerät in Streit mit einer Männergruppe, wird geschlagen, auch ein Glas fliegt.

Ein 25-Jähriger hält eine 43-Jährige fest und versucht, sie zu küssen. Erst als ihr Freund der Frau zu Hilfe kommt, lässt der Täter ab und flüchtet.

Ein Mann bricht nachts in eine Bäckerei ein und randaliert, eine Glasvitrine und ein Getränkekühlschrank gehen zu Bruch.

Zwei Angreifer schlagen einem 26-Jährigen ins Gesicht und stoßen ihn auf ein Bahngleis. Das Opfer muss ins Krankenhaus, die Täter entkommen unerkannt.

Vier Fälle aus den vergangenen Wochen, alle geschehen am Stuttgarter Hauptbahnhof. Körperverletzung, Sexualdelikte, Diebstähle - es ist nicht schwer, Beispiele für Verbrechen an großen deutschen Bahnhöfen zu finden, denn die Sicherheitslage dort ist so schlecht wie seit Jahren nicht.

In Stuttgart wird das besonders deutlich: 2011 registrierte die Bundespolizei, die für die Sicherheit im Bahnbereich zuständig ist, rund 1580 Straftaten. 2016 waren es mit 3060 fast doppelt so viele; ein starker Anstieg, der in diesem Zeitraum in vielen deutschen Städten zu beobachten ist.

Bislang hat die Bundespolizei in der Regel nur Kriminalitätsstatistiken für ganze Regionen veröffentlicht. Dem SPIEGEL liegen die von der Polizei erfassten Deliktzahlen für die zehn meistfrequentierten Bahnhöfe vor: Hamburg, Frankfurt am Main, München, Köln, Stuttgart, Berlin Hauptbahnhof, Hannover, Düsseldorf, Berlin-Friedrichstraße, Berlin-Ostkreuz.

Größte deutsche Bahnhöfe

Bahnhof Besucher pro Tag
Hamburg 530.000
Frankfurt a.M. 460.000
München 400.000
Köln 310.000
Stuttgart 300.000
Berlin Hauptbahnhof 300.000
Hannover 280.000
Düsseldorf 270.000
Berlin-Friedrichstraße 240.000
Berlin-Ostkreuz 210.000

Quelle: Deutsche Bahn

Nur an einem der Bahnhöfe ist die Zahl der Straftaten niedriger als vor fünf Jahren: in Düsseldorf. Das zeigen detaillierte Zahlen der Bundespolizei sowie der Landespolizei. In Frankfurt hat sich die Zahl der erfassten Rauschgiftdelikte in fünf Jahren mehr als verdreifacht, in Berlin ist die Zahl der Diebstähle rasant gestiegen, in Hannover verzeichnete die Bundespolizei insgesamt 61 Prozent mehr Straftaten als noch 2011.

"An manchen Bahnhöfen ist ein Zustand erreicht, in dem sich der Bürger nicht mehr sicher fühlen kann", warnt Ernst Walter, Vorsitzender der DPolG-Bundespolizeigewerkschaft.

Hinzu kommt eine oft enorm unangenehme Atmosphäre an den Bahnhöfen. In München etwa mussten sich Reisende zuletzt immer wieder den Weg durch einen Pulk betrunkener Männer bahnen. Eine Rollstuhlfahrerin berichtet, auf der Wache habe man ihr geraten, sie solle abends besser nicht im Hauptbahnhof sein: "zu gefährlich"

"Die zunehmende Verrohung der Gesellschaft ist an den Hauptbahnhöfen ganz besonders zu spüren", sagt Jörg Radek, stellvertretender Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP).

Ein direkter Vergleich der einzelnen Bahnhöfe ist schwierig, da nicht überall vergleichbare Zahlen und vergleichbare Zuständigkeiten im und am Bahnhof vorliegen. Gerade die Landespolizeien, die für den Bereich außerhalb der Bahnhofsgebäude zuständig sind, konnten das "Gebiet Bahnhof" nicht einheitlich erfassen.

Wir haben die Zahlen trotzdem abgefragt und aufgenommen. Denn häufig hilft die Landespolizei auch im Gleisbereich selbst. Und wenn die Kriminalität an den Verkehrsknotenpunkten steigt, nimmt sie oft auch in der näheren Umgebung zu - und umgekehrt. Die Entwicklungen lassen sich nicht getrennt voneinander betrachten.

Der Überblick:

An den Großbahnhöfen rächten sich nun frühere Stellenstreichungen bei der Bundespolizei, sagt Gewerkschafter Radek. Die Regierung Merkel habe zudem Personal von Bahnhöfen zu Flughäfen und Grenzsicherung abgezogen. Aktuell gibt es rund 5000 Bahnpolizisten - dem GDP-Mann zufolge sind das etwa 2350 Beamte zu wenig: "Die Kollegen sind längst am Limit." Sie könnten nicht mehr "die abschreckende Präsenz an den Bahnhöfen zeigen wie früher", sagt Radek.

Laut Radek gibt es auch andere Ursachen für den Kriminalitätsanstieg: "Ein Teil der Straftaten geht auf eine kleine Minderheit unter den Flüchtlingen zurück." Da gebe es "nichts schön zu reden".

Verstöße gegen das Aufenthaltsgesetz spielen den Zahlen der Sicherheitsbehörden zufolge anders als noch 2015 an den Großbahnhöfen keine große Rolle - mit zwei Ausnahmen: In Stuttgart geht ein knappes Drittel des registrierten Kriminalitätszuwachses auf diese Delikte zurück. Und in Frankfurt fällt der Anstieg, wenn man die Aufenthaltsdelikte herausrechnet, mit 39 statt 67 Prozent ebenfalls geringer aus.

Erotikshops und Raucherkneipen

"Der zum Teil deutliche Anstieg der Kriminalität an großen Hauptbahnhöfen ist ein Grund dafür, warum die SPD in den kommenden Jahren weitere 15.000 neue Stellen bei der Bundespolizei fordert", sagt Burkhard Lischka, innenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

Das CDU-geführte Bundesinnenministerium will bis 2020 gut 6800 zusätzliche Polizisten einstellen. In welchen Bereichen sie anfangen, ist jedoch noch offen. Klar ist aber: Die ersten neuen Beamten werden laut einer Sprecherin erst 2019 "zum Einsatz kommen". Sie verweist jedoch auf die zuletzt ausgebaute Videoüberwachung an Bahnhöfen.

Aus Sicht von Jan Korte, stellvertretender Vorsitzender der Linken-Bundestagsfraktion, zeigt die gestiegene Kriminalität an Großbahnhöfen, "dass Personalabbau bei der Polizei nicht durch massiv ausgeweitete Videoüberwachung aufgefangen werden kann".

Die DB hatte zuletzt angekündigt, 500 zusätzliche Sicherheitsmitarbeiter einzustellen - Kritikern ist das jedoch zu wenig. Der Fahrgastverband

Fotostrecke

10  Bilder
Statistik: Die Kriminalität an deutschen Hauptbahnhöfen

Pro Bahn fordert eine andere Bahnhofsgestaltung, um die Sicherheitslage zu verbessern. "Wer Erotik-Shops oder Raucherkneipen statt Drogeriemärkte und gut bürgerlichen Restaurants ansiedle, ziehe "natürlich ein ganz anderes Publikum an", sagt ein Sprecher.


*Während die Bundespolizei Zahlen aus der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) übermittelte, wertete die Kölner Landespolizei ihre Eingangsstatistik (PES) aus, da so eine genauere Eingrenzung möglich gewesen sei. Da beide Behörden für die gesamte Zahlenreihe jeweils nur die PKS oder die PES verwendeten, lässt sich ein Trend ablesen. Die PES-Zahlen sind nach Polizeiangaben valide und für Zahlenreihen zur Entwicklung der Kriminalität geeignet. Allerdings fallen die PES-Zahlen naturgemäß etwas höher aus als die bereinigten PKS-Zahlen.

**Im Gegensatz zu anderen Bundespolizeipräsidien haben die Berliner nicht die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik ermittelt, da dies "nur mit einem erheblichen Aufwand" möglich wäre. Die Kriminaler ermittelten die Deliktzahlen stattdessen mithilfe des Vorgangsbearbeitungssystems der Bundespolizei für die Jahre 2012 bis 2016 - Zahlen für 2011 lägen nicht vor. Die Zahlen sind nach Auskunft der Sicherheitsbehörden valide und belastbar.



© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.