Kriminalität in Deutschland Trumps Fantasiezahlen

US-Präsident Trump behauptet, die Zahl der Straftaten in Deutschland sei um zehn Prozent gestiegen. Das ist falsch. Wie ist die Lage wirklich?

Donald Trump
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US-Präsident Donald Trump hat in zwei Tweets ein schlimmes Bild der Sicherheitslage in Deutschland gezeichnet, angeblich verursacht durch die Flüchtlingsbewegung. Am Montag schrieb Trump, die Kriminalität sei stark gestiegen. In ganz Europa habe man den großen Fehler begangen, Millionen Menschen hereinzulassen, die die dortige Kultur auf gewaltsame Weise stark verändert hätten.

Am Dienstag behauptete er dann, die Kriminalität in Deutschland sei um zehn Prozent gestiegen, Beamte würden diese Zahlen aber nicht melden wollen.

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) wies das umgehend zurück - und verwies auf die Kriminalstatistik. "Wir sehen dort leicht positive Entwicklungen", sagte Merkel. Behörden müssten noch mehr tun, aber die Zahlen seien ermutigend.

Wie also ist die Entwicklung wirklich? Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Wie hat sich die Zahl der erfassten Straftaten entwickelt?

Wer von "der Kriminalität" spricht, wie Trump es tut, meint meist die von der Polizei erfassten Straftaten. Doch ein Blick in die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zeigt: Es gab in den vergangenen 25 Jahren in Deutschland keinen Anstieg um zehn Prozent, weder vor noch nach der Zeit des größten Flüchtlingszuzugs. In den Jahren 2014, 2015 und 2016 stieg die Zahl der registrierten Straftaten um einige Prozent an, von 2016 auf 2017 gab es einen Rückgang um rund zehn Prozent.

Die Grafik zeigt die Entwicklung seit 1994:

Die Gesamtzahl der erfassten Straftaten war 2017 mit 5,76 Millionen so niedrig wie seit 1992 nicht mehr. Ohne ausländerrechtliche Straftaten, die durch die Einwanderung zwischenzeitlich stark zugenommen haben, ist die Zahl der Taten seit 2005 fast durchgängig gesunken, am stärksten im vergangenen Jahr um rund fünf Prozent.

Wie ist die Kriminalitätslage in Deutschland?

Selbst wenn es den Trump'schen Anstieg um zehn Prozent geben würde, wäre das Land dadurch nicht automatisch unsicherer. Das liegt daran, dass die Gesamtzahl der Straftaten in der PKS nur wenig darüber aussagt, wie sich die Kriminalität entwickelt.

Das fängt schon damit an, dass in der PKS alle Delikte über einen Kamm geschoren werden: Mord und Totschlag werden genauso gezählt wie Wohnungseinbrüche, der Besitz von Cannabis, illegale Müllentsorgung oder Abrechnungsbetrug. Rechnet man all das aber einfach zusammen, überlagern sich gegensätzliche Entwicklungen. Es ist also von vornherein nur sinnvoll, sich die Entwicklung einzelner Delikte anzuschauen.

Und selbst dann hat die PKS noch eine Reihe von Schwächen (lesen Sie hier eine ausführliche Analyse dazu). Zwei Beispiele:

  • Die Statistik erfasst lediglich die Fälle, die der Polizei bekannt werden. Je nach Delikt ist das aber nur ein Bruchteil der tatsächlichen Kriminalität. Bei Sexualdelikten etwa werden einer aktuellen Studie zufolge über 90 Prozent der Taten nie angezeigt. Zum Vergleich: Bei Kfz-Diebstahl sind es nur rund fünf Prozent.
  • Eine Reihe von Delikten taucht in der PKS gar nicht auf, zum Beispiel politisch motivierte Kriminalität. Dazu gehören etwa rechtsextreme Straftaten oder islamistisch motivierte Delikte.

Pauschal und allein auf Basis der Polizeistatistik lässt sich obige Frage also nicht beantworten. Nur wenn die PKS mit anderen Studien kombiniert wird, etwa Befragungen der Bevölkerung, lassen sich belastbare Aussagen treffen (Lesen Sie hier etwa eine umfassende Analyse zu Gewaltdelikten).

Viele Kriminologen fordern deswegen seit Jahren umfassendere Sicherheitsberichte. Die Politik hat das bisher ignoriert.

Ist die Zahl der erfassten Straftaten durch Flüchtlinge gestiegen?

Erste Forschungsergebnisse gibt es zur Gewaltkriminalität, zu der etwa Mord, Sexualdelikte und gefährliche Körperverletzung zählen. Hier gab es von 2015 auf 2016 einen Anstieg um 6,7 Prozent, nachdem die Zahlen seit 2007 kontinuierlich gesunken waren. Im vergangenen Jahr wurden wieder weniger Gewaltdelikte registriert.

Der Anstieg 2016 sei nahezu vollständig auf die Flüchtlinge zurückzuführen, sagt der Kriminologe Dirk Baier, der zusammen mit Kollegen Zahlen für Niedersachsen analysiert hat.

Ihrer Studie zufolge tauchen Geflüchtete häufiger in der PKS auf, als es ihrem Anteil an der Bevölkerung entspricht. Es gibt jedoch große Unterschiede nach Herkunftsländern. Menschen aus Syrien, dem Irak und Afghanistan werden eher selten als Tatverdächtige erfasst, Geflüchtete aus Südosteuropa etwa ihrem Anteil entsprechend und Flüchtlinge aus Nordafrika häufiger.

Die Kriminologen sehen eine Reihe möglicher Erklärungen für den Anstieg:

  • Die Zahl der Flüchtlinge sei gestiegen, entsprechend steige auch die Zahl der Straftaten.
  • Geflüchtete seien häufig junge Männer - diese Gruppe begehe unabhängig von der Herkunft häufiger Straftaten.
  • Flüchtlinge würden etwa doppelt so häufig bei der Polizei angezeigt wie einheimische Täter.
  • Die Flüchtlinge stammten teilweise aus Ländern, in denen Gewalt zur Lösung von Problemen akzeptierter sei als in Deutschland.
  • Die Bleibeperspektive: Wer eine Chance auf Anerkennung habe, wolle diese nicht durch eine Straftat zerstören. Andererseits begünstigten fehlende Perspektiven Kriminalität - etwa durch einen abgelehnten Asylantrag oder eine fehlende Arbeitserlaubnis.
  • Die Unterbringung in großen Sammelunterkünften begünstige ebenfalls Straftaten.

Fazit

Es gab 2016 einen kurzzeitigen Anstieg der registrierten Gewaltdelikte, den Kriminologen auf den Flüchtlingszuzug zurückführen. Die Forscher benennen dafür eine Reihe möglicher Ursachen. Den von Donald Trump behaupteten Anstieg "der Kriminalität" um zehn Prozent hat es hingegen nie gegeben - die neuesten Zahlen sind rückläufig.



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